Kon­kur­renz am Main für die Wit­ten­ber­ger Dru­cker

Sig­mund Fey­er­a­bend brach­te ei­ne Lu­ther­bi­bel her­aus / Ex­em­plar von 1560 in der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek

Badische Neueste Nachrichten (Baden-Baden) - - SÜDWESTECHO -

Das ur­sprüng­li­che Zen­trum des Lu­ther­bi­bel­drucks war Wit­ten­berg. Bald wur­de aber auch in Frank­furt Geld mit der Über­set­zung des Re­for­ma­tors ver­dient. Ei­ne der Bi­beln vom Main aus dem Jahr 1560 ge­hört heu­te der Ba­di­schen Lan­des­bi­blio­thek (BLB). Von ihr han­delt die­ser Gastbeitrag der Lei­ten­den BLB-Di­rek­to­rin. Teil 21

Den Wit­ten­ber­ger Bi­bel­dru­ckern, die seit Lu­thers Tod 1546 als Hü­ter und Wah­rer des un­ver­fälsch­ten lu­ther­schen Bi­bel­tex­tes auf­tra­ten, ent­stand seit 1559 ei­ne ernst­haf­te Kon­kur­renz in Frank­furt am Main. Hier war zwar erst ver­hält­nis­mä­ßig spät, im Jahr 1530, ei­ne ers­te Buch­dru­cke­rei ent­stan­den, und der Bi­bel­druck hat­te kaum ei­ne Rol­le ge­spielt – jetzt aber be­grün­de­te Sig­mund Fey­er­a­bend ein leis­tungs­fä­hi­ges Ver­lags­un­ter­neh­men. Als ge­lern­ter Form­schnei­der, al­so je­mand, der Vor­zeich­nun­gen für Holz­schnit­te in den Druck­stock zu schnei­den ver­stand, ver­band er sich mit zwei Dru­ckern und war bald als skru­pel­lo­ser Ge­schäfts­mann be­rüch­tigt.

Sein Ver­lag pro­du­zier­te theo­lo­gi­sche und ju­ris­ti­sche Li­te­ra­tur für den ge­samt­eu­ro­päi­schen Markt, hat­te aber vor al­lem gro­ßen Er­folg mit reich il­lus­trier­ten Wer­ken für deut­sche Le­ser. Ei­nes der ers­ten Ver­lags­er­zeug­nis­se Fey­er­a­bends war 1560 ein präch­ti­ger, von Vir­gil So­lis il­lus­trier­ter Nach­druck der Lu­ther­bi­bel, von dem Fey­er­a­bend fast jähr­lich Neu­auf­la­gen her­aus­brach­te. Of­fen­siv be­müh­te er sich, Druck­pri­vi­le­gi­en für sei­ne Bi­bel in ver­schie­de­nen deut­schen Ter­ri­to­ri­en zu er­lan­gen und den Wit­ten­ber­ger Bi­bel­dru­ckern Markt­an­tei­le ab­zu­ja­gen. Die al­ler­dings wehr­ten sich und schaff­ten es, zu­min­dest ihr Pri­vi­leg im Kur­fürs­ten­tum Sach­sen zu ver­tei­di­gen; Au­gust von Sach­sen ver­bot 1564 so­gar den Ver­kauf der Frank­fur­ter Bi­beln auf der Leip­zi­ger Buch­mes­se.

Vorn in die Bi­bel ein­ge­fügt sind zwei ganz­sei­ti­ge Wid­mungs­blät­ter mit Por­traits pfäl­zi­scher Kur­fürs­ten und ih­rer Wap­pen: Otthein­rich, Kur­fürst von 1556 bis 1559, hat­te 1556 die Re­for­ma­ti­on in der Kur­pfalz durch­ge­führt. Sein Nach­fol­ger Fried­rich III., Kur­fürst von 1559 bis 1576, hat­te dem Ver­le­ger Fey­er­a­bend 1560 ein Pri­vi­leg für sei­ne Bi­bel in der Kur­pfalz er­teilt und wur­de folg­lich als Schutz­herr des Ver­le­gers be­son­ders ge­wür­digt. Er wand­te sich al­ler­dings spä­ter dem Cal­vi­nis­mus zu und führ­te in der Pfalz das re­for­mier­te Be­kennt­nis ein. Da­mit fiel er als Pri­vi­le­gi­en­ge­ber für Fey­er­a­bend aus. Es folgt in der Karls­ru­her Bi­bel noch ein wei­te­res Blatt mit dem Por­trait von Lud­wig VI., Kur­fürst der Pfalz von 1576 bis 1583. Als ent­schie­de­ner Lu­the­ra­ner setz­te er für ei­ni­ge Jah­re wie­der das lu­the­ri­sche Be­kennt­nis durch und er­teil­te 1583 Fey­er­a­bend ein neu­es Pri­vi­leg. Die Karls­ru­her Fey­er­a­bend-Bi­bel von 1560 ist sein per­sön­li­ches Ex­em­plar. Wahr­schein­lich ge­lang­te es nach Ba­den, als sein Bru­der Jo­hann Ca­si­mir in der Kur­pfalz er­neut das re­for­mier­te Be­kennt­nis ein­führ­te. In Ba­den-Dur­lach, wo Lud­wig 1577-1583 der Vor­mund­schafts­re­gie­rung für den un­mün­di­gen Ernst Fried­rich an­ge­hör­te, blieb es beim 1556 ein­ge­führ­ten lu­the­ri­schen Be­kennt­nis. Die 150 Tex­t­holz­schnit­te von Vir­gil So­lis er­wei­ter­ten das Bild­pro­gramm der bis­he­ri­gen Lu­ther­bi­beln auf das Neue Tes­ta­ment. Bis da­hin hat­ten die Lu­ther­bi­beln, auf den Re­for­ma­tor selbst zu­rück­ge­hend, nur Evan­ge­lis­ten­bil­der und Il­lus­tra­tio­nen zur Apo­ka­lyp­se ent­hal­ten. Die­se Bi­bel bot nun auch Ab­bil­dun­gen zu den Evan­ge­li­en, et­wa zur Hin­rich­tung des Täu­fers oder zur Be­keh­rung des Pau­lus. Nicht ent­hal­ten sind Darstel­lun­gen von Chris­tus, folg­lich auch kei­ne Bil­der zur Pas­si­on.

Wie schon in den frü­hen Lu­ther­über­set­zun­gen wur­den die Bil­der auch zur re­li­giö­sen Pro­pa­gan­da ge­nutzt. Im Jo­han­nes-Evan­ge­li­um fin­det sich ei­ne Darstel­lung zum Gleich­nis vom gu­ten Hir­ten und dem Schaf­stall als Reich Got­tes. Sie zeigt un­ter den Die­ben und Räu­bern, die an­ders als durch Chris­tus ins Reich Got­tes zu kom­men trach­ten, zwei Mön­che, die mit­tels Ein­bruch durch die Stall­wand oder mit ei­ner Lei­ter über das Dach hin­ein­zu­ge­lan­gen ver­su­chen.

Die Bil­der ha­ben brei­te Schmuck­rah­men mit Pflan­zen, Tie­ren, Put­ten und Mas­ken im Stil der Re­nais­sance. Die­ses „heid­ni­sche“Rah­men­werk er­reg­te An­stoß bei den Käu­fern, wes­halb Fey­er­a­bend ab der fünf­ten Auf­la­ge sei­ner Bi­bel den Aus­stat­ter wech­sel­te und mit Jost Am­man den be­deu­tends­ten und be­lieb­tes­ten Bu­ch­il­lus­tra­tor Deutsch­lands en­ga­gier­te. Ju­lia von Hil­ler

DIE­SER KOLORIERTE HOLZSCHNITT aus der Fey­er­a­bend-Bi­bel von 1560 zeigt das Gleich­nis vom gu­ten Hir­ten im Jo­han­nes-Evan­ge­li­um. Fo­to: Ba­di­sche Lan­des­bi­blio­thek

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