Sanf­tes Schwe­ben und Schmie­de­häm­mer

Gro­ßer Kla­vier­abend mit Ru­dolf Buch­bin­der

Badische Neueste Nachrichten (Baden-Baden) - - KULTUR -

Am An­fang ist die Stil­le. Ru­dolf Buch­bin­der, der ös­ter­rei­chi­sche Meis­ter­pia­nist, nimmt sich ei­nen spür­bar aus­ge­dehn­ten Mo­ment der Samm­lung. Kon­zen­tra­ti­on und Dis­zi­plin sind not­wen­dig, denn Buch­bin­der spielt im Fest­spiel­haus Ba­den-Ba­den ein Pro­gramm, das kräf­te­zeh­rend ist. Vier So­na­ten von Lud­wig van Beet­ho­ven sind an­ge­setzt. Dar­un­ter die So­na­ten op. 53 und op. 57, bes­ser be­kannt un­ter den Bei­na­men „Wald­stein“und „Ap­pas­sio­na­ta“.

Zur Er­öff­nung er­klingt aber die So­na­te op. 13 in c-Moll. Ihr Bei­na­me „Pa­thé­tique“hat die­ser So­na­te im Lau­fe der In­ter­pre­ta­ti­ons­ge­schich­te man­chen Tort an­ge­tan, in­dem er zu al­ler­lei fan­tas­tisch ro­man­ti­scher Pro­jek­ti­on ein­lud. Nicht bei Buch­bin­der. Die gra­vi­tä­ti­sche Ein­lei­tung wird nicht zum Bei­spiel schmerz­vol­ler Zer­ris­sen­heit, son­dern es wird ei­ne Kraft auf­ge­baut, die sich im an­schlie­ßen­den Al­le­gro ent­fal­tet. Ent­fal­tet, nicht ent­lädt! Buch­bin­ders Pa­thé­tique wird zur Mu­sik mit ex­qui­si­ten klas­si­schen Li­ni­en. Er gibt der So­na­te ih­re Wür­de, in­dem er ihr al­le Phra­sendre­sche­rei un­ter­sagt.

So wird die Pa­thé­tique auch zur über­zeu­gen­den Part­ne­rin für die Wald­steinSo­na­te. Buch­bin­der geht das mar­kant stamp­fen­de C-Dur-The­ma re­la­tiv rasch an. Er hält die­ses Tem­po den Satz über durch, was die tre­mo­lie­ren­den Pas­sa­gen zu ei­ner Klang­flä­che ver­schmel­zen lässt. Ei­ne Fei­er des C-Dur und sei­ner Ver­wand­ten, die sich nur ein kur­zes Ver­wei­len im F-Dur-Zwi­schen­satz er­laubt, der das Fi­na­le ein­lei­tet. Und wie wun­der­bar ge­lingt Buch­bin­der die­ses Fi­na­le: Zu­nächst schwebt das The­ma sanft über ei­nem wo­gen­den Skalen­spiel, doch die­se Ru­he bleibt nicht. In Dop­pe­lok­ta­ven wie Schmie­de­häm­mer bricht die Moll­sphä­re in die Sze­ne ein, ehe das C-Dur in beid­hän­di­gen Sech­zehn­tel­trio­len rausch­haft siegt, tri­um­pha­ler Schluss.

Nach der Pau­se wie­der zwei ver­schwis­ter­te Ton­ar­ten: F-Dur und f-Moll. Zu­nächst op. 10, Nr. 2. Ei­ne ziem­lich kur­ze So­na­te, de­ren ers­ter Satz von aus­ge­spro­chen mo­ti­vi­scher Ar­beit lebt. Buch­bin­ders Spiel ist hier ana­ly­tisch, die Form­zu­sam­men­hän­ge for­mu­liert er klar aus. Sei­ne In­ter­pre­ta­ti­on ist ei­ne Freu­de für je­den Hö­rer, der sich für den ar­chi­tek­to­ni­schen Auf­bau ei­ner Mu­sik in­ter­es­siert. Der ba­ga­tell­haf­te Mit­tel­satz zieht ge­spens­tisch vor­über. Im Fu­ge und So­na­te kom­bi­nie­ren­den letz­ten Satz rückt Buch­bin­der die Mu­sik in die nä­he ei­ner ba­ro­cken Toc­ca­ta. Zum En­de die Ap­pas­sio­na­ta. Auch hier be­vor­zugt Buch­bin­der ein ho­hes Tem­po. Wie in der Pa­thé­tique ver­zich­tet der Pia­nist dar­auf, die So­na­te zu ei­ner ab­ge­dro­sche­nen Form von „Be­kennt­nis­mu­sik“zu ma­chen. Sei­ne Ap­pas­sio­na­ta ist do­mes­ti­ziert, dis­zi­pli­niert. Hier greift kei­ner ei­nem ir­gend­wie ima­gi­nier­ten Schick­sal in den Ra­chen. Da­für aber hört man, et­wa in der Ver­wen­dung von Kom­ple­men­tär­rhyth­men, wie viel von Beet­ho­vens Leh­rer Haydn in die­ser Mu­sik steckt. Schon al­lein da­für darf man Buch­bin­der dank­bar sein. Jens Wehn

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