Auf dem Ab­sprung

Badische Neueste Nachrichten (Baden-Baden) - - POLITIK - MAR­TIN DAHMS

Ma­ria­no Ra­joy hat ges­tern Post aus Bar­ce­lo­na be­kom­men, der Brief ging in Ko­pie an Kö­nig Fe­li­pe. Die Ab­sen­der – der ka­ta­la­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Carles Pu­ig­de­mont, sein Stell­ver­tre­ter Ori­ol Jun­queras, die ka­ta­la­ni­sche Par­la­ments­prä­si­den­tin Car­me For­ca­dell und die Bür­ger­meis­te­rin von Bar­ce­lo­na, Ada Co­lau – for­dern den spa­ni­schen Re­gie­rungs­chef dar­in auf, mit ih­nen über die Mo­da­li­tä­ten ei­nes ka­ta­la­ni­schen Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dums zu ver­han­deln. Es ist ein ku­rio­ses Schrei­ben, ab­ge­schickt mit­ten in den Vor­be­rei­tun­gen für das ka­ta­la­ni­sche Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum am 1. Ok­to­ber. Die Re­gio­nal­re­gie­rung zieht ih­re Plä­ne durch. Dar­an lässt der ka­ta­la­ni­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Pu­ig­de­mont kei­ne Zwei­fel. Sein Brief ist auch kein In­ne­hal­ten, son­dern ein wei­te­rer tak­ti­scher Zug, um sich den Ka­ta­la­nen und dem Rest der Welt als ver­ant­wor­tungs­vol­ler Staats­mann zu prä­sen­tie­ren, der bis zum Schluss um ei­ne ein­ver­nehm­li­che Lö­sung des ka­ta­la­ni­schen Dra­mas be­müht ist. Wenn das auch lei­der nicht stimmt.

Pu­ig­de­mont und sei­ne Mit­strei­ter ver­fol­gen ihr Ziel wie Bull­do­zer, die al­le Schran­ken des na­tio­na­len und in­ter­na­tio­na­len Rechts be­den­ken­los nie­der­rei­ßen. Die Vor­ga­ben der Ve­ne­dig-Kom­mis­si­on des Eu­ro­pa­ra­tes für rechts­staat­lich kor­rek­te Re­fe­ren­den in­ter­es­sie­ren sie nicht, die Be­schlüs­se des spa­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richts schon gar nicht. Ih­re Dia­log­be­reit­schaft ist ei­ne be­grenz­te: Von der For­de­rung nach ei­nem Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum ge­hen sie nicht ab, re­den wol­len sie nur über das Wie. Spa­ni­ens Re­gie­rungs­chef Ma­ria­no Ra­joy tut sich schwer mit ei­ner klu­gen Ant­wort auf die­se Her­aus­for­de­rung. Auch er hat Pu­ig­de­mont ei­nen Brief ge­schrie­ben, ei­nen sehr höf­li­chen, schon im Mai. Da die spa­ni­sche Ver­fas­sung die un­auf­lös­li­che Ein­heit des Lan­des fest­schreibt, ist an ein Un­ab­hän­gig­keits­re­fe­ren­dum in ei­nem Teil die­ses Lan­des nicht zu den­ken. Denn wer ein Re­fe­ren­dum ab­hält, muss die Mög­lich­keit ei­nes Ja ein­kal­ku­lie­ren.

Ra­joy hat Recht, wenn er Ver­hand­lun­gen über ein ka­ta­la­ni­sches Re­fe­ren­dum ab­lehnt und mit al­len rechts­staat­li­chen Mit­teln ver­sucht, die Ab­stim­mung am 1. Ok­to­ber zu ver­hin­dern. Doch un­glück­li­cher­wei­se fehlt ihm das po­li­ti­sche Ge­spür, um sich ver­ständ­lich zu ma­chen. Statt mit Ge­duld für sei­ne Sa­che zu ar­gu­men­tie­ren, hat er sich in sei­ner Rüs­tung aus Ge­set­zen ver­schanzt.

Ka­ta­lo­ni­en wird wei­ter­hin ein Teil Spa­ni­ens sein. Um­so wich­ti­ger ist es, dass sich der Mi­nis­ter­prä­si­dent Spa­ni­ens die Ka­ta­la­nen nicht zu sei­nen Fein­den macht. Ra­joy hat es nicht nur mit Pu­ig­de­mont zu tun. Er hat es mit Mil­lio­nen Men­schen zu tun, die sich im Recht glau­ben.

Ka­ta­lo­ni­en lässt nicht lo­cker

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