Nach­hall des Doms in Ve­ne­dig

Mu­sik­fest Ber­lin fei­er­te Clau­dio Mon­te­ver­di und Wolf­gang Rihm

Badische Neueste Nachrichten (Baden-Baden) - - KULTUR -

Weit ge­fä­chert ist die Pro­gramm­pa­let­te des herbst­li­chen Ber­li­ner Mu­sik­fes­tes. Die Geburtstage drei­er re­nom­mier­ter, aus un­ter­schied­li­chen Zeit- und sti­lis­ti­schen Räu­men stam­men­der Kom­po­nis­ten set­zen da­bei we­sent­li­che Ak­zen­te. Der Auf­takt des Fes­ti­vals stand im Zei­chen des 450. Ge­burts­ta­ges von Clau­dio Mon­te­ver­di, der be­stim­mend war für den bahn­bre­chen­den Wan­del der Mu­sik von der Spät­re­nais­sance zum Früh­ba­rock. Sei­ne 1607 in Man­tua aus der Tau­fe ge­ho­be­ne Fa­bu­la Mu­si­ca „L’Or­feo“gilt als ers­te „ech­te“Oper. Die Viel­falt mensch­li­cher Ge­füh­le in ih­rem Wi­der­streit bil­det die Sub­stanz auch in Mon­te­ver­dis spä­ten Mu­sik­dra­men „Die Heim­kehr des Odys­seus“(1641) und „Die Krö­nung der Pop­pea“(1642). Ein Glücks­um­stand, dass der ex­zel­len­te Di­ri­gent John Eli­ot Gar­di­ner und sei­ne Spit­zenen­sem­bles his­to­ri­scher Auf­füh­rungs­pra­xis so­wie kom­pe­ten­te Ge­s­angs­so­lis­ten für die halb­s­ze­ni­sche Pro­duk­ti­on je­ner drei Opern ge­won­nen wer­den konn­ten. Be­ein­dru­ckend, wie dank des en­ga­gier­ten Ein­sat­zes al­ler Prot­ago­nis­ten der Zy­klus fas­zi­nie­ren­des Le­ben er­hielt.

Mon­te­ver­di hat­te fast drei Jahr­zehn­te in Ve­ne­dig als Dom­ka­pell­meis­ter von San Mar­co ge­wirkt. Nur we­ni­ge Kir­chen ha­ben in der Mu­sik­ge­schich­te so gra­vie­ren­de Spu­ren hin­ter­las­se. Die von den Ga­b­rie­lis hier prak­ti­zier­te Mehr­chö­rig­keit ver­moch­te Kom­po­nis­ten bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein zu in­spi­rie­ren. Auch Wolf­gang Rihm, der in die­sem Jahr 65 ge­wor­den ist, zoll­te mit dem Auf­trags­werk „In-Schrift“(1995) der mu­si­ka­li­schen Au­ra die­ses Doms sei­nen Tri­but. „Al­le Rä­um­lich­keit soll­te in die Mu­sik ein­ge­schrie­ben sein“, war Rih­ms Vor­satz.

Mit je­nem Opus er­öff­ne­te das re­nom­mier­te Con­cert­ge­bouw Orches­tra Ams­ter­dam un­ter Da­nie­le Gat­ti sei­nen Gas­tabend beim Mu­sik­fest. Ein kon­tem­pla­ti­ves, von dunk­lem Klang­ges­tus do­mi­nier­tes, zu ei­nem ex­plo­si­ven Hö­he­punkt sich stei­gern­des Werk, das gleich­wohl je­den thea­tra­li­schen Ef­fekt mei­det. Auf­fal­lend das in der Be­set­zung so­lis­tisch be­han­del­te In­stru­men­ta­ri­um, wo­bei die Blä­ser und Schlag­zeu­ger so­wie die je sie­ben Cel­li und Kon­tra­bäs­se nebst ei­ner Har­fe in fünf Halb­krei­sen auf dem Po­di­um plat­ziert wa­ren. Bei dem ou­ver­tü­ren­ar­ti­gen Auf­takt ver­mein­te man, ei­ne an Mon­te­ver­di ge­mah­nen­de, ver­frem­de­te Klang­lich­keit zu ent­de­cken. Im­pul­siv der sich an­schlie­ßen­de Ton­fluss, er­füllt von Ve­he­menz, aber auch von Ab­grün­dig­keit, gip­felnd in ei­ner frap­pie­ren­den Glo­cken­und Schlag­zeug­ka­denz. Fes­selnd, wie in­ten­siv Gat­ti und sei­ne Mu­si­ker das viel­ge­stal­ti­ge Klang­ge­sche­hen nach­zeich­ne­ten.

Ein wei­te­res Werk des Karls­ru­her Kom­po­nis­ten, Rih­ms 2. Kla­vier­kon­zert von 2014 stand im Mit­tel­punkt des Fest­kon­zer­tes des Deut­schen Sym­pho­nie­or­ches­ters Ber­lin (DSO). Mo­zarts „Don Gio­van­ni“-Ou­ver­tü­re und sei­ne Kon­zer­tarie für So­pran, kon­zer­tan­tes Kla­vier und Orches­ter KV 505 so­wie Fe­lix Men­dels­sohn Bar­thol­dys „Ita­lie­ni­sche“Sin­fo­nie bil­de­ten ei­nen sinn­rei­chen dra­ma­tur­gi­schen Rah­men. Denn das Ge­s­ang­li­che, das die­sen Wer­ken ein­ge­schrie­ben ist, prägt auch Rih­ms Opus. „Ich lie­be es, wenn es singt“, so der Ton­dich­ter. Die Auf­füh­rung stand schon des­halb un­ter ei­nem glück­li­chen Stern, weil – wie be­reits bei der Salz­bur­ger Urauf­füh­rung vor drei Jah­ren – der her­vor­ra­gen­de, von Rihm sehr ge­schätz­te Pia­nist Tzi­mon Bar­to („Er ver­fügt über das ex­qui­si­tes­te pia­nis­si­mo, das sich den­ken lässt“) und der Di­ri­gent Chris­toph Eschen­bach die trei­ben­de Kraft der Auf­füh­rung wa­ren. Aus der Fort­spin­nung me­lo­di­scher Kei­me ent­stand hier ein ver­spon­ne­ner Ton­fluss mit zeit­wei­lig ro­man­ti­schem Nach­klang, gleich­sam ei­ne flie­ßen­de Mu­sik. Im Ge­gen­satz zum schwe­ben­den Cha­rak­ter des Kopf­sat­zes zeig­te sich das fi­na­le Ron­do von rhyth­mi­schen Im­pul­sen durch­wirkt. Be­glü­ckend die Kor­re­spon­denz zwi­schen Bar­to und dem von Eschen­bach in­spi­rier­ten DSO!

Auch Ber­lins Phil­har­mo­ni­ker knüpf­ten ei­nen Be­zug zum ita­lie­ni­schen Schwer­punkt des Mu­sik­fes­tes, der durch den Mon­te­ver­di-Zy­klus ge­ge­ben war. Ein er­hel­len­der Abend, da Su­san­na Mälk­ki, Lei­te­rin des Phil­har­mo­ni­schen Orches­ters Helsinki, im Pro­gramm ei­nen be­zie­hungs­rei­chen Bo­gen schlug vom „Tanz-Wal­zer“für Orches­ter des Ita­lie­ners und Wahl-Ber­li­ners Fer­ruc­cio Bu­so­ni über Be­la Bar­toks 2. Vio­lin­kon­zert bis hin zu Je­an Si­be­li­us’ 2. Sin­fo­nie, die die­ser in Ita­li­en kon­zi­piert hat­te. Das Fes­ti­val will zum Fi­na­le zu­dem an den vor 100 Jah­ren ge­bo­re­nen, mit Ber­lin eng ver­bun­de­nen ko­rea­ni­schen Kom­po­nis­ten Isang Yun er­in­nern. Dietrich Bretz

Opern-Zy­klus und hoch­ka­rä­ti­ge Kon­zer­te

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