Die Ja­mai­ka-Son­die­rer

CDU, CSU, FDP und Grü­ne schi­cken vor­aus­sicht­lich 46 Ver­tre­ter zu den ers­ten Ge­sprä­chen nach Berlin

Badische Neueste Nachrichten (Baden-Baden) - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied To­bi­as Roth

Karlsruhe. Es ist noch gar nicht los­ge­gan­gen, da gibt es schon die ers­ten Miss­tö­ne. „Ich hal­te es für ei­nen Kar­di­nal­feh­ler, in den Ver­hand­lungs­run­den in Kom­pa­nie­stär­ke an­zu­tre­ten“, mo­ser­te Wolf­gang Ku­bi­cki, FDP-Chef in Schles­wig-Hol­stein. Und Alex­an­der Do­brindt, bis­her Ver­kehrs­mi­nis­ter und neu­er­dings CSU-Lan­des­grup­pen­chef, warnt schon mal: „Wir wer­den kei­ne lin­ken Spin­ne­rei­en dul­den.“Was die Grü­ne Kath­rin Gö­ring-Eckardt kon­ter­te: „Es ist nicht be­son­ders klug, über die Iden­ti­tät mög­li­cher zu­künf­ti­ger Part­ner noch vor dem ers­ten ge­mein­sa­men Ge­spräch her­zu­zie­hen.“Es ist al­so or­dent­lich Dampf im Kes­sel, wenn kom­men­de Wo­che die Son­die­rungs­ge­sprä­che für ei­ne mög­li­che Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on aus Uni­on, FDP und Grü­nen be­gin­nen. Wie ste­hen die Chan­cen für das ers­te schwarz-gelb­grü­ne Drei­er­bünd­nis auf Bun­des­ebe­ne? Und wer mischt bei den Son­die­run­gen über­haupt mit?

Ku­bi­ckis Kri­tik an der Grö­ße der Teams, die die Par­tei­en nach Berlin schi­cken, ist auf den ers­ten Blick nach­voll­zieh­bar. 46 Po­li­ti­ker wer­den an den Son­die­rungs­ge­sprä­chen zu­nächst teil­neh­men und aus­lo­ten, ob man da­nach in die Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen ein­steigt. Es ist ein Be­schnup­pern, ein Ken­nen­ler­nen und ers­tes Ab­klop­fen der The­men­fel­der. Die Uni­on wird da­bei mit 28 Per­so­nen ver­tre­ten sein, wo­bei bis­lang noch nicht ganz klar ist, ob die CSU zehn oder elf Teil­neh­mer stellt. Die Grü­nen ha­ben be­schlos­sen, mit ei­ner 14er-Mann­schaft an­zu­tre­ten. Die FDP fällt zah­len­mä­ßig deut­lich aus dem Mus­ter, die Li­be­ra­len wol­len näm­lich nur mit ei­nem Kern­team von vier Ver­tre­tern son­die­ren. Was al­ler­dings auch dar­an lie­gen könn­te, dass sich die Par­tei nach dem Wie­der­ein­zug in den Bun­des­tag erst ein­mal per­so­nell sor­tie­ren muss. Michael Theu­rer, FDPChef im Land, rech­net aber da­mit, dass die Mann­schaft noch auf­ge­stockt wird und er dann eben­falls in Berlin da­bei sein wird. Zu­dem hält es Theu­rer durch­aus für mög­lich, dass ei­ne Son­die­rungs­run­de nicht aus­rei­chen wird und die Ge­sprä­che in die Ver­län­ge­rung ge­hen. Aus dem Süd­wes­ten sind ei­ni­ge Po­li­ti­ker ver­tre­ten, al­len vor­an na­tür­lich Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann, aus Ba­den-Würt­tem­berg schi­cken die Grü­nen zu­dem die Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Agnies­z­ka Brug­ger (Ravensburg) und den EU-Par­la­men­ta­ri­er Rein­hard Bü­tik­o­fer (Hei­del­berg) zu den Ge­sprä­chen. Die Lan­des-CDU ist mit dem Vor­sit­zen­den und Bun­des­vi­ze Tho­mas Strobl so­wie sei­nem Stell­ver­tre­ter Daniel Cas­pa­ry aus Wein­gar­ten prä­sent, der als Chef der CDU/CSU-Grup­pe im Eu­ro­pa­par­la­ment da­bei ist. Die Son­die­rer aus dem Süd­wes­ten ste­hen vor al­lem auch des­halb im Blickpunkt, weil die grün­schwar­ze Lan­des­re­gie­rung in Ba­denWürt­tem­berg vie­len als Mo­dell gilt für ei­ne mög­li­che Ja­mai­ka-Ei­ni­gung.

Cas­pa­ry hält ei­ne sol­che Ko­ali­ti­on grund­sätz­lich für „mach­bar“, wie er ge­gen­über die­ser Zei­tung er­klärt. Al­ler­dings nur dann, „wenn sich al­le Sei­ten Er­fol­ge gön­nen und er­ken­nen, dass Deutsch­land ei­ne sta­bi­le Re­gie­rung braucht.“Die schie­re Grö­ße der Son­die­rungs­grup­pen sieht auch Cas­pa­ry skep­tisch, das kön­ne durch­aus „schwer­fäl­lig“wer­den, klei­ne­re Run­den sei­en sinn­vol­ler. Al­ler­dings müss­ten die Par­tei­en eben auch dar­auf ach­ten, dass al­le po­li­ti­schen Ebe­nen und das gan­ze Land ver­tre­ten sind. Zu­dem wer­de auch nicht im­mer mit al­len son­diert, es wird ver­schie­de­ne Tref­fen ge­ben.

Nächs­te Wo­che star­ten die Ge­sprä­che zu­nächst zwi­schen je zwei Par­tei­en, Uni­on und FDP, Uni­on und Grü­ne, Grü­ne und FDP. Die ers­te gro­ße Run­de mit al­len Teil­neh­mern wird am Frei­tag­nach­mit­tag zu­sam­men­kom­men. Spä­ter wird es dann oh­ne­hin Ar­beits­grup­pen zu ver­schie­de­nen The­men­be­rei­chen ge­ben, die je­de Par­tei mit ei­ner Hand­voll Ex­per­ten be­setzt. Der EU-Ab­ge­ord­ne­te Cas­pa­ry wird da­bei vor al­lem bei den eu­ro­pa­po­li­ti­schen The­men mit­mi­schen. „Vie­le der Her­aus­for­de­run­gen, de­nen sich die neue Re­gie­rung wird stel­len müs­sen, wer­den wir nur ge­mein­sam in der EU lö­sen“, be­tont Cas­pa­ry und denkt da­bei bei­spiels­wei­se an die The­men Mi­gra­ti­on oder Kli­ma­schutz.

Ge­ra­de die Zu­wan­de­rungs­po­li­tik dürf­te ein Knack­punkt wer­den. CDU und CSU hat­ten sich zu­letzt auf ei­ne ge­mein­sa­me Li­nie ge­ei­nigt, doch in­wie­weit der Kom­pro­miss rund um die CSUFor­de­rung nach ei­ner Ober­gren­ze Be­stand ha­ben wird, bleibt ab­zu­war­ten. Die Grü­nen-An­sa­ge, ei­nen un­ein­ge­schränk­ten Fa­mi­li­en­nach­zug für Flücht­lin­ge durch­zu­set­zen, bringt die baye­ri­sche CDU-Schwes­ter schon ein­mal auf die Pal­me. Und die Grü­nen wie­der­um

Schon vor dem Start wird kräf­tig ge­motzt Ein Knack­punkt bleibt die Zu­wan­de­rungs­po­li­tik

be­kom­men bei den Uni­ons­po­si­tio­nen zur Fest­le­gung si­che­rer Her­kunfts­län­der oder der Ab­schie­be­po­li­tik Bauch­schmer­zen. Cas­pa­ry sieht aber auch beim The­ma In­ne­re Si­cher­heit und den Vor­stel­lun­gen der FDP Kon­flikt­po­ten­zi­al, hin­zu kom­men die ro­ten Li­ni­en, die die Par­tei um Chris­ti­an Lind­ner beim The­ma Eu­ro­pa ge­zo­gen hat.

Dis­kus­si­ons­be­darf gibt es al­so reich­lich, nur ha­ben die drei Par­tei­en nicht un­end­lich Zeit. Am 24. Ok­to­ber tritt der neue Bun­des­tag zu sei­ner kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung zu­sam­men, da­nach ist die Re­gie­rung nur noch ge­schäfts­füh­rend im Amt. Ei­ne mehr­mo­na­ti­ge Hän­ge­par­tei kann sich kei­ner leis­ten. „Eu­ro­pa und die Welt brau­chen ein hand­lungs­fä­hi­ges und kein lahm­ge­leg­tes Deutsch­land“, un­ter­streicht Cas­pa­ry. Süd­west­Re­gie­rungs­chef Kret­sch­mann hat­te be­reits den Wunsch ge­äu­ßert, Ja­mai­ka mö­ge doch bis Weih­nach­ten in tro­cke­nen Tü­chern sein. Das hält Cas­pa­ry für rea­lis­tisch, wenn­gleich gel­te: „Sorg­falt vor Schnel­lig­keit“. Ein stram­mer Zeit­plan kön­ne bei al­len Be­tei­lig­ten aber auch Druck auf­bau­en, um für Pro­ble­me Lö­sun­gen zu fin­den und sich nicht in ewi­gen De­bat­ten zu ver­stri­cken. Cas­pa­ry stellt sich je­den­falls auf kur­ze Näch­te und lan­ge Ar­beits­ta­ge in Berlin ein.

DUZEN SICH: Cem Öz­de­mir (Grü­ne) und FDP-Chef Chris­ti­an Lind­ner kön­nen auch mal ge­mein­sam la­chen, wie bei der Ver­lei­hung des Or­dens Wi­der den tie­ri­schen Ernst 2014.

CHEFINNEN UNTER SICH: Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und die Grü­nen-Spit­zen­kan­di­da­tin Kath­rin Gö­ring-Eckardt. Fo­tos: dpa

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