Ei­nen Stie­fel ge­kickt

Badische Neueste Nachrichten (Baden-Baden) - - POLITIK - RE­NÉ DANKERT

Si, si, si­cher­lich: Ka­ta­stro­phe. Oder wie es aus dem Mut­ter­land der heiß ge­lau­fe­nen Piz­zaback­öfen über den Bren­ner her­über dampft: „Apo­ka­lyp­se“. Klar – è ve­ro. Rein fuß­bal­le­risch ge­se­hen, war’s am Mon­tag­abend in Mailand ein klei­ner Un­ter­gang. Denn ei­ne Fuß­ball-WM oh­ne Ita­li­en ist ja ei­gent­lich gar kei­ne rich­ti­ge. Wes­sen Di­ven sor­gen nun in Russ­land für die Dra­men? Wer kre­denzt ko­chen­de Lei­den­schaft auf dem Ra­sen? Und wer ver­gießt dann die schöns­ten Trä­nen zum Mit­wei­nen? Dass es fast nur schlim­me­re Din­ge zu be­kla­gen gibt, als die nun ver­bind­li­chen Man­gel­er­schei­nun­gen für nächs­ten Som­mer, stimmt – und geht nur Nicht-Ita­lie­nern oder herz­lo­sen Fuß­ball-Muf­feln so herz­los über die Lip­pen.

Um es ein­zu­ord­nen: Als die Ki­cker vom Stie­fel letzt­mals bei ei­ner End­run­de fehl­ten, wa­ren die heu­te 60-Jäh­ri­gen gera­de mal ge­bo­ren. Die Lü­cke, die die Fuß­bal­ler mit den fei­nen Fri­su­ren und dem ver­flix­ten Ca­te­n­ac­cio 1958 in Schwe­den hin­ter­lie­ßen, war schon sei­ner­zeit als eben sol­che emp­fun­den wor­den. Welch Iro­nie, dass nun aus­ge­rech­net bie­de­re Schwe­den zum Stol­per­stein für die Squa­dra Az­zur­ra wur­den. Ein Wun­der war’s nicht, aber wirk­lich wahr.

Mal ehr­lich und un­ter Sports­freun­den: Hät­ten wir Deut­sche den be­wun­derns­wer­ten Gi­an­lu­i­gi Buf­fon nicht viel lie­ber am 15. Ju­li 2018 des spä­te­ren Abends in Mos­kau Rotz und Was­ser flen­nen se­hen – nach ei­ner fi­na­len Nie­der­la­ge ge­gen bes­ten­falls ver­dient er­folg­rei­che Ti­tel­ver­tei­di­ger. Als al­ler­letz­ten Akt vor des­sen Ren­ten­gang mit dann 40 Len­zen. Doch Gi­an­lu­i­gi Na­zio­na­le, der al­te Tos­ka­ner, hat sich nun schon nach dem trau­ri­gen 0:0 ge­gen Ibra­hi­mo­vics bie­de­re Er­ben aus­wei­nen müs­sen. Er ver­lässt die gro­ße Büh­ne als ei­ner der Größ­ten des Ab­grei­fer-Gen­res. Genau des­halb fühlt sich der Mo­ment falsch an. Buf­fon steht da­mit in der Rei­he mit den Nie­der­län­dern Ar­jen Rob­ben, der sei­ne Kar­rie­re auch nicht bei der WM aus­klin­gen las­sen kann.

Der vier­fa­che Welt­meis­ter Ita­li­en wird sich ein Stück weit neu er­fin­den müs­sen. Die Ki­cker vom Stie­fel ha­ben zu­letzt ei­nen Stie­fel zu­sam­men­ge­kickt. Gi­an Pie­ro Ven­tura dürf­te als de­ren Trai­ner zeit­nächst Ge­schich­te sein. Doch sei­nen Kopf zu for­dern, reicht nicht. In­ter­na­tio­na­le Ent­wick­lun­gen wur­den ver­schla­fen. Ita­li­en hat sei­nem Nach­wuchs zu lan­ge miss­traut – und nun doch kei­ne an­de­re Chan­ce, als es bald bes­ser zu ma­chen.

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