„Kli­ma­schutz hat ei­ne stra­te­gi­sche Be­deu­tung“

Der Prä­si­dent der Eu­ro­päi­schen In­ves­ti­ti­ons­bank, Wer­ner Hoy­er, will Pa­ri­ser Ab­kom­men mit 100 Mil­li­ar­den Eu­ro un­ter­stüt­zen

Badische Neueste Nachrichten (Baden-Baden) - - ZEITGESCHEHEN -

Lu­xem­burg. Die Eu­ro­päi­sche In­ves­ti­ti­ons­bank (EIB) ist 1958 ge­grün­det wor­den, um zu ei­ner rei­bungs­lo­sen Ent­wick­lung des eu­ro­päi­schen Bin­nen­markt bei­zu­tra­gen. Al­ler­dings ist sie nicht an Wei­sun­gen aus Brüs­sel oder dem EU-Par­la­ment ge­bun­den. Zu­sam­men mit dem Eu­ro­päi­schen In­ves­ti­ti­ons­fonds bil­det sie die 2000 ge­grün­de­te EIB-Grup­pe. Ka­pi­tal­eig­ner der EIB sind die Mit­glieds­staa­ten der EU, in­so­fern bün­delt sie die In­ter­es­sen der ein­zel­nen Län­der. Da sie sich nicht nur in Eu­ro­pa en­ga­giert, son­dern auch in Ent­wick­lungs­län­dern, ist das The­ma Kli­ma­schutz bei der Kre­dit­ver­ga­be ein Haupt­the­ma. Wer­ner Hoy­er ist seit 2012 Prä­si­dent der EIB. Da­vor war der FDP-Po­li­ti­ker Staats­mi­nis­ter im Au­ßen­mi­nis­te­ri­um in Berlin, wo er vor al­lem für die Eu­ro­pa­po­li­tik zu­stän­dig war. Über die Kli­ma­pro­ble­ma­tik sprach un­ser Brüs­se­ler Kor­re­spon­dent Mar­kus Gra­bitz mit dem EIBPrä­si­den­ten.

Wie wich­tig ist der EIB der Kli­ma­schutz?

Hoy­er: Der Kli­ma­wan­del mit sei­nen zu­neh­men­den ex­tre­men Wet­te­rer­eig­nis­sen ist die größ­te Her­aus­for­de­rung des 21. Jahr­hun­derts. Eu­ro­pa hat glo­bal ei­ne füh­ren­de Rol­le im Kli­ma­schutz, und als Bank der EU mes­sen wir dem Kli­ma­schutz ei­ne stra­te­gi­sche Be­deu­tung bei. Des­halb un­ter­stüt­zen wir mit vol­lem En­ga­ge­ment in und au­ßer­halb Eu­ro­pas die Kli­ma­po­li­tik der EU.

Wel­che Rol­le spielt die EIB als Fi­nan­zier von Kli­ma­schutz­maß­nah­men?

Hoy­er: Wir sind un­ter den in­ter­na­tio­na­len Fi­nanz­in­sti­tu­tio­nen der größ­te mul­ti­la­te­ra­le Geld­ge­ber für Kli­ma­schutz­pro­jek­te. Auf der Kli­ma­kon­fe­renz von Pa­ris vor zwei Jah­ren ha­ben wir uns ver­pflich­tet, min­des­tens 25 Pro­zent un­se­rer Fi­nan­zie­run­gen dem Kli­ma­schutz zu wid­men. In Ent­wick­lungs­län­dern wol­len wir spä­tes­tens 2020 so­gar ei­nen An­teil von 35 Pro­zent er­rei­chen. Über den Fünf­jah­res­zeit­raum von 2015 bis 2020 wer­den wir zur Fi­nan­zie­rung von Kli­ma­pro­jek­ten rund 100 Mil­li­ar­den Eu­ro für Kli­ma­pro­jek­te be­reit­stel­len. Das ist schon sehr be­acht­lich, und un­ser Bei­trag, um zu hel­fen, das ehr­gei­zi­ge Ab­kom­men der UNKli­ma­kon­fe­renz von Pa­ris um­zu­set­zen.

Wie rea­lis­tisch hal­ten Sie das Sze­na­rio, dass Kli­ma­flücht­lin­ge nach Eu­ro­pa drän­gen?

Hoy­er: Das hal­te ich für sehr rea­lis­tisch. Aber es ist nicht nur das Kli­ma, das die Men­schen nach Eu­ro­pa drängt. Es sind auch Krie­ge, Ver­fol­gung, wirt­schaft­li­che Not und Ar­mut, die Men­schen ver­an­las­sen, ih­re Hei­mat zu­rück­zu­las­sen, und sich auf den ge­fähr­li­chen Weg nach Eu­ro­pa zu ma­chen. Bei Krieg und Ver­fol­gung kön­nen wir als EU-Bank na­tür­lich nichts aus­rich­ten, aber wenn wir die von den Ver­ein­ten Na­tio­nen for­mu­lier­ten Zie­le für ei­ne nach­hal­ti­ge Ent­wick­lung neh­men, dann feh­len jähr­lich bis zu 1,3 Bil­lio­nen Eu­ro, um die Rah­men­be­din­gun­gen so zu set­zen, dass es für die Men­schen kei­nen wirt­schaft­li­chen An­reiz gibt, ih­re Häu­ser zu ver­las­sen. Die­se fi­nan­zi­el­le Lü­cke wer­den wir mit öf­fent­li­chen Gel­dern nie­mals schlie­ßen kön­nen, da­zu be­nö­ti­gen wir pri­va­te Mit­tel. Des­halb brau­chen wir drin­gend ein Um­den­ken. Wir müs­sen uns da­von ver­ab­schie­den, ei­ne Ent­wick­lungs­po­li­tik auf Ba­sis von Ein­mal-Sub­ven­tio­nen zu be­trei­ben. Statt­des­sen müs­sen wir öf­fent­li­che Res­sour­cen als An­reiz und Ka­ta­ly­sa­tor ein­set­zen, um pri­va­tes Ka­pi­tal in kon­kre­te Pro­jek­te zu lot­sen, so, wie wir es mit der EU-Bank schon seit Jah­ren in der wirt­schaft­li­chen För­de­rung in Afri­ka und im Kli­ma­schutz be­trei­ben.

Ha­ben Sie Hin­wei­se, dass nach der Ab­sa­ge von Trump an das Ab­kom­men auch in an­de­ren Re­gio­nen der Welt und bei an­de­ren Ent­wick­lungs­ban­ken der Elan nach­lässt?

Hoy­er: Nein, die ha­be ich nicht. Im Ge­gen­teil. Erst gera­de hat Sy­ri­en hier auf der Kon­fe­renz in Bonn er­klärt, dass es dem Kli­ma­schutz-Ab­kom­men von Pa­ris bei­tre­ten will. Da­mit wä­ren al­le Län­der der Welt Teil des Ab­kom­mens. Na­tür­lich müs­sen wir ab­war­ten, wie sich die USA am En­de ver­hal­ten wer­den. Ich war­ne aber da­vor, die USA jetzt ab­zu­schrei­ben. Denn es geht nicht in ers­ter Li­nie um die Zen­tral­re­gie­rung, son­dern um das, was in den Un­ter­neh­men, Städ­ten und Bun­des­staa­ten pas­siert und die sind bei COP 23 hier in Bonn sehr ak­tiv und kon­struk­tiv. Wir als EU-Bank ar­bei­ten je­den­falls in­ten­siv dar­an, dass sich un­se­re mul­ti­la­te­ra­len Part­ner, die sich mit uns in Pa­ris dem Kli­ma­schutz­ab­kom­men ver­schrie­ben ha­ben, dar­an auch fest­hal­ten. Das gilt be­son­ders für die in­ter­na­tio­na­len In­sti­tu­tio­nen, die wie die Welt­bank die USA un­ter ih­ren Ak­tio­nä­ren ha­ben.

Um­welt­or­ga­ni­sa­tio­nen wer­fen der Kom­mis­si­on vor, mit dem Vor­schlag für die künf­ti­ge CO2-Re­gu­lie­rung vor den In­ter­es­sen der Au­to­her­stel­ler ein­ge­knickt zu sein. Tei­len Sie die Kri­tik?

Hoy­er: Ich hal­te die Kri­tik in ih­rer Schär­fe für über­zo­gen. Gleich­zei­tig muss man je­doch fest­stel­len, dass der Ver­kehr – und da­zu zäh­le ich ne­ben den Pkw die Last­wa­gen so­wie den Flug-, Schiffs- und Bahn­ver­kehr – in der Sum­me bis­lang prak­tisch nichts zum Kli­ma­schutz bei­ge­tra­gen hat. Im Ge­gen­teil: In vie­len Re­gio­nen der Welt nimmt der Aus­stoß kli­ma­schäd­li­cher Emis­sio­nen so­gar wei­ter zu. In­so­fern bin ich ein aus­drück­li­cher Be­für­wor­ter stren­ge­rer Kli­ma­schutz­auf­la­gen, gera­de auch für den Ver­kehr. Al­ler­dings muss man das tech­nisch Mög­li­che und Be­zahl­ba­re im Au­ge be­hal­ten. Die Elek­tri­fi­zie­rung des In­di­vi­du­al­ver­kehrs – al­so der Pkw – kommt ja gera­de in Schwung. Hier muss Eu­ro­pa auf­ho­len – und zwar ganz drin­gend. Die Ja­pa­ner, die Ko­rea­ner und auch die US-Her­stel­ler zei­gen uns, wo­hin der Weg führt. Un­se­re eu­ro­päi­schen Her­stel­ler sind aber gera­de erst auf­ge­wacht. Von da­her hal­te ich die Vor­ga­ben der Kom­mis­si­on in der mo­men­ta­nen Si­tua­ti­on für am­bi­tio­niert ge­nug. Lang­fris­tig muss die Au­to­in­dus­trie sich je­doch auf noch schär­fe­re Vor­ga­ben ein­stel­len. Schwie­ri­ger wird die Um­stel­lung des Gü­ter­fern­ver­kehrs auf der Stra­ße so­wie des Schiffs- und Flug­ver­kehrs auf sau­be­re­re An­trie­be. Da steht die tech­ni­sche Ent­wick­lung noch am An­fang. Sau­be­re Kraft­stof­fe – auch „E-Fu­els“ge­nannt – könn­ten da die Lö­sung sein. Aber das wird lei­der noch ein Jahr­zehnt dau­ern.

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