Das Schreck­ge­spenst des Bund­schuhs

Vor 500 Jah­ren be­kämpf­ten Re­gie­run­gen am Ober­rhein ge­plan­ten Bau­ern­auf­stand

Badische Neueste Nachrichten (Ettlingen) - - FORUM -

Sep­tem­ber 1517: Ein Ge­spenst geht um am Ober­rhein – das Ge­spenst ei­ner Bau­ern­ver­schwö­rung un­ter dem auf­stän­di­schen Zei­chen des Bund­schuhs. Ein Ge­spenst im ei­gent­li­chen Sinn des Wor­tes, denn wirk­lich greif­bar wird das, was die Be­am­ten und Rats­schrei­ber fast über­all zwi­schen Neckar und Schwei­zer Gren­ze in Un­ru­he ver­setzt, nur in höchst sche­men­haf­ten Um­ris­sen. Aber al­lein schon die­se Um­ris­se bar­gen für die Ob­rig­kei­ten – in un­lieb­sa­mer Er­in­ne­rung an frü­he­re, ähn­li­che Auf­stands­ver­su­che – je­de Men­ge so­zi­al­re­vo­lu­tio­nä­ren Spreng­stoff und schie­nen ei­ne ekla­tan­te Be­dro­hung der po­li­ti­schen Macht­ver­hält­nis­se je­ner Zeit dar­zu­stel­len.

Die Fak­ten: An­fang Sep­tem­ber setzt der mark­gräf­li­che Vogt Ja­kob Na­gel auf sei­ner Burg Röt­teln in Süd­ba­den zwei Män­ner ge­fan­gen, ei­ner da­von Mi­chel von Din­kels­bühl mit Na­men, ein Land­strei­cher und den ei­ge­nen Aus­sa­gen nach Mit­ver­schwö­rer im Bund­schuh. Im an­schlie­ßen­den Ver­hör gibt Mi­chel die Na­men von meh­re­ren Hun­dert wei­te­ren Ein­ge­weih­ten preis, teil­wei­se mit ge­nau­er Per­so­nen­be­schrei­bung. Und er be­nennt den An­füh­rer des ge­plan­ten Bund­schuh­auf­stan­des, der – wie Mi­chel an­deu­tet – im Mo­ment noch im Ver­bor­ge­nen vor­be­rei­tet wer­de, aber schon zum Los­schla­gen be­reit sei. An der Spit­ze ste­he ein Mann na­mens Joß Fritz. Und spä­tes­tens bei die­sem Na­men schril­len in al­len Rats­stu­ben die Alarm­glo­cken.

Denn Joß Fritz war al­les an­de­re als ein Un­be­kann­ter. Be­reits 1502 hat­te er ver­ge­bens ei­ne ähn­li­che Re­vol­te am Ober­rhein im Hoch­stift Spey­er un­ter­nom­men, konn­te je­doch flie­hen. Den nächs­ten An­lauf un­ter­nahm er 1513 bei Frei­burg. Wie­der schei­ter­te die Ver­schwö­rung kurz vor dem of­fe­nen Aus­bruch des ge­plan­ten Auf­stan­des. Zu­sam­men mit an­de­ren ent­kam Joß Fritz in die Schweiz, blieb aber auch dort der Straf­ver­fol­gung aus­ge­setzt. Jetzt al­so trieb ihn sein re­vo­lu­tio­nä­rer Ei­fer wie­der um, „die­sen er­lo­sen an­zett­ler und houpt­man in di­ser mor­de­ri­schen rott“, wie die Frei­bur­ger Be­hör­den ihn im Sep­tem­ber 1517 ti­tu­lier­ten. Am gan­zen Ober­rhein war er ak­tiv – so schien es – , denn die Aus­sa­gen Mi­chels von Din­kels­bühl lie­ßen ei­ne sehr weit ver­zweig­te Or­ga­ni­sa­ti­on des Bund­schuh­auf­stan­des be­fürch­ten. Zwi­schen den Tä­lern des Süd­schwarz­wal­des und Wei­ßen­burg am Ran­de der Nord­vo­ge­sen, zwi­schen Za­bern im Wes­ten und dem kur­pfäl­zi­schen Bret­ten im Nord­os­ten sa­ßen, so gab er zu Pro­to­koll, die Mit­ver­schwö­rer.

Be­son­ders stark kon­zen­trier­ten sie sich im Mit­te­l­el­sass in der Um­ge­bung von Straß­burg. Und nur auf das Zei­chen war­te­ten sie, um in durch­aus ra­di­ka­ler Ma­nier los­zu­schla­gen; durch Brand­stif­tun­gen und of­fe­nen Auf­ruhr soll­te der un­ter­drück­te, über Ge­bühr mit Steu­ern und Ab­ga­ben be­las­te­te „ge­mei­ne Mann“am Ober­rhein für die Idee von Frei­heit und Ge­rech­tig­keit be­geis­tert wer­den.

Die Be­hör­den re­agier­ten rasch, ver­haf­te­ten an­geb­li­che Mit­wis­ser, es kam zu Ker­ker­stra­fen und Hin­rich­tun­gen. Wie bei frü­he­ren Auf­stands­ver­su­chen mö­gen wie­der ei­ni­ge das Ab­ha­cken ih­rer Schwur­fin­ger er­lit­ten ha­ben, die Lan­des­ver­wei­sung vi­el­leicht, schließ­lich auch ei­nen schmerz­haf­ten Ader­lass am Geld­ver­mö­gen. Mi­chel von Din­kels­bühl, auf des­sen Aus­sa­gen na­he­zu al­le In­for­ma­ti­on über den Bund­schuh von 1517 ba­siert, wird selbst der To­des­stra­fe kaum ent­gan­gen sein.

Joß Fritz hin­ge­gen, der „Haupt­mann“, blieb un­auf­find­bar, auch dies­mal ein un­greif­ba­res Phan­tom wie eh und je. Zum of­fe­nen Aus­bruch kam die­se Ver­schwö­rung al­so nie, und heu­te, 500 Jah­re spä­ter, stel­len His­to­ri­ker so­gar die Fra­ge, ob es die­sen ver­meint­lich drit­ten Bund­schuh un­ter Joß Fritz denn über­haupt je in der Rea­li­tät ge­ge­ben ha­be. Oder ist er wo­mög­lich nicht mehr ge­we­sen als ein über­wie­gend selbst ge­mach­tes Schreck­ge­spenst der Be­hör­den – ge­grün­det auf Ge­rüch­te, auf Fal­sch­aus­sa­gen an­geb­li­cher Mit­wis­ser – und letzt­lich auch ei­ne Form von üb­ler Nach­re­de ge­gen Joß Fritz?

Aber selbst wenn dem so war, wenn es 1517 nur die Be­hör­den selbst ge­we­sen sind, die sich mit im­mer neu­en Ge­rüch­ten ge­gen­sei­tig in Pa­nik ob die­ses an­geb­li­chen neu­en Bund­schuhs im Lan­de ver­setz­ten: Schmä­lert dies dann die Be­deu­tung von Joß Fritz, den die Amt­leu­te schon auf­grund blo­ßer Ge­rüch­te über­all am Wer­ke sa­hen? Im Ge­gen­teil. Wenn al­lein sein Na­me re­flex­ar­tig die Ge­gen­wehr der Be­hör­den mo­bi­li­sier­te und nach­ge­ra­de Hys­te­rie aus­lös­te, dann hüllt ihn dies doch um­so mehr in die Au­ra des Le­gen­dä­ren, macht schon 1517 je­nen My­thos zu Leb­zei­ten aus ihm, der er dann end­gül­tig am Vor­abend des Bau­ern­krie­ges von 1524/25 ge­we­sen ist. Denn ge­fasst wur­de die­ser um­trie­bi­ge Auf­rüh­rer tat­säch­lich nie, in Er­in­ne­rung ge­blie­ben ist er als Pio­nier für die Sa­che der „Frey­heit“, ei­ne der zen­tra­len Ge­stal­ten im Kampf der Bau­ern mit dem Ziel, „der Ge­rech­tig­keit Bei­stand zu tun“, wie es in ei­nem zeit­ge­nös­si­schen Do­ku­ment heißt.

Noch zu Be­ginn des gro­ßen Bau­ern­krie­ges soll er am Hoch­rhein als al­ter Mann mit wei­ßem Bart ge­se­hen wor­den sein und ver­kün­det ha­ben, er kön­ne nicht ster­ben, ehe nicht der Bund­schuh sei­nen Fort­gang ge­nom­men ha­be. Aus dem über­zeug­ten Re­vo­lu­tio­när wur­de ein My­thos, dem spä­ter zahl­rei­che Ro­ma­ne

Aus Re­vo­lu­tio­när wur­de ein My­thos

ge­wid­met wur­den und über den der Lie­der­ma­chen Franz Jo­sef De­gen­hard die „Bal­la­de von der re­vo­lu­tio­nä­ren Ge­duld und Zä­hig­keit“schrieb.

Vor al­lem aber sind es die­se bei­den von den Bau­ern­re­bel­len viel­fach ver­wen­de­ten Be­grif­fe „Frei­heit“und „Ge­rech­tig­keit“, die un­ter den po­li­ti­schen For­de­run­gen des Bund­schuhs als Leit­mo­ti­ve nach­wir­ken – und das bis in die heu­ti­ge Zeit. Tho­mas Adam

Buch­tipp

DER RE­VO­LU­TIO­NÄR UND SEIN SYM­BOL: Die Re­plik ei­nes his­to­ri­schen Bund­schuhs, im Hin­ter­grund die ver­mut­lich ein­zi­ge zeit­ge­nös­si­sche Bild­dar­stel­lung des Bau­ern­füh­rers Joß Fritz aus dem Jah­re 1513. Fo­to: Adam

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.