In Chi­na wird das Gas knapp

Kampf um rei­ne Luft: Haus­hal­te sol­len sau­be­re Hei­zun­gen ein­bau­en

Badische Neueste Nachrichten (Ettlingen) - - ZEITGESCHEHEN - Von un­se­rem Kor­re­spon­den­ten Finn May­er-Ku­ckuk

Pe­king. Ei­ne stren­ge­re Um­welt­po­li­tik in Chi­nas kal­tem Nor­den zeigt ers­te Er­fol­ge – aber auch Ne­ben­wir­kun­gen. Nach ei­ner Ra­di­kal­kur für die Ab­kehr von der Koh­le ist zwar die Luft bes­ser, doch nun wird das Gas knapp, wie chi­ne­si­sche Me­di­en be­rich­ten. Tau­sen­de Be­woh­ner müs­sen frie­ren. Auf dem Lan­de, wo die Be­hör­den nicht so ge­nau hin­schau­en, ver­bren­nen die Bau­ern wie­der heim­lich Bri­ketts und las­sen ih­re na­gel­neu­en Gas­hei­zun­gen un­be­nutzt.

In den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren war die Luft­ver­schmut­zung in Chi­na zu ei­nem do­mi­nie­ren­den The­ma ge­wor­den. Städ­te wie Pe­king ge­hö­ren zwar bei wei­tem nicht zu den schmut­zigs­ten Or­ten der Welt. Doch das auf­stre­ben­de Chi­na sieht sich als fort­schritt­li­ches Land. Es will sei­nen Bür­gern ei­ne ge­sun­de Um­welt bie­ten. In sol­chen Si­tua­tio­nen nei­gen die Re­gie­ren­den zu Hau­ruck-Ak­tio­nen, die ih­nen Be­wun­de­rung für ih­re Hand­lungs­fä­hig­keit ein­brin­gen sol­len.

Das Hei­zen mit Koh­le gilt als ei­ne der schlimms­ten Qu­el­len von gif­ti­gem Fe­in­staub in Nord­chi­na. In die­sem Jahr ha­ben meh­re­re Pro­vin­zen in den kal­ten Re­gio­nen da­her die Ab­kehr von dem preis­wer­ten, aber schmut­zi­gen Brenn­stoff be­foh­len. Die Ak­ti­on war von lan­ger Hand vor­be­rei­tet. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren ha­ben Wohn­an­la­gen und Pri­vat­haus­hal­te Sub­ven­tio­nen für den Ein­bau von Gas­hei­zun­gen er­hal­ten. Doch kei­ner hat nach­ge­rech­net, ob die Gas­ver­sor­gung in der Re­gi­on der Um­stel­lung über­haupt ge­wach­sen ist. Ers­te Pro­ble­me zeig­ten sich im No­vem­ber, als Fach­be­am­te vor Eng­päs­sen warn­ten, so­bald die Tem­pe­ra­tu­ren un­ter null Grad fal­len. Schon in der ers­ten De­zem­ber­wo­che fro­ren Leu­te in den Pro­vin­zen He­bei und Shanxi. Denn die Ver­sor­ger stell­ten das Gas ab, wenn ih­re kurz­fris­ti­gen Vor­rä­te sich dem En­de zu­neig­ten.

Die Na­tio­na­le Ent­wick­lungs- und Re­form­kom­mis­si­on, Chi­nas zen­tra­le Pla­nungs­be­hör­de, hat die Ener­gie­fir­men an­ge­wie­sen, Gas von In­dus­trie- zu Haus­halts­kun­den um­zu­lei­ten. „Wenn die Ver­sor­gung nicht gleich­zei­tig den Be­darf der Haus­hal­te und der In­dus­trie deckt, dann er­hal­ten die Haus­hal­te künf­tig Prio­ri­tät“, sagt Meng Wei von der Ent­wick­lungs­kom­mis­si­on. Die Eng­päs­se be­tref­fen da­her nun auch Che­mie­wer­ke.

Die um­welt­freund­li­che Maß­nah­me gilt in­zwi­schen als un­so­zi­al. Denn mit dem stei­len An­stieg der Nach­fra­ge sind auch die Prei­se in die Hö­he ge­schos­sen. Der Markt­preis für Flüs­sig­gas ist in den ver­gan­ge­nen drei Mo­na­ten von 850 Eu­ro über 1100 Eu­ro ge­stie­gen. Das ist die Re­ak­ti­on auf ei­nen Ver­brauchs­an­stieg von 20 Pro­zent im Jah­res­ver­lauf. Vie­le ein­kom­mens­schwa­che Bür­ger schal­ten die teu­re Gas­hei­zung da­her ab und ver­feu­ern wie frü­her die gu­te al­te Koh­le.

Das dras­ti­sche Vor­ge­hen der chi­ne­si­schen Re­gie­rung ist nicht un­ge­wöhn­lich. Wenn schnel­le Ve­rän­de­run­gen ge­fragt sind, kon­zen­triert sie sich auf Maß­nah­men, die sie leicht um­set­zen kann. Das setzt die Ak­teu­re un­ter Druck, sich an die neue La­ge an­zu­pas­sen. Jetzt sind die Gas­hei­zun­gen in­stal­liert, und die staat­li­chen Ver­sor­ger ver­su­chen hek­tisch, die Gas­zu­fuhr zu er­hö­hen. Sie wol­len da­für mehr aus Russ­land im­por­tie­ren und ein­hei­mi­sche Vor­kom­men er­schlie­ßen.

Die Re­gie­rung zeig­te sich ih­rer­seits ein­sich­tig und er­laub­te wie­der die Ver­feue­rung von Koh­le. „Wir wol­len zwar sau­be­re­re Ener­gie­quel­len nut­zen, aber wir müs­sen auch si­cher­stel­len, dass die Leu­te aus­rei­chend hei­zen kön­nen“, stell­te die Na­tio­na­le Ener­gie­agen­tur (NEA) klar. Sie treibt die Luf­t­rein­hal­tung vor­an, will aber jetzt nicht dar­an schuld sein, dass die Bau­ern frie­ren. Doch der Er­folg der Maß­nah­me zeigt sich be­reits. Zu­min­dest die Haupt­stadt Pe­king, die eben­falls im kal­ten Nor­den des Lan­des liegt, hat­te in die­sem Win­ter bis­her aus­ge­spro­chen gu­te Luft.

Öko-Maß­nah­me gilt als un­so­zi­al

SKY­LINE VON GUANG­ZHOU: Um die Luft in den chi­ne­si­schen Groß­städ­ten zu ver­bes­sern, sub­ven­tio­niert die Re­gie­rung neue Gas­hei­zun­gen. Foto: dpa

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