Su­per­hel­den gibt es auch im All­tag

Er­geb­nis­se ei­nes Co­mic-Wett­be­werbs im Frank­fur­ter Mu­se­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on

Badische Neueste Nachrichten (Ettlingen) - - KULTUR -

Ger­tru­de Had­ley Jea­net­te ist ei­ne cou­ra­gier­te Frau. Die heute 103 Jah­re al­te Da­me kann sich noch gut er­in­nern, als sie 1942 ih­re Li­zenz zum Ta­xi­fah­ren er­hielt. Da­mals war die 28-Jäh­ri­ge die ers­te schwar­ze Ta­xi­fah­re­rin in New York – und muss­te sich gleich ge­gen ih­re männ­li­chen Kol­le­gen zur Wehr set­zen. Ei­ner von ih­nen schnitt ihr vor ei­nem Ho­tel so­gar die Vor­fahrt ab. Aber nach­dem sie sein Ta­xi ge­rammt hat­te, merk­te er erst, dass er es mit ei­ner Frau zu tun hat­te und war fort­an fried­lich.

Die al­te Da­me er­zählt ih­re be­weg­te Ge­schich­te im Rück­blick. Üb­ri­gens mach­te sie nur we­ni­ge Jah­re spä­ter auch Kar­rie­re als Schau­spie­le­rin in Thea­ter, Rund­funk, Film und Fern­se­hen. Für die 21-jäh­ri­ge Kas­se­ler Kunst­stu­den­tin Jan­ne Ma­rie Dau­er ist Ger­tru­de ei­ne Hel­din, de­ren Ta­xi­fah­rer-Epi­so­de sie als Co­mic auf ei­nem Blatt ge­zeich­net hat. Da­mit ge­wann sie ei­nen Preis der Frank­fur­ter Bil­dungs­stät­te An­ne Frank, ei­nem Zen­trum für po­li­ti­sche Bil­dung und Be­ra­tung, das weit über Hes­sen hin­aus­strahlt, um Ju­gend­li­che und jun­ge Er­wach­se­ne für die Teil­ha­be an der de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft zu stär­ken.

Das Zen­trum, be­nannt nach dem jü­di­schen Mäd­chen aus Frank­furt, des­sen Ta­ge­buch aus dem Ams­ter­da­mer Ver­steck welt­be­rühmt wur­de, lobt mit der In­vest­ment­bank Wil­li­am Blair all­jähr­lich ei­nen Kunst­wett­be­werb über Mi­gra­ti­on aus. Im vier­ten Jahr ka­men zum The­ma „Welt ret­ten – Su­per­held*in­nen für heute“mehr als 400 Ein­sen­dun­gen aus ganz Deutsch­land. Jetzt sind die 21 bes­ten Ar­bei­ten im Frank­fur­ter Mu­se­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on zu se­hen, un­ter­teilt in die Al­ters­ka­te­go­ri­en bis 14 Jah­re, von 15 bis 19 und ab 20.

Der jüngs­te Teil­neh­mer ist erst neun Jah­re alt. Las­se Ja­kob Nat­ter hat die Rück­kehr des Ye­ti-Rit­ters ge­zeich­net, der da­für sorgt, dass die letz­ten le­ben­den Eis­bä­ren, die oh­ne­hin schon vom Auss­ter­ben be­droht sind, nicht auch noch als Jagd­tro­phä­en en­den. Mit ei­nem coo­len „BAM!“schleu­dert er den Jä­ger in ei­nen Eis­berg.

Der äl­tes­te Teil­neh­mer ist der 31-jäh­ri­ge Paul Rietzl, der in Augs­burg als frei­be­ruf­li­cher Il­lus­tra­tor und Co­mic­zeich­ner ar­bei­tet. Aus Rietzls wil­dem Kriegs­ge­tüm­mel schält sich ein Mensch her­aus, der ei­nen Ver­letz­ten trägt. Die Co­mics ma­chen mo­bil ge­gen Ras­sis­mus, Se­xis­mus, Aus­gren­zung, Flucht oder Um­welt­zer­stö­rung. Und sie zei­gen, dass die oft ge­schol­te­nen jun­gen Men­schen durch­aus an Po­li­tik in­ter­es­siert sind. „Sie ha­ben Mei­nun­gen und ver­tre­ten auch kla­re Po­si­tio­nen, aber sie wer­den viel zu we­nig ge­hört. Ge­ra­de in ei­ner Stadt wie Frank­furt, die ei­nen gro­ßen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund hat, ist ih­nen et­wa Mob­bing ver­traut“, meint Pro­jekt­lei­te­rin Cé­li­ne Wen­del­gaß.

So­gar Bie­nen wer­den in den Co­mics zu Hel­den, denn oh­ne ihr Be­stäu­ben von Pflan­zen kann der Mensch nicht le­ben. Die zwei neu­en Hoch­häu­ser kön­nen die Bie­nen zwar nicht ver­hin­dern, die sich nun ei­nen an­de­ren Platz su­chen müs­sen. Aber die neu­en Mie­ter ha­ben vor­ge­sorgt. Auf bei­den Wol­ken­krat­zern wach­sen Pflan­zen und Bäu­me, da­zwi­schen bau­melt an ei­ner Schnur ein Bie­nen­korb. So se­hen es die Frank­fur­ter Mar­le­ne Bau­mung und Finn Han­sen (14): „Su­per­held*in­nen müs­sen nicht Su­per­kräf­te ha­ben oder groß und stark sein – ihr Han­deln zeich­net sie aus.“

Es braucht al­so nicht nur Su­per­hel­den. Viel wich­ti­ger sind die Mit­men­schen, die All­tags­hel­den. Sie tau­chen oft in den Co­mics auf, et­wa die frei­wil­lig in Kriegs­ge­bie­ten ar­bei­ten­den Ärz­te, die Ver­käu­fer im Su­per­markt oder die El­tern. Die 13-jäh­ri­ge Da­nie­la Sh­teyn­berg in­des hat ei­ne fik­ti­ve Ge­schich­te er­fun­den von der bes­ten jü­di­schen Renn­fah­re­rin, die sie Emi­ly Roth­schild nennt, frei nach der be­rühm­ten Frank­fur­ter Ban­kiers­fa­mi­lie. Und bei der 19-jäh­ri­gen Lea Heckar wird ei­ne blin­de Frau zur Hel­din, die Ge­dan­ken von Men­schen be­ein­flus­sen kann. So lässt der Stra­ßen­räu­ber rasch von sei­nem Op­fer ab.

Den Wil­li­am Blair-Preis aber er­hiel­ten die 13-jäh­ri­gen Vi­vi­en Goltz und Nils Erik Weicht für ih­re Su­per­hel­din „Dream“. Die ver­wan­delt Vor­ur­tei­le in Ver­ständ­nis, in­dem sie schla­fen­de Men­schen in die La­ge von Ge­flüch­te­ten ver­setzt. Das hät­te auch An­ne Frank ge­fal­len, die jetzt 88 Jah­re alt wä­re. Nicht so be­tagt wie die Ta­xi­fah­re­rin, aber ähn­lich cou­ra­giert. Chris­ti­an Hu­ther

Ser­vice

KLEI­NE HEL­DEN GANZ GROSS: Das Frank­fur­ter Mu­se­um für Kom­mu­ni­ka­ti­on bie­tet jun­gen Co­mic-Zeich­nern ein Fo­rum. Foto: Fe­lix Sch­mitt/Bil­dungs­stät­te An­ne Frank

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