Die Tram lässt in Kehl den Ta­bak­han­del blü­hen

Straß­bur­ger Ge­schäfts­leu­te fürch­ten um ih­re Exis­tenz

Badische Neueste Nachrichten (Hardt) - - SÜDWESTECHO - Von un­se­rer Mit­ar­bei­te­rin Bär­bel Nück­les

Straß­burg/Kehl. Der Ta­bak­shop im Keh­ler Bahn­hofs­ge­bäu­de nennt sich „Ta­bac de la Ga­re“, was nicht al­lein dar­an liegt, dass man hier ger­ne in­ter­na­tio­nal da­her­kommt. Ein paar Schrit­te wei­ter in ei­nem et­was her­un­ter­ge­kom­me­nen Ho­tel­ge­bäu­de wirbt der Händ­ler im Erd­ge­schoss mit „Car­tou­ches“statt mit Stan­gen, zum Preis von 49,90 Eu­ro. Die Öff­nungs­zei­ten ste­hen aus­schließ­lich in fran­zö­si­scher Spra­che an der Fas­sa­de.

Der Grund ist hun­dert Me­ter wei­ter zu su­chen: Dort wur­de En­de April die vor­läu­fi­ge End­hal­te­stel­le der Straß­bur­ger Tram­li­nie D er­öff­net, die seit­her bis Kehl Bahn­hof fährt. Bei­na­he zu je­der Ta­ges­zeit sind am Bahn­steig Men­schen­trau­ben zu be­ob­ach­ten. Die Fre­quen­tie­rung der deutsch-fran­zö­si­schen Tram hat mit bis zu 6 400 Pas­sa­gie­ren täg­lich die Er­war­tun­gen über­trof­fen. Et­li­che Fahr­gäs­te stei­gen, mit vol­len Tü­ten be­packt, für die Rück­fahrt ein. Un­ter den be­lieb­tes­ten Pro­duk­ten – sie sind in der deut­schen Grenz­re­gi­on deut­lich güns­ti­ger: Zi­ga­ret­ten. Shops mit Ta­bak­wa­ren kon­zen­trie­ren sich mas­siv auf den Ein­gangs­be­reich der Haupt­stra­ße und den Bahn­hof. Ähn­lich sieht es in den Orts­tei­len in Rich­tung der süd­li­chen Rhein­brü­cke Pier­re Pflim­lin zwi­schen Straß­burg und der Or­ten­au aus oder, noch wei­ter im Sü­den, auf der Brü­cke bei Brei­sach. Der ag­gres­si­ve Ton der Wer­bung ist der glei­che.

In Grenz­nä­he wis­sen die Leu­te im­mer, was jen­seits bil­li­ger zu ha­ben ist als im ei­ge­nen Land. Bei Ta­bak­wa­ren spitzt sich die Kon­kur­renz­si­tua­ti­on zu, seit wech­seln­de fran­zö­si­sche Re­gie­run­gen mit ei­ner ri­gi­den Preis­po­li­tik den Rau­chern und Ta­bak­kon­zer­nen den Kampf an­ge­sagt ha­ben. Fa­tal für die be­trof­fe­nen Händ­ler ist, dass sol­che Maß­nah­men na­tio­nal iso­liert be­schlos­sen wer­den. „Was wir brau­chen“, sagt Patri­ce Soi­hier, der Vor­sit­zen­de der Be­rufs­ver­tre­tung der Ta­bak­händ­ler im El­sass, „ist ei­ne eu­ro­päi­sche Har­mo­ni­sie­rung.“Es kön­ne nicht an­ge­hen, dass ei­ner­seits der freie Wa­ren­ver­kehr ge­för­dert wer­de, an­de­rer­seits ein Be­rufs­stand un­ter den un­glei­chen Ver­hält­nis­sen zu lei­den ha­be.

Der­zeit min­des­tens sechs Eu­ro kos­tet die Schach­tel Zi­ga­ret­ten in Deutsch­land – nach et­li­chen Steu­er­er­hö­hun­gen auch hier­zu­lan­de –, ge­gen­über durch­schnitt­lich sie­ben Eu­ro in Frank­reich. Das lo­se Pro­dukt kos­tet in Deutsch­land so­gar um die Hälf­te we­ni­ger. Seit 2003 ha­ben 246 Ta­bak­händ­ler im El­sass auf­ge­ge­ben, 534 sei­en ge­blie­ben. „Plant die Re­gie­rung das En­de un­se­res Be­rufs­stan­des?“, fragt sich Patri­ce Soi­hier.

Bis in drei Jah­ren dürf­te sich die Po­si­ti­on der el­säs­si­schen Händ­ler noch ver­schär­fen. Schritt­wei­se plant die neue fran­zö­si­sche Re­gie­rung un­ter Staats­prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron den Preis pro Päck­chen Zi­ga­ret­ten um ei­nen Eu­ro pro Jahr an­zu­he­ben, auf dann zehn Eu­ro im Jahr 2020.

Die Ein­käu­fe jen­seits der Gren­ze sei­en für die el­säs­si­schen Ta­bak­händ­ler al­ler­dings nicht das ein­zi­ge Pro­blem, sagt Soi­hier. Wo­bei das Pro­blem mit der Gren­ze nicht nur das El­sass, son­dern auch die Re­gio­nen ge­gen­über Luxemburg und Bel­gi­en er­fasst. Zu­dem hat das seit 1. Ja­nu­ar 2017 gel­ten­de Ver­bot von Mar­ken­lo­gos zu­sam­men mit den auch in Deutsch­land ge­bo­te­nen Schock­fo­tos auf den Schach­teln den Fran­zo­sen den Ap­pe­tit auf Rau­chen kei­nes­wegs ver­dor­ben. Im ers­ten Halb­jahr 2017 gin­gen die Ver­kaufs­zah­len bei Ta­bak so­gar um neun Pro­zent nach oben. Aber nur noch ei­nes von drei Päck­chen kom­me in Frank­reich über­haupt noch über den klas­si­schen Ver­kauf zum Rau­cher, sagt der Be­rufs­ver­band.

Zwei Drit­tel, so schätzt man in der Bran­che, ge­lan­gen nicht über den re­gu­lä­ren Han­del ins Land und wer­den nicht zu re­gu­lä­ren Prei­sen be­zahlt, son­dern stam­men aus dem Aus­land, kom­men über das In­ter­net oder vom Schwarz­markt. Soi­hiers Kol­le­ge Thier­ry Le­fèb­v­re aus Col­mar warnt so­gar, seit Jah­res­be­ginn wür­den sich Über­fäl­le auf Lie­fer­wa­gen auf dem Weg zu den Ta­bak­lä­den häu­fen, de­ren Fracht dann il­le­gal ver­hö­kert wer­de.

Zwi­schen Kehl und Straß­burg be­ob­ach­ten die „bu­ra­lis­tes“, wie die Ta­bak­händ­ler hei­ßen, die Tram mit Arg­wohn – nicht, weil sie grund­sätz­lich et­was ge­gen sie hät­ten. Viel­mehr wür­den Klein­kri­mi­nel­le mehr­fach pro Tag die Stre­cke mit dem öf­fent­li­chen Ver­kehrs­mit­tel zu­rück­le­gen, je­des Mal die ma­xi­mal, „für den per­sön­li­chen Ge­brauch“er­laub­ten vier Stan­gen im Ge­päck. So wer­de der Schwarz­markt ali­men­tiert, kri­ti­sie­ren sie. „Man­che“, sagt Soi­hier, „le­gen die­sen per­sön­li­chen Ge­brauch recht groß­zü­gig aus.“Der Zoll se­he sich hier nicht ge­for­dert, heißt es aus des­sen Straß­bur­ger Di­rek­ti­on. Aber im­mer­hin: Der EUWirt­schafts­kom­mis­sar kün­dig­te im Som­mer ei­ne eu­ro­päi­sche Initia­ti­ve zur Har­mo­ni­sie­rung der Ta­bak­steu­er an.

In Frank­reich sind Zi­ga­ret­ten teu­rer

Fo­to: Nück­les

DIE TABAKWERBUNG emp­fängt die Stra­ßen­bahn­kun­den am Keh­ler Bahn­hof. Die Händ­ler ha­ben sich auch sprach­lich auf die fran­zö­si­sche Kund­schaft ein­ge­stellt, die mit der Tram aus Straß­burg kommt.

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