Al­les auf dem Prüf­stand

Am Sonn­tag en­det in Kas­sel die do­cu­men­ta 14 / De­fi­zit be­las­tet schon jetzt Schluss­bi­lanz

Badische Neueste Nachrichten (Hardt) - - KULTUR -

Heu­te be­gin­nen die letz­ten bei­den Pro­zent: 100 Ta­ge soll ei­ne Do­cu­men­ta dau­ern – so woll­te es Ar­nold Bo­de, der Er­fin­der und Initia­tor die­ser Groß­aus­stel­lung, die von An­fang an auf In­ter­na­tio­na­li­tät aus­ge­rich­tet war. Zwei Ta­ge noch, dann ist auch in Kas­sel Schluss. In At­hen war das Kunster­eig­nis be­reits am 16.

Ju­li zu En­de ge­gan­gen, hat­te aber im­mer­hin schon am 8. April sei­nen An­fang ge­nom­men. Die De­pen­dance in der grie­chi­schen Haupt­stadt war ei­ne Pre­mie­re: Erst­mals rich­te­te die Do­cu­men­ta ei­ne ve­ri­ta­ble Au­ßen­stel­le ein.

Ein Schritt, der wohl we­sent­lich da­zu bei­trug, dass bei der be­vor­ste­hen­den Bi­lanz der do­cu­men­ta

14 die Pro­zen­te im Fo­kus ste­hen wer­den – ins­be­son­de­re, was das be­reits an­ge­kün­dig­te De­fi­zit an­be­langt. Sie­ben Mil­lio­nen Eu­ro soll es be­tra­gen. Das Land Hes­sen will für die ei­ne, Kas­sel für die an­de­re Hälf­te die­ses Be­trags bür­gen, wo­bei hier die Stadt­ver­ord­ne­ten noch ih­re Zu­stim­mung ge­ben müs­sen. De­ren nächs­te Sit­zung steht für den 25. Sep­tem­ber auf der po­li­ti­schen Agen­da der Nord­hes­sen­me­tro­po­le. Die Nach­richt von der fi­nan­zi­el­len Schief­la­ge hat für ei­ni­ge Un­ru­he ge­sorgt – nicht zu­letzt bei Adam Szymc­zyk, dem künst­le­ri­schen Lei­ter der do­cu­men­ta 14, und bei An­net­te Ku­len­kampff, der ak­tu­el­len Ge­schäfts­füh­re­rin der 1955 erst­mals ver­an­stal­te­ten Kunst­prä­sen­ta­ti­on.

In ei­nem aus­gie­bi­gen State­ment be­to­nen Szymc­zyk und sein Ku­ra­to­ren­team , das Kon­zept des Dop­pel­stand­orts, sei „sämt­li­chen ver­ant­wort­li­chen Par­tei­en ge­gen­über deut­lich kom­mu­ni­ziert wor­den“. Seit Szymc­zyks Be­ru­fung zum künst­le­ri­schen Lei­ter hät­ten die Ge­sell­schaf­ter „hin­ter al­len Schrit­ten im Pro­zess die­ser do­cu­men­ta 14 mit ih­ren zwei Ver­an­stal­tungs­or­ten ge­stan­den“. Al­ler­dings sei­en „kei­ne zu­sätz­li­chen Mit­tel für not­wen­dig be­fun­den wor­den für die Rea­li­sie­rung der Aus­stel­lung in zwei Städ­ten und über ei­ne Dau­er von ins­ge­samt 163 Aus­stel­lungs­ta­gen – ei­ne gan­ze Stadt und 63 Ta­ge mehr als je­de bis­he­ri­ge do­cu­men­ta“.

Zugleich kla­gen die Un­ter­zeich­ner über die „Er­war­tun­gen von stets wach­sen­dem Er­folg und öko­no­mi­schem Wachs­tum“– die sie frei­lich mit­be­för­dert ha­ben. Schon 2012 hat­te Car­o­lyn Chris­tov-Ba­kar­giev, die künst­le­ri­sche Lei­te­rin der dO­CU­MEN­TA (13), auf Ex­pan­si­on ge­setzt. Ei­nen Mo­nat lang trat man in Ka­bul auf, im ägyp­ti­schen Alex­an­dria wur­de ein Acht­tages­se­mi­nar ab­ge­hal­ten, und zwei Wo­chen lang zog man sich da­mals nach Banff in der ka­na­di­schen Pro­vinz Al­ber­ta zu­rück.

Im­mer grö­ßer, im­mer wei­ter: Da pass­te es, dass sich die Stadt Kas­sel und das Land Hes­sen, al­so Ge­sell­schaf­ter der do­cu­men­ta und Mu­se­um Fri­de­ri­cia­num gGm­bH, für Szymc­zyks Kon­zept ent­schied. Mög­li­cher­wei­se hat­te man das Mo­dell Art Ba­sel im Sinn: Die Schwei­zer Kunst­mes­se un­ter­hält in­zwi­schen Zweig­stel­len in Mia­mi Beach und Hong­kong – mit ei­ni­gem Er­folg. Die Do­cu­men­ta als Un­ter­neh­mens­mo­dell. Vi­el­leicht hat man ja Adam Szymc­zyk als Do­cu­men­ta-Lei­ter auch des­halb er­ko­ren, weil er elf Jah­re lang der Kunst­hal­le Ba­sel vor­ge­stan­den war.

Jetzt steht die Fra­ge im Raum, ob man zu­künf­tig noch mehr auf die Ver­brei­tung der Mar­ke „Do­cu­men­ta“setzt – trotz oder ge­ra­de we­gen der Fi­nanz­lü­cke, die sich nach In­for­ma­tio­nen der Zei­tung Hes­sisch/Nie­der­säch­si­sche All­ge­mei­ne (HNA) ab­zeich­net. So wird be­reits ge­mun­kelt, man könn­te 2022, wenn die 15. Do­cu­men­ta an­steht, mit Chi­na ko­ope­rie­ren. Ist die Volks­re­pu­blik doch der­zeit in Eu­ro­pa oh­ne­hin auf In­ves­ti­ti­ons­tour.

Der pro­gnos­ti­zier­te Ein­bruch bei den Finanzen hät­te wahr­schein­lich we­ni­ger Auf­se­hen er­regt, wenn die künst­le­ri­sche Sub­stanz der Ver­an­stal­tung über­zeu­gend ge­we­sen wä­re. Auf­re­gung und Ab­leh­nung wur­den bei fast je­der Do­cu­men­ta laut. Das war et­wa 1982 bei den „7 000 Ei­chen“so, de­ren Pflan­zung Jo­seph Beuys vor­an­trieb, oder 2007 bei dem Pro­jekt „Fai­ry­ta­le“, für das der Künst­ler Ai Wei­wei 1 001 Chi­ne­sen nach Kas­sel ein­lud. Die Lis­te lie­ße sich leicht fort­set­zen. Meist zeig­te sich aber, dass mit den Bei­trä­gen ein neu­er ge­dank­li­cher Ho­ri­zont er­öff­net, ein noch we­nig be­ach­te­tes The­ma aufs Ta­pet ge­bracht oder ei­ne zu Un­recht über­se­he­ne Künst­le­rin vor­ge­stellt wur­de. In die­ser Hin­sicht ist die aus­klin­gen­de do­cu­men­ta 14 mau. Oder ist ge­ra­de das Me­tho­de? Wie meint Szymc­zyk in sei­nem State­ment: Man müs­se „das Sys­tem der Wert­schöp­fung sol­cher Me­ga­aus­stel­lun­gen wie der do­cu­men­ta auf den Prüf­stand stel­len“. Wenn man so will, ist ihm zu­min­dest das ge­lun­gen. Micha­el Hübl

Fo­to: dpa

KAS­SE­LER RAUCHZEICHEN: Als „op­ti­mis­ti­scher und war­mer Gruß“in die grie­chi­sche Haupt­stadt ist die­ser Do­cu­men­ta-Bei­trag von Da­ni­el Knorr ge­meint. Er könn­te zu ei­nem Sym­bol des Schei­terns wer­den.

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