In­sel­toch­ter

Badische Neueste Nachrichten (Hardt) - - BENNI / ROMAN -

Wieb­ke lä­chel­te, wäh­rend sie tief in Ge­dan­ken ver­sun­ken in den Flur hin­aus­ging und ihr das Bild vor Au­gen stand, wie sie frü­her zu­sam­men mit Jan hin­ter Opa Johns Haus den klei­nen Räu­che­r­o­fen in Gang ge­hal­ten hat­te.

Ma­kre­le, Heil­butt, Schil­ler­lo­cke, Bück­ling … Manch­mal auch Schell­fisch, aber der war im­mer so tro­cken. Und dann ha­ben wir fri­sches Brot und But­ter da­zu ge­ges­sen.

„Ich kann Sie nach Haus fah­ren. Ich muss so­wie­so nach Fedd … siel.“

Wieb­ke, die ge­ra­de im Be­griff war, ih­ren Man­tel von der Gar­de­ro­be zu neh­men, dreh­te sich um. Cap­tain Wat­son lehn­te in der Tür zum Wohn­zim­mer und lä­chel­te. Er kam auf sie zu, nahm ihr den Man­tel aus der Hand und hielt ihn ihr hin.

„Das ist wirk­lich nicht nö­tig, Sir“, sag­te sie. „Ich kann eben­so gut lau­fen. Das macht mir nichts aus.“

„Es macht kei­ne Um­stän­de. Ich muss zur Ge­nos­sen­schaft im Ha­fen, um et­was zu klä­ren. Da kann ich sie zu Hau­se ab­set­zen.“Er nahm sein Ba­rett von der Hu­t­ab­la­ge und setz­te es auf. Nach ei­nem prü­fen­den Blick in den Spie­gel öff­ne­te er die Haus­tür. „Je­den­falls, wenn Sie sich mei­nen Fahr­küns­ten an­ver­trau­en wol­len“, füg­te er mit ei­nem Au­gen­zwin­kern hin­zu und ließ ihr den Vor­tritt.

Es war ein strah­len­der Mai­n­ach­mit­tag. Die Son­ne, die hoch am Him­mel stand, hat­te schon viel Kraft. Nur der Wind, der von See her weh­te und hoch auf­ge­türm­te Wol­ken vor sich her­trieb, war noch kühl, aber er trug schon den Ge­ruch von Som­mer in sich. Wieb­ke zog den Man­tel en­ger um sich und ge­noss die Fahrt im of­fe­nen Jeep vor­bei an blü­hen­den Wie­sen, auf de­nen Kü­he gras­ten. Wat­son fuhr lang­sam und um­sich­tig für sei­ne Ver­hält­nis­se, vi­el­leicht aus Rück­sicht ge­gen­über Wieb­ke.

Ei­ne Wei­le schwie­gen bei­de. Erst als sie durch Bur­ha­ve fuh­ren, räus­per­te sich Wat­son. „Ich bin sehr zu­frie­den mit Ih­rer Ar­beit“, sag­te er un­ver­mit­telt. „Ich woll­te Ih­nen das schon lan­ge sa­gen, aber ir­gend­wie hat sich nicht die Ge­le­gen­heit da­zu er­ge­ben.“

Wieb­ke sah er­staunt zu ihm hin­über. Bis­lang hat­te er sich nie in die­se Rich­tung ge­äu­ßert. Seit sie in sei­nem Haus ar­bei­te­te, hat­te sie ihn kaum zu Ge­sicht be­kom­men. Meist war er schon un­ter­wegs, wenn sie am Mor­gen kam, um das Haus in Ord­nung zu brin­gen, und kehr­te erst zu­rück, wenn sie am Nach­mit­tag wie­der ge­gan­gen war. In der Re­gel hat­te sie aus­schließ­lich mit An­der­son zu tun, sei­nem Ad­ju­tan­ten, der mit ihr zum Ein­kau­fen nach Bur­ha­ve und zu den um­lie­gen­den Bau­ern­hö­fen fuhr. Er war ein net­ter Kerl, aber mit sei­nen ge­ra­de mal zwan­zig Jah­ren noch ziem­lich grün hin­ter den Oh­ren. Re­gel­mä­ßig ließ er sich von den Bau­ern beim Feil­schen über den Tisch zie­hen. Seit sie ge­hört hat­te, was er bis­lang für ei­ne Kan­ne Milch be­zahlt hat­te, be­stand Wieb­ke dar­auf, ihn zu be­glei­ten.

Wat­son warf ihr ei­nen kur­zen Blick zu und lä­chel­te. „Nun schau­en Sie nicht so er­schreckt, Mrs Han­sen. Ich mei­ne das ernst. Das Haus blitzt ge­ra­de­zu, und das, was sie für uns ko­chen, ist in der Re­gel auch sehr gut. Manch­mal et­was un­ge­wohnt für den bri­ti­schen Ge­schmack, aber schmack­haft. Bis auf …“

„Di­cke Boh­nen“, er­gänz­te Wieb­ke mit ei­nem brei­ten Grin­sen.

„Bis auf di­cke Boh­nen.“Wat­son lach­te, und in sei­nen Au­gen­win­keln bil­de­ten sich klei­ne Fal­ten. „Wie Sie das durch die Keh­le be­kom­men, ist mir wirk­lich ein Rät­sel.“Er schüt­tel­te sich, be­hielt aber das Lenk­rad da­bei fest in den Hän­den.

„Ich ver­spre­che, ich wer­de kei­ne mehr ko­chen.“

„Ver­bind­lichs­ten Dank!“Er nick­te ihr lä­chelnd zu, ehe er sich wie­der auf die Fahr­bahn kon­zen­trier­te. „So ganz un­ei­gen­nüt­zig ist es üb­ri­gens nicht, dass ich vor­ge­schla­gen ha­be, Sie nach Hau­se zu fah­ren. Ich ha­be mich ge­fragt, ob ich Sie wohl um ei­nen Ge­fal­len bit­ten könn­te.“„Ei­nen Ge­fal­len?“

„Ja.“Sie hat­ten Bur­ha­ve hin­ter sich ge­las­sen und bo­gen auf die Stra­ße ab, die am Siel ent­lang zum Fed­der­war­der­sie­ler Ha­fen führ­te. „Ich muss mit dem Vor­sit­zen­den der Fi­sche­rei­ge­nos­sen­schaft über ein paar Din­ge spre­chen und hät­te Sie gern als Dol­met­sche­rin da­bei. Es wird nicht lan­ge dau­ern, vi­el­leicht ei­ne Vier­tel­stun­de, si­cher nicht viel län­ger. Wenn Sie vor­her zu Hau­se Be­scheid ge­ben wol­len, fah­re ich Sie schnell dort vor­bei.“

„Nein, das ist nicht nö­tig. Mei­ne Fa­mi­lie er­war­tet mich nicht vor fünf Uhr zu­rück. Ich den­ke nur …“

„Ich könn­te ver­ste­hen, wenn Sie ab­leh­nen“, un­ter­brach er sie. „Im­mer­hin sind die Fi­scher Ih­re Nach­barn, und wenn Sie mich be­glei­ten und für mich über­set­zen, sieht das aus, als wür­den Sie mei­ne Mei­nung ver­tre­ten.“Wie­der mus­ter­te er sie kurz von der Sei­te. „Wie ein Kol­la­bo­ra­teur“, füg­te er hin­zu. „Ich wür­de nicht fra­gen, aber die Sa­che ist wirk­lich wich­tig, und wenn die Fi­scher in ih­rem Dia­lekt re­den, dann ver­ste­he ich nicht ein­mal die Hälf­te von dem, was sie sa­gen.“

Wieb­ke starr­te durch die Wind­schutz­schei­be und sah den Deich im­mer nä­her kom­men. „Kol­la­bo­ra­teur …“, mur­mel­te sie. So hat­ten die Leu­te auch ih­ren Va­ter ge­nannt. Da­mals, kurz be­vor die bri­ti­schen Flie­ger die In­sel in Schutt und Asche ge­legt hat­ten. Mit­ten in der Nacht war die SS ge­kom­men und hat­te ihn aus dem Haus ge­holt und weg­ge­bracht.

Ge­dan­ken­ver­lo­ren strich Wieb­ke über die al­te Arm­band­uhr, die sie am lin­ken Hand­ge­lenk trug. Pa­pas Uhr. „Doch“, hör­te sie sich selbst ant­wor­ten. „Na­tür­lich kann ich für Sie über­set­zen, wenn Sie es möch­ten.“Sie räus­per­te sich, um ih­re raue Keh­le wie­der frei zu be­kom­men. „Ich ha­be kei­ne Angst da­vor, dass mich je­mand ei­nen Kol­la­bo­ra­teur nennt. Nicht, wenn es wich­tig ist.“

On­no de Buhr, der Vor­sit­zen­de der Fi­sche­rei­ge­nos­sen­schaft, war­te­te be­reits, als Wat­son den Jeep in der Nä­he des Ha­fen­be­ckens ab­stell­te. Der stäm­mi­ge klei­ne Mann An­fang fünf­zig stand breit­bei­nig vor der Hal­le, kau­te auf sei­ner kal­ten Ta­bak­pfei­fe her­um und sah ih­nen fins­ter ent­ge­gen.

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