Mo­ment­auf­nah­men

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Politik - BERN­HARD JUNGINGER

Wer glaubt, die Bun­des­tags­wahl sei schon ge­lau­fen, macht ei­nen ge­wal­ti­gen Feh­ler. Denn wenn das so wä­re, wür­de es ja gar kei­nen Sinn mehr ma­chen, über­haupt noch an die Ur­ne zu ge­hen. Und wenn vie­le am Wahl­tag da­heim­blei­ben, weil sie den­ken, dass es auf ih­re Stim­me gar nicht an­kommt, fällt die Wahl vi­el­leicht ganz an­ders aus, als jetzt die De­mo­sko­pen vor­her­sa­gen.

All die Um­fra­gen zur Wäh­ler­gunst, die Sonn­tags­fra­gen, die Trends – sie sind nichts als Mo­ment­auf­nah­men. Und eben kei­ne Tat­sa­chen. Schon die Stu­di­en der ver­schie­de­nen In­sti­tu­te in der­sel­ben Wo­che un­ter­schei­den sich zum Teil um ei­ni­ge Pro­zent­punk­te. Bei je­der Um­fra­ge sind Ab­wei­chun­gen von bis zu drei Pro­zent­punk­ten nach oben oder un­ten mög­lich. Steht Par­tei X in der Um­fra­ge et­wa bei sie­ben Pro­zent, liegt sie im schlech­tes­ten Fall in Wahr­heit bei nur vier Pro­zent – und hät­te den Sprung in den Bun­des­tag ver­passt. Im bes­ten Fall liegt sie da­ge­gen so­gar bei zehn Pro­zent und kann als Teil ei­ner Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung die Ge­schi­cke des Lan­des mit­be­stim­men. Den Br­ex­it ha­ben füh­ren­de Mei­nungs­for­scher eben­so we­nig vor­her­ge­sagt wie den Tri­umph von Do­nald Trump bei den US-Prä­si­dent­schafts­wah­len. Wer al­so pro­phe­zeit, dass das Er­geb­nis der Bun­des­tags­wahl von den jet­zi­gen Pro­gno­sen ab­wei­chen wird, liegt wahr­schein­lich rich­tig.

Hin­zu kommt, dass vie­le Bür­ger bis zu­letzt nicht wis­sen, ob und wen sie wäh­len wer­den. Die Un­ent­schlos­se­nen könn­ten am En­de für ei­ne Sen­sa­ti­on sor­gen. An die­se Hoff­nung klam­mern sich Mar­tin Schulz und die SPD. An­ge­la Mer­kel da­ge­gen weiß, dass es ge­fähr­lich ist, wenn sie schon als si­che­re Sie­ge­rin ge­han­delt wird. Ih­re An­hän­ger könn­ten es un­nö­tig fin­den, zur Wahl zu ge­hen. Im et­was sper­ri­gen Be­griff des „Wahl­be­rech­tig­ten“steckt das Wort Recht – nur wer von die­sem auch Ge­brauch macht, ent­schei­det über die künf­ti­gen po­li­ti­schen Ver­hält­nis­se.

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