Was hat die Kir­che heu­te noch zu sa­gen?

An­re­gen­der Streit zum Ge­burts­tag des Bi­schofs

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Südwestecho - Von un­se­rem Re­dak­ti­ons­mit­glied El­vi­ra Wei­sen­bur­ger

Karls­ru­he. Wel­che wich­ti­gen Ju­bi­lä­en darf das Land die­ses Jahr fei­ern? Folgt man dem ba­den-würt­tem­ber­gi­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Win­fried Kret­sch­mann, dann sind es drei: „500 Jah­re Re­for­ma­ti­on, 200 Jah­re Fahr­rad und 60 Jah­re Jo­chen Cor­ne­li­us-Bund­schuh.“Und das letz­te­re, die Ge­burts­tags­fei­er­lich­kei­ten für den evan­ge­li­schen Lan­des­bi­schof Cor­ne­li­us-Bund­schuh, führ­ten Kret­sch­mann ges­tern Abend ins Ba­di­sche Staats­thea­ter der Fahr­rad-Stadt Karls­ru­he. Auf der Büh­ne ga­ben klu­ge Köp­fe zu Eh­ren des Bi­schofs, der be­reits am 30. Ju­li Ge­burts­tag hat­te, ein Sym­po­si­um mit dem an­spruchs­vol­len Ti­tel: „Was Theo­lo­gie heu­te zu sa­gen hat.“

Es ist ein un­er­schöpf­li­ches und strit­ti­ges The­ma – in ei­ner Zeit, in der die ei­nen das „Moral­wäch­ter­tum“der Kir­chen ab­leh­nen, wäh­rend die an­de­ren die ve­he­men­te kirch­li­che Ein­mi­schung in die öf­fent­li­chen Kri­sen­de­bat­ten for­dern. Der be­ken­nen­de Christ Kret­sch­mann zoll­te dem ba­di­schen Lan­des­bi­schof Re­spekt da­für, wie die­ser ge­sell­schafts­po­li­ti­sche Dis­kus­sio­nen füh­re: „Ru­hig, aber nach­drück­lich“mah­ne Cor­ne­li­usBund­schuh, wann im­mer hu­ma­ne Wer­te in Ge­fahr sei­en – und kon­fron­tie­re die deut­sche Po­li­tik mit ih­ren Ver­säum­nis­sen. „Sie ha­ben zu­recht die zö­ger­li­che Hal­tung beim Kli­ma­schutz kri­ti­siert“, mein­te der Lan­des­va­ter an die Adres­se des Lan­des­bi­schofs. Als spä­tes Ge­burts­tags­ge­schenk hat­te er für Cor­ne­li­usBund­schuh ei­nen Wan­der­ruck­sack mit­ge­bracht – „öko­lo­gisch und so­zi­al nach­hal­tig“her­ge­stellt. Und ehe Kret­sch­mann zum nächs­ten Ter­min ent­schwand, emp­fahl er lau­nig, al­le Chris­ten soll­ten sich öf­ter mal „auf den Weg ma­chen“, pil­gernd nach Gott su­chen – statt stets so zu tun, als ob sie ihn längst ge­fun­den hät­ten.

Den an­re­gen­den Streit dar­über, was Theo­lo­gie heu­te noch zu sa­gen hat, tru­gen Kul­tur­schaf­fen­de, Theo­lo­gen und Ju­ris­ten auf der Büh­ne aus. Die Kir­che müs­se der „Sehn­sucht nach Hei­mat und Über­schau­bar­keit“auf po­si­ti­ve Wei­se ent­ge­gen­kom­men, for­der­te der Ham­bur­ger Theo­lo­ge Hans-Mar­tin Gut­mann. Der­zeit wer­de die­se Sehn­sucht der Men­schen vor al­lem auf tri­via­le Wei­se be­dient: durch Kitsch­fil­me und durch Ab­schot­tungs­und Aus­gren­zungs­ten­den­zen in ei­ner Ge­sell­schaft der Ar­mut und des „ex­plo­die­ren­den Reich­tums“. „Die of­fe­ne Ge­sell­schaft ist be­droht“, mahn­te

Ein Thea­ter-Sym­po­si­um für Cor­ne­li­us-Bund­schuh

der Theo­lo­ge – und rief den Wi­der­spruch von Pe­ter Sp­uh­ler, Ge­ne­ral­in­ten­dant des Staats­thea­ters, her­vor. „Ich wür­de sa­gen, wir ha­ben die of­fe­ne Ge­sell­schaft noch gar nicht er­reicht“, er­klär­te er – und stell­te die (selbst-)kri­ti­sche Fra­ge: „Sind wir auch so of­fen, dass wir be­reit sind, für an­de­re Platz zu ma­chen?“

Der Thea­ter­chef emp­fahl den Gäs­ten, den Blick durch den Saal schwei­fen zu las­sen: Wo sei­en denn die Mi­gran­ten, die Ver­tre­ter be­nach­tei­lig­ter Grup­pen? Aus ih­ren Mi­lieus her­aus maß­ten sich Kul­tur­schaf­fen­de wie Kir­chen­leu­te oft irr­tüm­lich an, „dass wir wis­sen, wie die Welt funk­tio­niert“, mahn­te Sp­uh­ler. Ei­ne Kern­auf­ga­be der Kir­che sieht er dar­in: „Den Strau­cheln­den Halt ge­ben, die Si­che­ren er­schüt­tern.“

BGH-Prä­si­den­tin Lim­perg er­war­tet von der Kir­che vor al­lem, „dass sie Stand­punk­te be­zieht, wo es schwie­rig wird“. Wie soll die Kir­che den Her­aus­for­de­run­gen der di­gi­ta­li­sier­ten Welt be­geg­nen? Auch dar­um kreis­te die Dis­kus­si­on. Kann die Kir­che der „Fak­ten­ver­wäs­se­rung und Ka­ko­pho­nie des Has­ses“im In­ter­net „mit Mut und Herz“ent­ge­gen­tre­ten, wie es der Grü­nen-Po­li­ti­ker Kon­stan­tin von Notz for­der­te?

Zu­min­dest wol­le sie mit­re­den, mit­ge­stal­ten und „Got­tes Be­we­gung in die Welt fol­gen“, wie Ju­bi­lar Cor­ne­li­usBund­schuh be­teu­er­te. Sein Cre­do ist es, dass die Kir­che nicht bei sich selbst blei­ben darf, son­dern stär­ker mit­ten­drin in Kom­mu­nen wir­ken muss. „Wir sind Ak­teu­re in der Zi­vil­ge­sell­schaft“sag­te der Lan­des­bi­schof. „Ich bin Mensch und nicht Gott“– die­se Bot­schaft müs­se die Kir­che ein­brin­gen. So kön­ne sie „Fun­da­men­ta­lis­men in­fra­ge stel­len“.

EI­NEN RUCK­SACK ALS GE­BURTS­TAGS­GE­SCHENK er­hielt Lan­des­bi­schof Jo­chen Cor­ne­li­us-Bund­schuh (links) von Mi­nis­ter­prä­si­dent Win­fried Kret­sch­mann. Ge­ne­ral­in­ten­dant Pe­ter Sp­uh­ler (rechts) dis­ku­tier­te beim Sym­po­si­um im Staats­thea­ter kri­tisch mit. Fo­to: Ar­tis

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