Noch ei­ne The­se

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Politik - KLAUS GASS­NER

Ein Mönch, der The­sen zu ei­ner über­fäl­li­gen Re­form der Kir­chen an ei­ne Kir­chen­tür an­schlägt, wür­de heu­te bes­ten­falls be­lä­chelt. Wahr­schein­lich aber nicht mal wahr­ge­nom­men. Ei­ne ge­sell­schaft­li­che De­bat­te, ei­ne Re­vo­lu­ti­on, ein geis­tes­wis­sen­schaft­li­cher Um­bruch, der sich auf in­ner­kirch­li­che Re­for­men stützt? Nichts ist schwe­rer vor­stell­bar. An Kir­chen­kri­tik hat sich die Ge­sell­schaft ge­wöhnt, und bren­nend in­ter­es­siert ist sie dar­an nicht. Fa­ta­ler­wei­se ha­ben sich aber auch die Kir­chen dar­auf gut ein­ge­rich­tet. Die Tan­ker der gro­ßen Kon­fes­sio­nen zie­hen wei­ter ih­re Bahn, wäh­rend das Was­ser um sie her­um lang­sam aus­trock­net. Die Ge­mein­den wer­den klei­ner, es wird schwie­ri­ger, ver­ant­wort­li­che Stel­len mit kom­pe­ten­ten Mit­ar­bei­tern zu be­set­zen. Und über­dies wird das Geld knapp.

Den­noch ist der Ein­fluss der Kir­chen auf den mo­der­nen Staat groß. Das wird auch an die­sem Re­for­ma­ti­ons-Fei­er­tag deut­lich, an dem die evan­ge­li­sche Kir­che in schö­ner öku­me­ni­scher Ver­bun­den­heit mit der ka­tho­li­schen die Er­in­ne­rung an Mar­tin Lu­thers The­sen­an­schlag fei­ert: Die Po­li­tik ist beim Fei­ern dicht da­bei. Denn Po­li­ti­ker wis­sen, dass es oh­ne die Un­ter­stüt­zung der Kir­chen nicht geht. Kir­chen as­sis­tie­ren dem Staat mit ei­nem breit ge­fä­cher­ten Ser­vice-An­ge­bot vom Kin­der­gar­ten über die Sucht­hil­fe bis zum Ho­s­piz­dienst. Der Staat al­lei­ne wür­de dar­an schei­tern, ein so breit ge­fä­cher­tes Netz­werk in ei­ge­ner Re­gie auf­zu­bau­en und fle­xi­bel am Le­ben zu er­hal­ten. Er wür­de auch des­halb schei­tern, weil die Kir­chen vie­le Men­schen ge­prägt ha­ben, die ih­re Ar­beit nicht in den Rhyth­mus ei­nes Acht­stun­den­ta­ges klem­men, son­dern mit Barm­her­zig­keit und Selbst­auf­op­fe­rung weit mehr in­ves­tie­ren. Der Ge­sell­schaft tut es gut, dass Kir­chen so prä­sent sind. Die Kir­chen selbst aber lei­den un­ter die­ser en­gen Ver­zah­nung. Sie ha­ben Mü­he ihr Profil zu zei­gen in der en­gen Um­schlin­gung durch die staats­na­he or­ga­ni­sier­te Für­sor­ge. Den Spa­gat zwi­schen seel­sor­ger­li­cher In­ti­mi­tät und öf­fent­li­cher Rol­le macht auch das Re­for­ma­ti­ons­ju­bi­lä­um rund um den Play­mo­bil-Lu­ther und die Hüpf-Wart­burg deut­lich. Na­tür­lich möch­ten die Kir­chen sti­lis­tisch auf der Hö­he der Zeit sein, na­tür­lich wol­len sie mo­dern und auf­ge­schlos­sen die Öf­fent­lich­keit prä­gen. Aber gleich­zei­tig stellt sich ih­nen ihr Kern­ge­schäft, das Mar­tin Lu­ther ja ei­sern so fo­kus­siert hat: „der Gna­de Got­tes ge­recht wer­den“. Wenn erst der Lärm der Re­for­ma­ti­ons­fei­ern ab­ge­klun­gen ist, wird sich die Fra­ge des „Wie wei­ter?“mit noch mehr Wucht stel­len. Die klei­ner wer­den­de Schar der Chris­ten wird Mü­he ha­ben, das volks­kirch­lich ge­wohn­te Groß­an­ge­bot auf­recht zu er­hal­ten. Aber vi­el­leicht ist das auch gar nicht ih­re wich­tigs­te Auf­ga­be? Die Ur­kir­che wuchs einst in ei­nem all­mäch­ti­gen rö­mi­schen Reich her­an, weil sie ei­ne Bot­schaft hat­te, von der die Men­schen fas­zi­niert wur­den. Die Bot­schaft hat sie noch im­mer, aber die Fas­zi­na­ti­on droht heu­te in der be­hörd­lich or­ga­ni­sier­ten Ca­ri­tas ver­schüt­tet zu wer­den. Ein Stück weit müs­sen sich die Kir­chen frei ma­chen von öf­fent­li­chen Er­war­tun­gen, und statt­des­sen die ganz in­di­vi­du­el­len mehr in den Vor­der­grund rü­cken. Die Or­ga­ni­sa­ti­on ent­schla­cken, sich von Gre­mi­en, Fi­nanz­pla­nun­gen und Äm­ter­or­ga­ni­sa­tio­nen die­ser Welt lö­sen, auch von der Kir­chen­steu­er. Das schafft mehr flam­men­den Geist in der Kir­che!

Das wä­re im­mer­hin noch ei­ne The­se zum 500. Re­for­ma­ti­ons­tag.

Ih­re Staats­nä­he nützt al­len, nur nicht der Kir­che selbst

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.