„Nicht nur um sich selbst krei­sen“

Von Erz­bi­schof Ste­phan Bur­ger, Frei­burg

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Und Der Glaube -

Wenn mor­gen vie­le Men­schen in Deutsch­land ei­nen zu­sätz­li­chen Fei­er­tag ge­nie­ßen dür­fen, ver­dan­ken sie dies ei­nem kirch­li­chen Er­eig­nis: Dem Be­ginn der Re­for­ma­ti­on vor 500 Jah­ren. Fei­er­ta­ge wie Re­for­ma­ti­ons­tag oder Al­ler­hei­li­gen und vie­le an­de­re sind Un­ter­bre­chun­gen des All­tags, doch im­mer mehr Men­schen ist der Zu­sam­men­hang die­ser „frei­en“Ta­ge mit dem Chris­ten­tum, mit der Re­li­gi­on nicht mehr be­wusst.

Auch wenn Men­schen den kon­kre­ten An­lass für ei­nen Fei­er­tag – manch­mal so­gar zu Os­tern oder Weih­nach­ten – nicht mehr ken­nen, un­ter­bre­chen die­se Ta­ge doch den All­tag. Al­lein schon da­mit sind die­se Ta­ge ein Sym­bol da­für, wel­che Rol­le die Kir­chen heu­te und in Zu­kunft für un­se­re Ge­sell­schaft spie­len: Sie hal­ten den Blick of­fen für Gott, für das Be­wusst­sein da­für, dass das Le­ben „mehr“ist als All­tag. Theo­lo­gen nen­nen es „Tran­szen­denz“und mei­nen da­mit ei­ne Ebe­ne der Wirk­lich­keit, die un­se­re fünf Sin­ne über­steigt. Ei­ne Wirk­lich­keit, die sich dem Gott­su­cher er­schließt. Die Kir­chen wei­ten da­mit den Ho­ri­zont und ma­chen be­wusst: Un­ser Le­ben, un­se­re Exis­tenz ver­dan­ken wir nicht uns selbst. We­der der An­fang noch das En­de un­se­res Le­bens lie­gen in un­se­rer Hand. Wir dür­fen auf ein ge­glück­tes Le­ben hof­fen, kön­nen aber nicht al­les da­rin selbst steu­ern. Die Exis­tenz Got­tes an­zu­er­ken­nen heißt auch, sich der ei­ge­nen Gren­zen be­wusst zu wer­den.

In­ner­halb die­ser Gren­zen kön­nen wir un­se­re Ge­sell­schaft ge­stal­ten, die im­mer stär­ker zu ei­ner glo­ba­len Ge­mein­schaft wird – da­zu sind wir in Frei­heit be­ru­fen. Die Grund­la­ge da­für ist für uns Chris­ten ei­ne exis­ten­zi­el­le Er­fah­rung: die Er­fah­rung, dass wir in un­se­ren Mit­men­schen Gott be­geg­nen: Je­der Mensch ist ein Kind Got­tes, je­der Mensch hat die glei­chen Rech­te und die glei­che Wür­de. Das ist die Grund­la­ge christ­li­chen Han­delns und un­ser Maß­stab für die Gestal­tung der Welt. Wer von der glei­chen Wür­de je­des Men­schen aus­geht, wer das christ­li­che Men­schen­bild zur Ba­sis sei­nes per­sön­li­chen und po­li­ti­schen Han­delns macht, der ver­sucht je­den Tag, un­se­re Welt ein Stück bes­ser zu ma­chen – ge­rech­ter, so­li­da­ri­scher, fried­li­cher. Aus die­sem Grund set­zen die Kir­chen ih­re po­li­ti­sche Stim­me für mehr so­zia­le Ge­rech­tig­keit ein und vor al­lem für die­je­ni­gen am Rand der Ge­sell­schaft, die kei­ne Lob­by ha­ben: Al­te, Kran­ke, Al­lein- ste­hen­de, Ver­folg­te und Ge­schei­ter­te, Men­schen zu Be­ginn und am En­de ih­res Le­bens.

Aber auch wenn sie sich auf ei­nen gött­li­chen Ur­sprung be­ru­fen kön­nen, sind Kir­chen nicht un­fehl­bar: Als In­sti­tu­tio­nen oder Or­ga­ni­sa­tio­nen be­ste­hen sie aus Men­schen, die al­les an­de­re als per­fekt sind. Sie ma­chen Feh­ler, la­den manch­mal so­gar gro­ße Schuld auf sich. Aber sie sind auch da­zu fä­hig, sich da­zu zu be­ken­nen, aus Feh­lern zu ler­nen, sich zu än­dern, um­zu­keh­ren. Die Re­for­ma­ti­on zeigt uns: Sie hat nicht nur die Evan­ge­li­sche Kir­che her­vor­ge­bracht, son­dern auch die Ka­tho­li­sche Kir­che ver­än­dert. Heu­te ist uns wie­der be­wusst, dass die bei­den gro­ßen christ­li­chen Kir­chen in un­se­rem Land mehr ver­bin­det als trennt. Be­son­ders hier in Ba­den le­ben wir als Chris­ten in ei­ner frucht­ba­ren öku­me­ni­schen Ver­bun­den­heit.

Man­che for­dern ei­ne Welt, ei­ne Ge­sell­schaft oh­ne Re­li­gi­on, und ei­ni­ge glau­ben, dass es ei­ne bes­se­re Welt wä­re, wenn sie oh­ne Gott aus­kom­men wür­de. Doch wie die gro­ße Mehr­heit der Men­schen glau­ben auch wir Chris­ten, dass man im Hier und Jetzt bes­ser le­ben kann, wenn man ei­ne Ver­an­ke­rung im Ewi­gen, im Un­ver­füg­ba­ren hat. Men­schen, die glau­ben, lie­ben und hof­fen kön­nen, weil sie aus Gott le­ben, sind un­ver­zicht­bar für ei­ne Ge­sell­schaft, die ge­mein­sam an ei­ner Zu­kunft baut. Un­ser ge­mein­sa­mes Haus, die Schöp­fung, in der wir le­ben, braucht Gott, um nicht nur um sich selbst zu krei­sen und um die Welt le­bens­wert zu ge­stal­ten.

Ste­phan Bur­ger

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