Pop, wie er im Bu­che steht

Ein­gän­gig, an­ste­ckend und hand­werk­lich gut: Jo­han­nes Oer­ding im Toll­haus Karls­ru­he

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Kultur -

80 Kon­zer­te in ganz Deutsch­land: Was für ei­nen Pro­fi­mu­si­ker zum Be­rufs­all­tag ge­hört, ist für ei­nen wasch­ech­ten Fan eben­falls ei­ne schein­bar leich­te Übung. Der durch­schnitt­li­che Kon­zert­be­su­cher aber lauscht und staunt an­ge­sichts des Auf­wands, den manch ei­ne(r) in der ers­ten Rei­he be­treibt. Vor­ne, na­he der Büh­nen­kan­te, sind sie von übe­r­all her an­ge­reist, um ih­ren Lieb­lings­mu­si­ker ein­mal mehr in Ak­ti­on zu er­le­ben. Und so strahlt an die­sem Abend ne­ben Karls­ru­he auch Ham­burg, Braun­schweig und Köln mit Oer­ding um die Wet­te. Der star­tet nach Sup­port Ma­rie Both­mer mit ei­nem au­gen­zwin­kern­den „Herz­lich will­kom­men zu sie­ben St­un­den Mu­sik!“in sei­nen aus­ver­kauf­ten Gig im Toll­haus.

Seit Jah­ren bleibt der Sän­ger und Gi­tar­rist sei­ner Li­nie treu. Zu sei­ner grund­sym­pa­thi­schen Art und im bes­ten Wort­sinn gro­ßen Klap­pe (ja, es wird sehr viel er­zählt an die­sem Abend) ge­sellt sich ein ab­wechs­lungs­rei­ches Set, das li­ve in be­son­de­rem Ma­ße über­zeugt. Das kennt man auch von an­de­ren Acts der Deutsch­pop-Frak­ti­on wie Clue­so – wo die Stu­dio­auf­nah­men oft sehr ra­diot­aug­lich ab­ge­mischt sind, geht’s im Kon­zert deut­lich di­rek­ter zur Sa­che. Die Band ist grund­so­li­de auf­ge­stellt und hat’s, sa­lopp ge­sagt, drauf. Die Ar­ran­ge­ments ge­hen ins Ohr und ge­ben we­ni­ger dem Ver­lan­gen nach Ecken und Kan­ten als dem be­rühmt-be­rüch­tig­ten Wohl­fühl­fak­tor nach. Doch wer sagt, dass Mu­sik im­mer nur aus Rei­bungs­flä­chen und An­ti-Hal­tun­gen be­ste­hen muss? „Wir wol­len Lie­be im Saal und ein we­nig Pip­pi in den Au­gen“, for­dert der Künst­ler an ei­ner Stel­le. Die emo­tio­na­le Bal­la­de „Schlaf­los“, die er ge­gen En­de sei­nes Auf­tritts al­lein am Kla­vier in­ter­pre­tiert, geht der­art zu Her­zen, dass man tat­säch­lich ein Trän­chen ver­drü­cken könn­te.

Doch auch ein Song wie „So Schön“, der klingt, wie er heißt, zau­bert ein be­seel­tes Lä­cheln ins Ge­sicht. Di­ver­se Qu­er­ver­wei­se zu 80er-Jah­re-Mu­sik („Loo­king For Free­dom“, „Ti­me Of My Li­fe“) schwin­gen zu­dem amü­sant die Iro­nie-Keu­le und sor­gen zwi­schen­durch ge­nau­so für La­cher wie Oer­dings lo­cke­re An­sa­gen. Ti­tel wie „Te­tris“und „Lo­ve Me Tin­der“hin­ge­gen spie­geln ge­schickt den ak­tu­el­len Zeit­geist und sind Pop, wie er im Bu­che steht.

Ein­gän­gig, mit­rei­ßend, hand­werk­lich gut ge­macht. Hut ab – oder in Oer­dings Fall: auf! Eli­sa Rez­nicek

HUT AB VOR DEM MANN MIT HUT: Zur sym­pa­thi­schen Art Jo­han­nes Oer­dings und sei­ner gro­ßen Klap­pe ge­sellt sich ein ab­wechs­lungs­rei­ches Set. Fo­to: rez

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