Tri­bu­nal gab den Op­fern ei­ne Stim­me

Zum Jah­res­en­de schließt der UN-Ge­richts­hof in Den Haag mit ei­ner durch­wach­se­nen Bi­lanz

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Politik - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Ru­dolf Gru­ber

Den Haag. Mit 31. De­zem­ber schließt das UN-Tri­bu­nal in Den Haag, das fast 25 Jah­re lang Kriegs­ver­bre­chen in ExJu­go­sla­wi­en auf­klär­te und über vie­le hoch­ran­gi­ge An­ge­klag­te lang­jäh­ri­ge Haft­stra­fen ver­häng­te. Die Bi­lanz ist durch­wach­sen, fällt aber deut­lich bes­ser aus als zu Be­ginn er­war­tet. Mit­ten in den Bal­kan­krie­gen nahm im Mai 1993 das in­ter­na­tio­na­le Ge­richt sei­ne Ar­beit auf. Wie bei vie­len Be­schlüs­sen des UNWelt­si­cher­heits­rats in New York wur­de auch von die­sem kei­ne ef­fi­zi­en­te Um­set­zung er­war­tet. Doch es kam an­ders, das Haa­ger Tri­bu­nal war das bis­lang er­folg­reichs­te in­ter­na­tio­na­le Ge­richt und setz­te ei­nen neu­en Maß­stab: Kein Kriegs­ver­bre­cher, und sei er noch so mäch­tig, kann fort­an mehr si­cher sein, un­ge­straft da­von­zu­kom­men. „Wir glau­ben, wir ha­ben si­gni­fi­kant zu Frie­den und Si­cher­heit bei­ge­tra­gen“, sag­te nicht oh­ne Stolz Ser­ge Bram­mertz, der letz­te Chef­an­klä­ger, in sei­ner Schluss­bi­lanz An­fang De­zem­ber vor dem Welt­si­cher­heits­rat.

Wäh­rend der fast 25 Jah­re wur­den 161 Ver­fah­ren ab­ge­wi­ckelt, 91 da­von en­de­ten mit Schuld­sprü­chen. Er­mitt­ler, Rich­ter, An­wäl­te und das üb­ri­ge Jus­tiz­per­so­nal ha­ben ge­wal­ti­ge Men­gen an Do­ku­men­ten und Be­weis­ma­te­ri­al ge­sam­melt und be­ar­bei­tet. His­to­ri­kern und For­schern steht ein um­fang­rei­ches Ar­chiv zur Ver­fü­gung, das ih­nen bei der Au­f­ar­bei­tung der post­ju­go­sla­wi­schen Zer­fall­skrie­ge 1991-1995 noch gu­te Di­ens­te leis­ten wird. Zum Er­folg maß­geb­lich bei­ge­tra­gen hat die lang­jäh­ri­ge ehe­ma­li­ge Chef­an­klä­ge­rin Car­la Del Pon­te: Die re­so­lu­te Schwei­ze­rin war jah­re­lang das Ge­sicht des Tri­bu­nals und Angst­geg­ne­rin vie­ler Bal­kan­fürs­ten.

Das Haa­ger Ge­richt war die ein­zi­ge In­sti­tu­ti­on, die Kriegs­op­fern und de­ren An­ge­hö­ri­gen, gleich wel­cher Na­ti­on, ei­ne Stim­me ge­ge­ben hat. Nur hier konn­ten sie als Zeu­gen auf­tre­ten, aus­sa­gen und auf ein Stück Ge­rech­tig­keit hof­fen. Oh­ne das UN-Tri­bu­nal wä­ren die größ­ten Kriegs­ver­bre­chen in Eu­ro­pa seit den Na­zis wohl nicht auf­ge­klärt wor­den. Die po­li­tisch und mi­li­tä­risch Haupt­ver­ant­wort­li­chen für das Mas­sa­ker von Sre­bre­ni­ca und an­de­rer Gräu­el­ta­ten wur­den erst spät zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen; sie hat­ten stets mäch­ti­ge Be­schüt­zer, die sich jah­re­lang wei­ger­ten, nach ih­nen zu su­chen oder sie aus­zu­lie­fern. So wur­de der bos­nisch-ser­bi­sche An­füh­rer Ra­do­van Ka­ra­dzic erst im März 2016 zu 40 Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt, sein Mi­li­tär­chef Rat­ko Mla­dic im ver­gan­ge­nen No­vem­ber zu le­bens­lan­ger Haft. Bei­der Be­ru­fungs­ver­fah­ren lau­fen noch.

Doch blieb es dem eher nach­ran­gi­gen bos­nisch-kroa­ti­schen Ex-Ge­ne­ral Slo­bo­dan Pral­jak vor­be­hal­ten, kurz vor Schluss für den dra­ma­tischs­ten Zwi­schen­fall der Tri­bu­nal-Ge­schich­te zu sor­gen: En­de No­vem­ber, ei­ne Wo­che nach dem Mla­dic-Ur­teil, be­ging der 72-jäh­ri­ge Pral­jak wäh­rend der Ur­teils­ver­kün­dung mit Zy­an­ka­li Selbst­mord vor lau­fen­der Ka­me­ra.

Frei­lich stand das Tri­bu­nal oft un­ter mas­si­ver Kri­tik. Doch Vor­wür­fe, es ha­be par­tei­isch und schlam­pig ge­ar­bei­tet, las­sen sich nicht be­stä­ti­gen. Manch ein Ver­fah­ren zog sich schlicht durch akri­bi­sche und schwie­ri­ge Er­mitt­lun­gen oder durch un­zäh­li­ge Ein­sprü­che der An­wäl­te der­art in die Län­ge, dass es oh­ne Ur­teil ab­ge­schlos­sen wer­den muss­te. Aus­ge­rech­net Slo­bo­dan Mi­lo­se­vic, der obers­te Kriegs­herr und mi­t­hin der rang­höchs­te An­ge­klag­te, ent­kam so ei­ner Ver­ur­tei­lung. Der 64jäh­ri­ge Ex-Prä­si­dent Ser­bi­ens starb 2006 in sei­ner Zel­le an Herz­ver­sa­gen.

Als um­strit­tens­ter Fall gilt der des kroa­ti­schen Ex-Mi­li­tär­chefs An­te Go­to­vina. 2011 wur­de der Ge­ne­ral, für die Kroa­ten nach dem Grün­der­prä­si­den­ten Fran­jo Tud­j­man der größ­te Na­tio­nal­held, in ers­ter In­stanz als Kriegs­ver­bre­cher zu 24 Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt, im Jahr dar­auf im Be­ru­fungs­ver­fah­ren über­ra­schend frei­ge­spro­chen. Die Grün­de für die völ­li­ge Um­kehr des Ur­teils wur­den nie schlüs­sig er­läu­tert.

Der Vor­wurf, das Tri­bu­nal sei par­tei­isch ge­we­sen, kam vor al­lem aus Ser­bi­en. Weil 70 Pro­zent der zu Haft­stra­fen Ver­ur­teil­ten Ser­ben sind, spricht Au­ßen­mi­nis­ter Ivica Da­cic von „an­ti­ser­bi­scher Po­lit­jus­tiz des Wes­tens“. Doch das ist schlicht Pro­pa­gan­da, mit der ver­tuscht wer­den soll, dass Ser­bi­en die Krieg füh­ren­de Macht mit gro­ßer Waf­fen­über­le­gen­heit war und da­her zwangs­läu­fig die meis­ten Kriegs­ver­bre­cher stell­te.

Als gro­ßes Ver­säum­nis des Tri­bu­nals gilt, kein ein­zi­ges Ver­bre­chen aus dem Ko­so­vo-Krieg be­han­delt zu ha­ben. Doch über­nimmt die­se Auf­ga­be ein neu­es, eben­falls in Den Haag sta­tio­nier­tes Son­der­tri­bu­nal, das mit Jah­res­be­ginn die Ar­beit auf­nimmt. Dass die ge­sam­te ehe­ma­li­ge Spit­ze der Re­bel­len­be­we­gung UCK, ein­schließ­lich des ge­gen­wär­ti­gen Prä­si­dent Ha­shim Tha­ci, auf der An­kla­ge­bank sit­zen könn­te, sorgt be­reits für er­heb­li­che Un­ru­he.

Kä­me es al­lein auf die heu­ti­gen Po­li­ti­ker auf dem Bal­kan an, wä­re kein ein­zi­ges Kriegs­ver­bre­chen auf­ge­klärt wor­den. Was sie an Ko­ope­ra­ti­on mit dem Haa­ger Tri­bu­nal leis­te­ten, kam nur auf mas­si­ven po­li­ti­schen Druck durch die west­li­chen Frie­dens­mäch­te zu­stan­de. Ka­ra­dzic, Mla­dic, Pral­jak und all die an­de­ren ver­ur­teil­ten Kriegs­ver­bre­cher gel­ten heute als grö­ße­re Na­tio­nal­hel­den als da­mals. Nach wie vor gel­ten die al­ten Feind­bil­der: Auf der ei­ge­nen Sei­te gibt es nur Op­fer, auf der Ge­gen­sei­te nur Tä­ter. Es fehlt schlicht der po­li­ti­sche Wil­le, die ei­ge­ne Kriegs­ver­gan­gen­heit zu ak­zep­tie­ren.

Kriegs­ver­bre­cher er­hiel­ten zum Teil lan­ge Haft­stra­fen

DIE KRIEGS­VER­BRE­CHEN IN EX-JU­GO­SLA­WI­EN wa­ren 25 Jah­re lang The­ma im UN-Tri­bu­nal in Den Haag. Jetzt schließt der Ge­richts­hof sei­ne Pfor­ten. Aber im neu­en Jahr nimmt ein neu­es Son­der­tri­bu­nal sei­ne Ar­beit auf, das sich mit den Ver­bre­chen aus dem Ko­so­vo-Krieg be­schäf­tigt. Fo­to: dpa

MIT ZY­AN­KA­LI tö­te­te sich Ex-Ge­ne­ral Pral­jak vor dem Ge­richts­hof selbst. Fo­to: dpa

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