Wer ei­nen Wunsch hat, kauft ei­nen Schlüs­sel

In ei­ner by­zan­ti­ni­schen Kir­che in Istan­bul be­ten Mus­li­me und Chris­ten ge­mein­sam für ih­re ganz pri­va­ten An­lie­gen

Badische Neueste Nachrichten (Karlsruhe) - - Forum - Von un­se­rer Kor­re­spon­den­tin Susanne Güs­ten

Istan­bul. Mor­gen­ge­bet in ei­ner Ka­pel­le in Istan­bul: Sil­ber­ne Iko­nen glit­zern im Ker­zen­schein, der Duft von Weih­rauch steigt auf, der Sprech­ge­sang des or­tho­do­xen Pries­ters er­füllt den Raum. Ver­steckt in ei­nem um­mau­er­ten Hof zwi­schen Werk­stät­ten und La­ger­häu­sern liegt die klei­ne Kir­che in ei­nem Ge­wer­be­ge­biet auf der eu­ro­päi­schen Sei­te der Stadt. Ihr Ort soll nicht ge­nau­er be­zeich­net wer­den, da­mit sie nicht zur Ziel­schei­be is­la­mis­ti­scher Ei­fe­rer wird – so hat das Pa­tri­ar­chat von Kon­stan­ti­no­pel es sich aus­be­dun­gen. Doch wer in tie­fer see­li­scher Not ist in die­ser Stadt, der fin­det ir­gend­wann hier­her in die­se Kir­che, gleich ob er Christ ist oder Mus­lim.

Noch wäh­rend der Pries­ter am Al­tar das Früh­ge­bet singt, schlei­chen sich hin­ter ihm die ers­ten Be­su­cher die Mar­mor­trep­pe hin­un­ter zur Kryp­ta und dre­hen dort die Mes­sin­g­häh­ne auf, um Was­ser in ein Mar­mor­be­cken plät­schern zu las­sen. Un­si­cher wen­den sich zwei tür­ki­sche Ma­tro­nen an ei­nen schnauz­bär­ti­gen Mann, der sich aus­zu­ken­nen scheint und ih­nen das Pro­ze­de­re er­läu­tert. „Al­so, ihr trinkt das Was­ser und wünscht euch et­was: ei­ne Woh­nung, ein Kind oder Ge­sund­heit“, er­klärt der Schnauz­bär­ti­ge. „Dann geht ihr zum Pries­ter hin­auf, sagt ihm eu­ren Namen und eu­ren Wunsch und lasst euch von ihm seg­nen.“

Dank­bar wen­den sich die Frau­en wie­der dem Be­cken zu und be­net­zen ih­re Ge­sich­ter mit dem Qu­ell­was­ser. Sie sind früh auf­ge­stan­den und lan­ge Bus ge­fah­ren, um das Ri­tu­al zu ab­sol­vie­ren. „Ich will ei­nen Wunsch für mei­nen Sohn tun, ei­nen für mei­ne Toch­ter und ei­nen für mich selbst, des­halb ha­be ich mir drei Schlüs­sel ge­holt“, er­zählt ei­ne von ih­nen, ei­ne stäm­mi­ge Mitt­fünf­zi­ge­rin im tail­lier­ten Ko­s­tüm. Die Fra­ge nach ih­rem Glau­ben bringt sie nicht aus der Ru­he. „Si­cher, ich bin Mus­li­min, aber ich den­ke, man kann in Kir­chen eben­so­gut be­ten wie in Mo­sche­en“, ent­geg­net sie. „Ge­bet ist Ge­bet, es geht schließ­lich an Gott.“

Der or­tho­do­xe Is­lam des tür­ki­schen Re­li­gi­ons­am­tes ist ein stren­ger Glau­be, der die emo­tio­na­len Be­dürf­nis­se der Tür­ken noch nie ganz hat be­frie­di­gen kön­nen. Schon bei ih­rer Be­keh­rung zum Is­lam wand­ten sich die Tür­ken­stäm­me, die im Mit­tel­al­ter von Zen­tral­asi­en nach Ana­to­li­en ein­wan­der­ten, lie­ber der mys­ti­schen Strö­mung des Glau­bens zu, dem so­ge­nann­ten Su­fis­mus, der den Weg zu Gott statt in strik­ten ko­ra­ni­schen Vor­schrif­ten in in­ten­si­ver Me­di­ta­ti­on sucht. Bis heute prak­ti­zie­ren vie­le mus­li­mi­sche Tür­ken die Hei­li­gen­ver­eh­rung, die vom or­tho­do­xen Is­lam ver­bo­ten ist. Auch die ent­spann­ten An­lei­hen bei an­de­ren Glau­bens­ge­mein­schaf­ten und ei­ne Vor­lie­be für mys­ti­sche Ri­tua­le sind We­sens­merk­ma­le des tür­ki­schen Volk­sis­lam.

Die er­wähn­ten Schlüs­sel gibt es am Ein­gang zur Kir­che zu kau­fen, wo sich in­zwi­schen schon ei­ne Schlan­ge ge­bil­det hat. Zwei jun­ge Frau­en in Kopf­tü­chern sind an der Rei­he und wüh­len in ei­nem Hau­fen von gol­de­nen Spiel­zeug­schlüs­seln, die der Küs­ter auf ei­nem alt­mo­di­schen Holz­t­re­sen vor ih­nen aus­ge­schüt­tet hat. Zwei Schlüs­sel wählt ei­ne von ih­nen schließ­lich aus, denn sie ha­be zwei Wün­sche – aber was die sei­en, das dür­fe sie nicht ver­ra­ten. „Wenn sie in Er­fül­lung ge­hen, musst du die Schlüs­sel wie­der­brin­gen“, mahnt der Küs­ter, und die jun­ge Frau nickt. Ih­re Freun­din kauft fünf Schlüs­sel und zwei Ker­zen. Sie ha­be eben vie­le Wün­sche, sagt sie und ki­chert ver­le­gen. „Hof­fent­lich ge­hen sie in Er­fül­lung.“

Den Schlüs­sel zum Glück su­chen die Men­schen hier, sagt der Küs­ter und klim­pert mit dem Schlüs­sel­hau­fen her­um. Man­che wünsch­ten sich Wohl­stand, an­de­re woll­ten hei­ra­ten. „Aber die Schlüs­sel sind al­le gleich, sie pas­sen für je­den Wunsch.“Erst müs­se man ei­nen Schlüs­sel aus­wäh­len, er­klärt er dem nächs­ten Bitt­stel­ler in der Schlan­ge. Dann zün­de man ei­ne Ker­ze an und be­te für sei­nen Wunsch. An­schlie­ßend ho­le man sich hei­li­ges Was­ser von der Qu­el­le un­ten und las­se sich seg­nen.

Zur Seg­nung stel­len sich die Bitt­stel­ler ein­zeln vor dem Pries­ter auf und sen­ken den Kopf, da­mit der Geist­li­che das En­de sei­ner Schär­pe dar­über le­gen kann. So ver­har­ren sie still un­ter dem Tuch, wäh­rend der Pries­ter ein grie­chi­sches Ge­bet über ih­nen spricht. Frau­en und Män­ner je­den Al­ters sind es, die sei­nen Se­gen er­bit­ten. Vie­le sind of­fen­sicht­lich zum ers­ten Mal in ei­ner Kir­che und se­hen sich scheu um; ei­ni­ge der Frau­en tra­gen das Kopf­tuch der gläu­bi­gen Mus­li­min­nen. Der Pries­ter wun­dert sich schon lan­ge nicht mehr dar­über.

„Von hun­dert Men­schen, die hier­her­kom­men, sind vi­el­leicht fünf oder zehn Chris­ten; die meis­ten sind Mus­li­me“, er­zählt der bär­ti­ge Geist­li­che. War­um die Tür­ken aus­ge­rech­net in die­se Kir­che kom­men, weiß der Pries­ter nicht. Schließ­lich sind in Istan­bul noch rund 70 wei­te­re grie­chisch-or­tho­do­xe Kir­chen in Be­trieb, de­ren win­zi­ge Ge­mein­den von je­weils nur noch ein paar Chris­ten nie ei­nen mus­li­mi­schen Be­su­cher se­hen. Auch was es mit dem Schlüs­selRi­tu­al auf sich hat, kann der Pries­ter nicht sa­gen. „Es ist ei­ne al­te Tra­di­ti­on, min­des­tens hun­dert Jah­re alt, aber ich weiß auch nicht, wo­her sie kommt“, gibt er zu. „Schon als ich hier­her­kam, gab es die­ses Sys­tem mit den Schlüs­seln. Es ist ein­fach ei­ne Tra­di­ti­on.“

Der tür­ki­sche Küs­ter weiß mehr über die Kir­che und ih­re Ge­schich­te. Die hei­li­ge Qu­el­le stam­me aus by­zan­ti­ni­scher Zeit, be­rich­tet er. Die Kir­che sei aber nach der Ero­be­rung von Kon­stan­ti­no­pel ein­ge­stürzt und bei ei­nem Erd­be­ben ver­schüt­tet wor­den. Seit et­wa dem Jahr 1700 sei sie wie­der in Be­trieb. „Und seit­her kom­men die Leute hier­her und be­ten für ih­re Wün­sche.“

Sie kom­men und kom­men, den gan­zen Morgen lang, bis die Kir­che mit­tags ih­re Pfor­te schließt. Ein­zeln oder zu zweit, mit erns­ten oder be­küm­mer­ten Mie­nen tre­ten sie von der be­leb­ten Stra­ße durch das Tor in den Gar­ten ein, hal­ten vor der Kir­chen­tür noch ein­mal kurz in­ne und fas­sen sich dann ein Herz. Män­ner und Frau­en, Jun­ge und Al­te, in Je­ans oder im An­zug.

Über­schäu­mend glück­lich tritt ein Ehe­paar von et­wa 50 Jah­ren aus der Kir­che – er im An­zug ei­nes Bü­ro­kra­ten mit Ak­ten­ta­sche in der Hand, sie mit Son­nen­bril­le und Hals­tuch – und lässt sich auf ei­ner Bank nie­der. Ger­ne er­zäh­len die Ehe­leu­te vom Grund ih­res Be­suchs und fal­len sich da­bei vor Be­geis­te­rung ge­gen­sei­tig ins Wort. Ihr On­kel ha­be ihr vor Jah­ren von der Kir­che er­zählt, be­rich­tet die Ehe­frau, aber sie ha­be lan­ge nichts da­mit an­fan­gen kön­nen. Erst als sie und ihr Mann in schwe­ren Nö­ten steck­ten, ha­be sie sich wie­der dar­auf be­son­nen; vor drei Wo­chen sei­en sie des­halb zum ers­ten Mal hier­her­ge­kom­men. „Wir wa­ren kaum zum Tor hin­aus, da klin­gel­te das Te­le­fon und wir er­hiel­ten ei­ne Nach­richt, mit der ein Groß­teil un­se­rer Pro­ble­me schon ge­löst war. Und ein paar Ta­ge spä­ter ist noch et­was ge­sche­hen, das wir uns ge­wünscht hat­ten, und ei­ne Wo­che spä­ter noch et­was“, er­zählt sie. „Es hat kei­nen Mo­nat ge­dau­ert, bis al­le un­se­re Wün­sche er­füllt wa­ren. Es ist wirk­lich ein Wun­der. Und des­halb ha­ben wir heute den Schlüs­sel zu­rück­ge­bracht“.

Dass sie die­se Wun­der in ei­ner christ­li­chen Kir­che er­fle­hen, fin­den die Ehe­leu­te eben­so we­nig be­mer­kens­wert wie die meis­ten an­de­ren mus­li­mi­schen Bitt­stel­ler; nur ei­ni­ge we­ni­ge drü­cken sich mit ge­senk­tem Blick und sicht­lich schlech­tem Ge­wis­sen vor­bei. Das sei eben so, sagt ei­ne jun­ge Frau nach­dem sie ihr Ge­bet in der Kir­che be­en­det hat. „Istan­bul ist schon im­mer ein Ort vie­ler Kul­tu­ren und Glau­ben ge­we­sen – des­halb ist das hier so“, meint sie. „Ich bin zwar mus­li­mi­sche Tür­kin, aber wir se­hen auch ei­ne Kir­che als Haus Got­tes.“

Am We­sen die­ser Stadt und ih­rer Ge­schich­te lie­ge es, glaubt auch der Pries­ter, der aus Thes­sa­lo­ni­ki stammt und an­fangs sehr ge­staunt hat über die mus­li­mi­schen Kirch­gän­ger, die sei­nen Se­gen er­bit­ten. „Es ist der Zau­ber die­ser Stadt“, sagt er. „Das ist schwer zu er­klä­ren, es ist et­was in der Luft. Die Men­schen kom­men mit Lie­be in die­se Kir­che.“

Der Ort der Kir­che

bleibt ge­heim

Die al­ler­meis­ten Be­ter sind Mus­li­me

„Istan­bul war im­mer ein Ort vie­ler Kul­tu­ren“

IR­GEND­WO IN DER SKY­LINE von Istan­bul be­fin­det sich die ge­heim­nis­vol­le grie­chisch-or­tho­do­xe Kir­che, die vie­le Mus­li­me an­zieht.

Fo­to: AFP

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