Die Po­li­zei und der Wür­ge­en­gel

„What peop­le do for mo­ney“: Die Ma­ni­fes­ta 11 spürt in Zü­rich dem The­ma Geld und Ar­beit nach

Badische Neueste Nachrichten (Rastatt / Gaggenau) - - KULTUR -

Die An­re­gung kam aus Karls­ru­he. Zu­min­dest in­di­rekt. Ei­ne Pas­sa­ge aus dem Band „Stress und Frei­heit“(2011) des Phi­lo­so­phen Pe­ter Slo­ter­di­jk ha­be den An­stoß ge­ge­ben für ei­ne Ar­beit, mit der sie sich jetzt auf der Ma­ni­fes­ta 11 in Zü­rich prä­sen­tiert, er­klärt Jor­in­de Voigt. Bei der Um­set­zung ih­res Bei­trags war sie al­ler­dings nicht al­lein, son­dern hat­te – wie die üb­ri­gen 29 Künst­ler – ei­nen Ko­ope­ra­ti­ons­part­ner. In ih­rem Fall war das der Boots­bau­er Mel­chi­or Bür­gin, und so trifft das Pu­bli­kum jetzt im Ga­le­ri­en­und Aus­stel­lungs­ge­bäu­de „Lö­wen­bräu­kunst“, ei­nem Haupt­ort der Ma­ni­fes­ta, auf ein edel ge­styl­tes Renn­boot mit dem Na­men „Stress und Frei­heit“.

Was für Voigt der Renn­boot­ex­per­te, war et­wa für Guil­luau­me Bi­jl ei­ne Hun­de­sty­lis­tin, für Andrea Éva Gyö­ri ei­ne Sex­per­tin und für Yin Xunzhi ei­ne Flug­be­glei­te­rin. Denn das war das Prin­zip von Chris­ti­an Jan­kow­ski, der dies­mal für das Kon­zept der Wan­der­bi­en­na­le zu­stän­dig ist. Die 30 ein­ge­la­de­nen Künst­le­rin­nen und Künst­ler for­der­te er auf, ei­ne Be­rufs­grup­pe zu nen­nen, mit der sie ger­ne zu­sam­men­ar­bei­ten möch­ten. Sol­che Ko­ope­ra­tio­nen sind ei­ne Spe­zia­li­tät von Jan­kow­ski, der seit 2005 an der Kunst­aka­de­mie Stutt­gart lehrt: Als er 1999 auf der Bi­en­na­le di Ve­ne­zia teil­neh­men soll­te, be­frag­te er in ge­bro­che­nem Ita­lie­nisch ve­ne­zia­ni­sche Wahr­sa­ge­rin­nen über sei­ne Zu­kunft als Künst­ler, zeig­te die Vi­deo­auf­nah­men die­ser Ak­ti­on auf der Aus­stel­lung und er­lang­te um­ge­hend in­ter­na­tio­na­le Auf­merk­sam­keit.

Das Spek­trum der Part­ner­schaf­ten reicht von ei­nem Pries­ter über die Po­li­zei bis zu ei­ner Pri­vat­kli­nik. Die hat sich Mi­chel Hou­el­l­e­becq aus­ge­sucht, um nun sei­ne Dia­gno­se­wer­te samt Hirn­scans der Öf­fent­lich­keit zu prä­sen­tie­ren, wäh­rend Mar­co Sch­mitt zu­sam­men mit Mit­glie­dern der Kan­tons­po­li­zei Zü­rich Sze­nen aus Lu­is Buñu­els Film „Der Wür­ge­en­gel“(1962) nach­spiel­te. Ev­ge­ny Antu­fiev wie­der­um ist ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit dem Pfar­rer der Was­ser­kir­che ein­ge­gan­gen und hat das pro­tes­tan­tisch kar­ge Got­tes­haus mit vi­su­el­len Hul­di­gun­gen an die Na­tur ge­schmückt – in­klu­si­ve ei­nem Rie­sen­schmet­ter­ling über dem Al­tar.

In un­mit­tel­ba­rer Nach­bar­schaft ver­brei­tet San­tia­go Sier­ra Ka­ta­stro­phen­at­mo­sphä­re. Der Spa­nier, der für Ra­di­kal­pro­vo­ka­tio­nen zum The­ma Ar­beit be­kannt ist, hat mit ei­nem pri­va­ten Si­cher­heits­dienst zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Der klü­gel­te ein Kon­zept aus, mit wel­chen Maß­nah­men das „Helm­haus“im Kri­sen­fall zu schüt­zen sei. Auf Ba­sis die­ser Plä­ne ließ Sier­ra das Ge­bäu­de mit Sand­sä­cken ein­pa­cken.

Al­le Künst­le­rin­nen und Künst­ler sind mit ih­ren Bei­trä­gen zwei­mal ver­tre­ten: in ei­ner der bei­den Aus­stel­lungs­hal­len „Lö­wen­bräu­kunst“oder „Helm­haus“und (je­den­falls meis­tens) in der Be­triebs­stät­te des Ko­ope­ra­ti­ons­part­ners. So wird – wie bei der­lei Kunst­groß­er­eig­nis­sen in­zwi­schen üb­lich – der Aus­stel­lungs­be­such auch zum al­ter­na­ti­ven Stadt­rund­gang, der an Or­te führt, die man sonst viel­leicht nicht un­be­dingt an­steu­ern wür­de. Et­wa den Fried­hof En­zen­bühl, wo sich Jen­ni­fer Tee dem The­ma Tod wid­met, oder das Klär­werk Werd­hölz­li, wo Mi­ke Bou­chet den Grund­stoff für sei­ne Groß­in­stal­la­ti­on „The Zu­rich Load“her­hol­te: 80 Ton­nen Klär­schlamm (das sind die Aus­schei­dun­gen ei­nes Ta­ges) ließ er zu kom­pak­ten Qua­dern pres­sen und in der „Lö­wen­bräu­kunst“als gro­ßes Feld aus­le­gen.

Al­le zwei Jah­re macht die Ma­ni­fes­ta wo­an­ders Sta­ti­on: 2014 war ihr Schau­platz St. Pe­ters­burg, 2018 wird sie Pa­ler­mo in ei­nen Kunst­par­cours ver­wan­deln. Jetzt aber steht die Bank- und Fi­nanz­me­tro­po­le an der Lim­mat im Fo­kus, und da­mit sich auch ja nie­mand über die intensive Nä­he der Stadt zum Geld hin­weg­täu­sche, ließ Jan­kow­ski zum Auf­takt der Aus­stel­lung auf die Er­öff­nungs­gäs­te Kun­stBank­no­ten im De­sign von 50-Fran­kenSchei­nen und mit dem Auf­druck „Mo­ney­fes­ta“her­ab­tru­deln. Da­bei steht bei Jan­kow­ski we­ni­ger das Fi­nanz­we­sen als viel­mehr die Ar­beits­welt im Fo­kus. „What peop­le do for mo­ney“lau­tet das Mot­to, das er der Ma­ni­fes­ta vor­an­ge­stellt hat.

Die Fra­ge „Was tun Men­schen für Geld?“schließt al­ler­dings im­mer auch ihr Ge­gen­teil mit ein, und so bie­tet die Ma­ni­fes­ta 11 nicht zu­letzt Zo­nen der Kom­merz­frei­heit. Da ist ein­mal das „Ca­ba­ret der Künst­ler – Zunft­haus Vol­taire“als Büh­ne für al­le, die ei­nen gu­ten Per­for­mance-Vor­schlag vor­wei­sen kön­nen, und da ist zum an­de­ren der „Pa­vil­lon of Re­flec­tions“, ei­ne ar­chi­tek­to­ni­sche Kon­struk­ti­on auf dem Zü­rich­see, die da­zu ein­lädt, Fil­me an­zu­schau­en, ein Bad zu neh­men, über die Kunst und die Welt nach­zu­den­ken oder: ein­fach nichts zu tun. Schließ­lich sind Geld und Ar­beit wich­tig, aber nicht al­les. Micha­el Hübl

Öff­nungs­zei­ten

Bis 18. Sep­tem­ber an un­ter­schied­li­chen Or­ten in Zü­rich. Die Haupt­aus­stel­lungs­hal­len „Lö­wen­bräu­kunst“und „Helm­haus“sind täg­lich von 11 bis 20 Uhr, don­ners­tags bis 22 Uhr ge­öff­net. Die Sa­tel­li­ten sind zu un­ter­schied­li­chen Zei­ten zu­gäng­lich. – www.ma­ni­fes­ta11.org

KONTAKTZONE: „Pa­vil­lon of Re­flec­tions“nennt sich ei­ne Kon­struk­ti­on auf dem Zü­rich­see, auf der Ma­ni­fes­ta-Be­su­cher un­ter an­de­rem Fil­me se­hen kön­nen. Fo­to: Ljos Mynd

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