Der My­thos schwin­det

Nach 60 Jah­ren hat die Deut­sche Bun­des­bank deut­lich an Be­deu­tung ver­lo­ren

Badische Neueste Nachrichten (Rastatt / Gaggenau) - - WIRTSCHAFT - Von un­se­rem Mit­ar­bei­ter Jörn Ben­der

Frank­furt/Main. „Hü­te­rin der Wäh­rung“, „Hort der Sta­bi­li­tät“, „Vor­bild für die Zen­tral­ban­ken der Welt“– über Jahr­zehn­te hat sich die Deut­sche Bun­des­bank welt­weit ei­nen Na­men ge­macht. Das schier un­er­schüt­ter­li­che Ver­trau­en der Deut­schen in ih­re No­ten­bank, die heu­te 60 Jah­re alt wird, ist ge­ra­de­zu le­gen­där: „Nicht al­le Deut­schen glau­ben an Gott, aber al­le glau­ben an die Bun­des­bank“– auf die­sen Punkt brach­te es im Jahr 1992 der Fran­zo­se Jac­ques Delors, da­mals Prä­si­dent der EU-Kom­mis­si­on. Als Zen­tral­bank der noch jun­gen Bun­des­re­pu­blik ge­grün­det im Som­mer 1957, stand die Frank­fur­ter In­sti­tu­ti­on vor al­lem für die Här­te der D-Mark.

Mit dem Zu­sam­men­rü­cken Eu­ro­pas schrumpf­te der Ein­fluss der Bun­des­bank: Seit 1999 gibt die Eu­ro­päi­sche Zen­tral­bank (EZB) den Kurs in der Geld- und Zins­po­li­tik vor. „Die Bun­des­bank ist nicht mehr, was sie mal war. Der My­thos exis­tiert nur noch ru­di­men­tär“, be­fand der in­zwi­schen ge­stor­be­ne ehe­ma­li­ge Bun­des­bank-Prä­si­dent Karl Ot­to Pöhl zum 50-jäh­ri­gen Be­ste­hen der No­ten­bank vor zehn Jah­ren. „In dem Mo­ment, in dem die D-Mark auf­ge­gan­gen ist im Eu­ro, hat die Bun­des­bank die wich­tigs­te Auf­ga­be ver­lo­ren: Für die Sta­bi­li­tät der ei­ge­nen Wäh­rung zu sor­gen“, kon­sta­tiert heu­te Ot­mar Is­sing, in den 1990er Jah­ren Chef­volks­wirt der Bun­des­bank und an­schlie­ßend in glei­cher Funk­ti­on bei der EZB. „Das war zu­nächst na­tür­lich ein ex­tre­mer Kul­tur­schock“, er­in­nert sich der Öko­nom. Die Bun­des­bank ha­be es je­doch ge­schafft, „im Kon­zert der Wäh­rungs­uni­on ei­ne Stim­me der Sta­bi­li­tät“zu blei­ben, meint Is­sing.

Tat­säch­lich wird der seit Mai 2011 am­tie­ren­de Bun­des­bank-Prä­si­dent Jens Weid­mann nicht mü­de, vor Ri­si­ken und Ne­ben­wir­kun­gen der ul­tra­lo­cke­ren EZB-Geld­po­li­tik zu war­nen. Das vie­le bil­li­ge Geld der No­ten­bank kön­ne „süch­tig ma­chen (...) wie ei­ne Dro­ge“, ur­teil­te der frü­he­re Wirt­schafts­be­ra­ter von Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ein­mal. Und: Die EZB dür­fe nicht zum Er­fül­lungs­ge­hil­fen der Politik wer­den. Im EZB-Rat ent­schei­det der Bun­des­bank-Prä­si­dent mit über den Kurs der ge­mein­sa­men Zen­tral­bank. Nach Ein­schät­zung von Öko­no­men ist Weid­mann in dem Gre­mi­um „ar­gu­men­ta­tiv ein Schwer­ge­wicht“.

Bun­des­bank-Vor­stand Carl-Lud­wig Thie­le zeigt sich im Ge­spräch mit dem Hes­si­schen Rund­funk über­zeugt: „26 Pro­zent der Wirt­schafts­kraft des Eu­ro­raums sind Deutsch­land und in­so­fern wird auf das Wort des Bun­des­bank-Prä­si­den­ten schon sehr ge­hört und es wird auch ernst­ge­nom­men.“Doch so be­harr­lich Deutsch­lands obers­ter Wäh­rungs­hü­ter Wi­der­stand leis­tet, es mu­tet bis­wei­len an wie ein Kampf ge­gen ziem­lich gro­ße Wind­müh­len. Denn Weid­mann hat – ob­wohl er Eu­ro­pas größ­te Volks­wirt­schaft ver­tritt – im EZB-Rat eben­so nur ei­ne Stim­me wie sei­ne Kol­le­gen aus den in­zwi­schen 18 wei­te­ren Eu­ro­län­dern. So man­cher in Deutsch­land wünsch­te sich ge­ra­de in der jüngs­ten Kri­se mehr deut­schen Ein­fluss im obers­ten EZB-Gre­mi­um un­ter der Ägi­de des Ita­lie­ners Ma­rio Draghi. Denn Null­zin­sen, Straf­zin­sen für Ban­ken und vor al­lem mil­li­ar­den­schwe­re Kauf­pro­gram­me für Staats- und Un­ter­neh­mens­an­lei­hen sind al­les an­de­re als un­um­strit­ten. „Wenn Drag­his Amts­zeit 2019 aus­läuft, soll­te der nächs­te EZB-Chef aus Deutsch­land sein“, for­der­te Bay­erns Fi­nanz­mi­nis­ter Mar­kus Sö­der (CSU) schon im April 2016 öf­fent­lich­keits­wirk­sam in der „Bild am Sonn­tag“. Doch an Spe­ku­la­tio­nen jed­we­der Art be­tei­ligt sich die Mam­mut­be­hör­de in ih­rem Be­ton­bau im Nord­wes­ten Frank­furts (Stil­rich­tung: „Bru­ta­lis­mus“) mit bes­ter Aus­sicht auf die Tür­me im Ban­ken­vier­tel nicht.

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