Star­ke Frau und flau­er Gru­sel

Schau­spiel bei Salz­bur­ger Fest­spie­len: „Ro­se Bernd“und „Die Ge­burts­tags­fei­er“

Badische Neueste Nachrichten (Rastatt / Gaggenau) - - KULTUR -

„Ich bin stark und weiß, was sein muss.“Ein star­ker Satz von ei­ner star­ken Frau zu Be­ginn ei­nes star­ken Thea­ter­abends. Bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len wur­de Ger­hart Haupt­manns sel­ten ge­spiel­tes Stück „Ro­se Bernd“von Ka­rin Hen­kel in­sze­niert. Es geht um ei­ne jun­ge Frau, die zwi­schen Kir­che, Pa­tri­ar­chat und frag­wür­di­gen Ehr­be­grif­fen auf­ge­rie­ben und schließ­lich zur Kinds­mör­de­rin wird.

Die Neu­in­sze­nie­rung auf der Per­ner­in­sel in Hal­lein, der Off-Spiel­stät­te der Fest­spie­le, protz­te mit def­ti­gen Bil­dern, der­ber Spra­che und zwin­gen­der Schau­spiel­kunst und wur­de vom Pu­bli­kum ge­fei­ert. Sen­sa­ti­on des Abends ist Li­na Beck­mann. Sie ver­kör­per­te die Fi­gur der Ro­se mit größ­ter In­ten­si­tät bis zur Selbst­ent­äu­ße­rung. Noch beim to­ben­den Schluss­ap­plaus merk­te man ihr an, wie stark sie sich mit die­ser Ex­trem­rol­le iden­ti­fi­ziert.

Ihr Mar­ken­zei­chen, ei­ne Art welt­wis­sen­de Nai­vi­tät, passt per­fekt zu Ro­se, der ein­fa­chen, herz­li­chen und auch klu­gen Frau vom Lan­de, die nichts will als ein biss­chen Glück. Die le­ben­di­ge Art und Wei­se, wie Beck­mann das von Haupt­mann ge­schaf­fe­ne Kun­stSchle­sisch ar­ti­ku­lier­te, gab der Fi­gur ei­ne ar­chai­sche Tie­fen­di­men­si­on. Ro­se soll ei­ne ar­ran­gier­te Ehe mit dem im Wai­sen­haus trau­ma­ti­sier­ten, aber zu Geld ge­kom­me­nen Buch­bin­der Au­gust Kiel (Ma­ik Sol­bach) ein­ge­hen und will mit ih­rem Ge­lieb­ten, dem Dorf­schul­zen Flamm (Mar­kus John), Schluss ma­chen. Ein letz­tes Mal schläft sie mit ihm und wird da­bei von Ar­thur Streck­mann be­ob­ach­tet, ei­nem ge­wis­sen- und glau­bens­lo­sen Macht­men­schen (lau­ernd-dä­mo­nisch ge­spielt von Gre­gor Bloéb), der sich an ihr für Zu­rück­wei­sun­gen rä­chen will. Mit Flamms Frau, die ihr ei­ge­nes Kind ver­lo­ren hat und die Es­ka­pa­den ih­res Man­nes hin­neh­men muss, gibt es ei­ne zwei­te star­ke Frau in dem Stück, ver­kör­pert von der eben­falls sehr über­zeu­gen­den Ju­lia Wi­e­nin­ger.

Haupt­manns Stück aus der schle­si­schen Pro­vinz des frü­hen 20. Jahr­hun­derts wirkt sehr weit weg von der heu­ti­gen Ge­sell­schaft, in der die Kir­che mar­gi­na­li­siert ist und man dar­über dis­ku­tiert, ob es über­haupt so et­was gibt wie Ge­schlech­ter. Doch die Re­gis­seu­rin Ka­rin Hen­kel er­schafft ein Thea­ter der star­ken Cha­rak­te­re und Emo­tio­nen.

Eher rou­ti­niert wirk­te Andrea Breths Ins­ze­nie­rung von Ha­rold Pin­ters Hor­ror­ko­mö­die „Die Ge­burts­tags­fei­er“. In den freund­lich-ge­nerv­ten Schlag­ab­tausch ei­nes Ehe­paa­res über Corn­flakes, ge­rös­te­tes Brot und zu star­ken Tee plat­zen zwei Frem­de, die sich in der Strand­pen­si­on am Meer ein­nis­ten, ein Kli­ma der Angst er­zeu­gen und schließ­lich, in ei­ner Art feind­li­chen Über­nah­me, die Herr­schaft über die Alt-Ein­ge­ses­se­nen an sich rei­ßen. Mit ih­rem Er­schei­nen wird die Bur­les­ke zum Hor­ror­trip. Das Stück aus dem Jah­re 1958 ist ei­ne Pa­ra­bel auf die zer­stö­re­ri­schen Mecha­nis­men un­kon­trol­lier­ter Macht. Doch die bra­ve Ins­ze­nie­rung kommt nicht in Fahrt und lässt auch die ei­gent­lich star­ke Be­set­zung (Max Si­mo­ni­schek, Ni­na Pe­tri, Ro­land Koch und Oli­ver Sto­kow­ski) nicht zum Glän­zen kom­men – der Ap­plaus im Lan­des­thea­ter war eher flau. dpa

IN­TEN­SI­VE EMO­TIO­NEN ent­fes­selt Ka­rin Hen­kels Ins­ze­nie­rung von Ger­hart Haupt­manns Stück „Ro­se Bernd“mit Gre­gor Bloéb und Li­na Beck­mann. Fo­to: dpa

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