„Ich ha­be die Ent­schei­dung kei­ne Se­kun­de be­reut“

Kanz­ler­kan­di­dat Mar­tin Schulz sieht noch Chan­cen für die Wahl und er­klärt die Zie­le der So­zi­al­de­mo­kra­ten

Badische Neueste Nachrichten (Rastatt / Gaggenau) - - ZEITGESCHEHEN -

Ber­lin/Karls­ru­he. Acht Ta­ge blei­ben Mar­tin Schulz, um im Bun­des­tags­wahl­kampf das Ru­der doch noch her­um­zu­rei­ßen. Der SPD-Her­aus­for­de­rer von Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel, der heu­te (ab 16 Uhr) vor dem Karls­ru­her ZKM auf dem Platz der Men­schen­rech­te auf­tritt, liegt in al­len Um­fra­gen deut­lich zu­rück. Im In­ter­view mit un­se­rem Ber­li­ner Kor­re­spon­den­ten Bern­hard Junginger zeigt sich der 61-Jäh­ri­ge aber kämp­fe­risch.

Herr Schulz, der Wahl­sonn­tag rückt im­mer nä­her, doch Ihr Rück­stand auf An­ge­la Mer­kel bleibt ge­wal­tig. Wor­aus zie­hen Sie jetzt noch Hoff­nung auf ei­nen er­folg­rei­chen Schluss­spurt?

Schulz: Mei­ne Par­tei und ich kämp­fen nicht für Mei­nungs­um­fra­gen, son­dern für un­se­re Po­li­tik, für un­se­re Prin­zi­pi­en. Das tun wir in der in­ne­ren Über­zeu­gung, dass das, was wir sa­gen, rich­tig ist. Und das ist jetzt in die­ser Pha­se um­so wich­ti­ger, weil sich fast je­der Zwei­te in Deutsch­land noch nicht ent­schie­den hat, wen er wählt. Deutsch­land geht es wirt­schaft­lich sehr gut. Kommt des­halb kei­ne Wech­sel­stim­mung auf?

Schulz: Deutsch­land geht es zwar als Land gut, aber dass es je­dem im Land gut­geht, ist ein Trug­schluss. Zum Bei­spiel ha­ben wir ei­ne Zwei-Klas­sen-Me­di­zin. Vie­le Bür­ger ma­chen die Er­fah­rung, dass sie im War­te­zim­mer sit­zen, und je­mand, der nach ih­nen ge­kom­men ist, kommt vor ih­nen dran. Weil er privat ver­si­chert ist. Und wenn wir bei un­se­rem Ren­ten­sys­tem nicht ein­grei­fen, wird die Al­ters­ar­mut ge­wal­tig zu­neh­men. Vor al­lem Frau­en wer­den dar­un­ter lei­den. Es gibt Ver­hält­nis­se in der Pfle­ge, die teil­wei­se dra­ma­tisch sind. Nach zwölf Jah­ren An­ge­la Mer­kel sind das er­schre­cken­de Be­fun­de.

Die SPD hat in den ver­gan­ge­nen 19 Jah­ren 15 Jah­re ent­we­der den Kanz­ler ge­stellt oder war an der Re­gie­rung be­tei­ligt. Trotz­dem ist es Ih­rer Mei­nung nach um die so­zia­le Ge­rech­tig­keit schlecht be­stellt. War­um?

Schulz: Na ja, wir ha­ben ei­ne Men­ge durch­ge­setzt: Den Min­dest­lohn, die ab­schlags­freie Ren­te nach 45 Ver­si­che­rungs­jah­ren, die Ehe für al­le. Doch wir hät­ten viel mehr schaf­fen kön­nen. Zum Bei­spiel wur­de das Rück­kehr­recht für Frau­en von Teil­zeit in ei­ne Voll­zeit­stel­le von An­ge­la Mer­kel, von ei­ner Frau, blo­ckiert. Sie hat ei­ne gan­ze Rei­he von Ent­schei­dun­gen ver­hin­dert, mit de­nen wir so­zia­len Fort­schritt hät­ten er­zie­len kön­nen. Da­für muss schon Frau Mer­kel ge­ra­de­ste­hen. Mit ei­ner SPD-ge­führ­ten Re­gie­rung könn­ten wir viel mehr er­rei­chen.

Was wür­den Sie als Kanz­ler als Ers­tes un­ter­neh­men, um Deutsch­land ge­rech­ter zu ma­chen?

Schulz: Als ers­tes wür­de ich die Loh­n­un­gleich­heit zwi­schen Män­nern und Frau­en an­ge­hen. Und dann ei­ne na­tio­na­le Bil­dungs­al­li­anz auf den Weg brin­gen. Wir brau­chen ei­ne Ge­mein­schafts­fi­nan­zie­rung von Bund und Län­dern bei den Schu­len. Es gibt 30 Mil­li­ar­den Steu­er­über­schüs­se. Die wür­de ich nicht in die Rüs­tung ste­cken, wie das Frau Mer­kel plant. Son­dern in Bil­dung, in die In­fra­struk­tur und in den ge­för­der­ten Woh­nungs­bau. Es ist ein Rie­sen­pro­blem, dass in vie­len Städ­ten selbst Dop­pel­ver­die­ner die Mie­te kaum noch be­zah­len kön­nen. Oder dass Stu­den­ten mehr Zeit mit der Woh­nungs­su­che, als mit dem Stu­di­um ver­brin­gen müs­sen.

Die Ar­beits­welt steht vor ge­wal­ti­gen Um­brü­chen. Last­wa­gen, Bus­se und Ta­xen könn­ten bald oh­ne Fah­rer un­ter­wegs sein. Ro­bo­ter in der In­dus­trie, Kas­sen, an de­nen kein Mensch mehr ge­braucht wird – wie sol­len die weg­fal­len­den Stel­len er­setzt wer­den?

Schulz: Ich fin­de, wir müs­sen das in Deutsch­land viel stär­ker als Chan­ce be­grei­fen! Ich ha­be über­haupt kei­nen Zwei­fel, dass durch die Di­gi­ta­li­sie­rung auch neue Ar­beits­plät­ze ent­ste­hen wer­den. Doch Deutsch­land ist da­bei, sei­ne di­gi­ta­le Zu­kunft zu ver­spie­len. Wir lie­gen bei der di­gi­ta­len In­fra­struk­tur hin­ter Chi­le und Me­xi­ko. So­gar Pe­ru hat ein bes­se­res Han­dy­netz als wir. Der Breit­band­aus­bau funk­tio­niert über­haupt nicht. Zu­dem brau­chen wir ei­ne neue Ri­si­ko­ka­pi­tal­kul­tur. Wer in Deutsch­land mit ei­ner Ge­schäfts­idee schei­tert, ist weg vom Fens­ter, stig­ma­ti­siert für den Rest sei­nes Le­bens. Un­ter­neh­mer aber ha­ben ei­ne zwei­te Chan­ce ver­dient. Nicht nur in der Grün­der­kul­tur hin­ken wir den USA hin­ter­her, auch in vie­len Tech­no­lo­gie­fel­dern. Auch Chi­na hängt uns ge­ra­de in ei­ni­gen Be­rei­chen ab. Da ist ein­deu­tig nicht ge­nug ge­macht wor­den.

Die Au­to­in­dus­trie, ist durch den selbst ver­schul­de­ten Die­sel-Skan­dal in Schwie­rig­kei­ten ge­ra­ten. Was wür­den Sie tun, um ge­gen­zu­steu­ern?

Schulz: Die Po­li­tik muss die rich­ti­gen Rah­men­be­din­gun­gen set­zen – und zwar oh­ne die­se Form der Kum­pa­nei mit den Kon­zer­nen, für die Ver­kehrs­mi­nis­ter Do­brindt steht. Die Kon­zer­ne müs­sen für den Scha­den auf­kom­men, den sie ver­ur­sacht ha­ben, al­le nö­ti­gen Um­rüs­tun­gen zah­len. Aber gleich­zei­tig müs­sen wir Fahr­ver­bo­te un­be­dingt ver­mei­den. Da sind Mil­lio­nen Pend­ler be­trof­fen, vie­le Hand­wer­ker. Gleich­zei­tig müs­sen wir das Recht der In­nen­stadt-Be­woh­ner auf sau­be­re Luft durch­set­zen.

Was wür­den Sie in der Flücht­lings­fra­ge, die vie­le Men­schen wie kaum ein an­de­res The­ma be­schäf­tigt, an­ders ma­chen als An­ge­la Mer­kel? Schulz: Frau Mer­kel hat ge­sagt, ‘die Flücht­lin­ge kön­nen kom­men’, dann hat sie den eu­ro­päi­schen Part­nern ge­sagt, ‘jetzt ist es aber zu­viel, Ihr müsst wel­che neh­men’. Und die an­de­ren ha­ben ge­sagt, ‘nein, wir ha­ben die nicht ein­ge­la­den’. Die Nach­barn hät­ten vor­her ein­be­zo­gen und nicht im Nach­hin­ein in­for­miert ge­hört. Aber wir brau­chen ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung, da­zu ge­hört die Um­ver­tei­lung von Flücht­lin­gen in den Mit­glieds­staa­ten. Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof hat ja jetzt ent­schie­den, dass auch Un­garn und die Slo­wa­kei Flücht­lin­ge auf­neh­men müs­sen.

Sie ar­gu­men­tie­ren, wer in an­de­ren Fel­dern gern Fi­nanz­hil­fen von der EU in An­spruch nimmt, kann sich bei der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen nicht drü­cken. Droht da nicht ein Zer­fall der EU?

Schulz: Wir zwin­gen nie­man­dem et­was auf. Son­dern Län­der wie Un­garn las­sen uns im Stich. Es geht hier um ei­nen Be­schluss der Eu­ro­päi­schen Uni­on, des­sen Aus­füh­rung Pflicht al­ler Mit­glie­der ist. Statt­des­sen sagt Un­garn, das sei ein rein deut­sches Pro­blem. Wir brau­chen ein eu­ro­päi­sches Ein­wan­de­rungs­recht. Mo­men­tan ha­ben wir ja die Si­tua­ti­on, dass vie­le, die ein­wan­dern wol­len, mit Schlep­pern kom­men und Asyl be­an­tra­gen, weil sie hof­fen, dann blei­ben zu kön­nen. Das ist ein un­halt­ba­rer Zu­stand. Wenn le­ga­le Ein­wan­de­rung mög­lich wä­re, wür­de der Druck zur il­le­ga­len Ein­wan­de­rung nach­las­sen. Die Mit­glieds­staa­ten müs­sen sich auf ei­ne Quo­te ver­stän­di­gen, wie vie­le kom­men kön­nen. Und die wer­den dann auf die Mit­glieds­staa­ten ver­teilt.

Wür­de Deutsch­land mit Mar­tin Schulz als Kanz­ler we­ni­ger Flücht­lin­ge auf­neh­men als mit An­ge­la Mer­kel als Kanz­le­rin oder mehr?

Schulz: Das ist ei­ne rein theo­re­ti­sche Fra­ge. Eu­ro­pa muss Flücht­lin­ge auf­neh­men, wenn sie kom­men. Aber die Flucht­ur­sa­chen­be­kämp­fung wä­re un­ter ei­nem Kanz­ler Mar­tin Schulz si­cher in­ten­si­ver als un­ter An­ge­la Mer­kel. Ei­ne Ober­gren­ze gibt es mit uns je­den­falls nicht – das ist ein CSU-Vor­schlag. Was ist denn, wenn die Quo­te er­füllt ist, und dann kommt ei­ne von der Ter­ror­mi­liz Is­la­mi­scher Staat ge­fol­ter­te Frau? Die kön­nen wir nicht zu­rück­schi­cken, das wä­re nicht nur un­mensch­lich, son­dern wür­de auch ge­gen das Grund­ge­setz ver­sto­ßen.

Auch we­gen Ter­ror­an­schlä­gen und Ver­bre­chen, die von Flücht­lin­gen be­gan­gen wur­den, füh­len vie­le Bür­ger sich nicht mehr si­cher. Was wür­den Sie da­ge­gen un­ter­neh­men? Schulz: Wir müs­sen ganz si­cher Ge­fähr­der ganz schnell ab­schie­ben. Das gilt auch für schwe­re Straf­tä­ter, die kön­nen hier nicht blei­ben. Nie­mand kann aber ab­so­lu­te Si­cher­heit ver­spre­chen. Wir brau­chen viel mehr Prä­ven­ti­on und auch ei­ne bes­se­re ge­heim­dienst­li­che Auf­klä­rung. Ge­gen Hass­pre­di­ger müs­sen wir kon­se­quent vor­ge­hen, Mo­sche­en, in de­nen Ge­walt ge­pre­digt wird, müs­sen wir schlie­ßen, die Fi­nanz­strö­me von Is­la­mis­ten aus­trock­nen.

Die gan­ze Welt scheint in Auf­ruhr, un­be­re­chen­ba­re, pol­tern­de Macht­po­li­ti­ker wie Trump, Kim Jong-Un, Pu­tin oder Er­do­gan ge­ben den Ton vor. Wie wür­den sie dem als Bun­des­kanz­ler ent­ge­gen­tre­ten?

Schulz: Im Rah­men der Mög­lich­kei­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und ei­nes star­ken Eu­ro­pa. Vor al­lem mit kla­ren An­sa­gen. So­lan­ge in der Tür­kei die Men­schen­rech­te mit Fü­ßen ge­tre­ten wer­den, hat sie in der EU nichts ver­lo­ren. Was Trump an­geht, ei­nem US-Prä­si­den­ten, der nicht in der La­ge ist, sich vom Na­zi-Mob zu dis­tan­zie­ren, müss­te ein deut­scher Kanz­ler klar sa­gen, dass die­se Po­li­tik nie­mals die Po­li­tik Deutsch­lands sein wird.

Muss Deutsch­land sich stär­ker selbst um sei­ne Ver­tei­di­gung küm­mern?

Schulz: Ja, und zwar zu­sam­men mit den eu­ro­päi­schen Part­nern. Wir müs­sen in der Ver­tei­di­gung deut­lich ef­fi­zi­en­ter wer­den, durch Ko­ope­ra­ti­on und die Nut­zung von Sy­ner­gi­en.

War­um sträubt sich die SPD dann ge­gen die mit den Na­to-Part­nern ver­ein­bar­te Er­hö­hung des Ver­tei­di­gungs­etats?

Schulz: Wir wol­len die Bun­des­wehr ver­nünf­tig aus­rüs­ten, aber doch nicht auf­rüs­ten. Und da­zu braucht es si­cher kei­ne Ver­dop­pe­lung des Wehr­etats, wie ihn Frau Mer­kel plant.

Das ein­zi­ge TV-Du­ell war Ih­re gro­ße Chan­ce, An­ge­la Mer­kel zu kon­fron­tie­ren. Doch vie­le emp­fan­den das Du­ell eher als Du­ett, als Be­wer­bung für ei­ne wei­te­re schwarz-ro­te Ko­ali­ti­on: War­um wa­ren Sie so zahm?

Schulz: Ich fin­de, ich ha­be mei­ne Po­si­tio­nen klar ge­macht. Und im Rah­men der mir zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit ha­be ich vor­ge­führt, wie An­ge­la Mer­kel se­kun­den­schnell ih­re Po­si­tio­nen räumt.

Sie ha­ben er­zählt, dass die zweit­größ­te Dumm­heit in ih­rem Le­ben war, dass Sie be­trun­ken Wasch­pul­ver ins Schwimm­bad von Wür­se­len ge­kippt ha­ben. War ih­re größ­te Dumm­heit, Kanz­ler­kan­di­dat der SPD zu wer­den?

Schulz: Nein. Ich ha­be die­se Ent­schei­dung noch kei­ne Se­kun­de be­reut.

Fo­to: Mo­nas­se

IN DER FLÜCHT­LINGS­PO­LI­TIK setzt Mar­tin Schulz auf ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung und for­dert ein EU-wei­tes Ein­wan­der­rungs­recht, um die il­le­ga­le Mi­gra­ti­on ein­zu­däm­men.

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