Der un­ter­le­ge­ne Re­bell

Badische Neueste Nachrichten (Rastatt / Gaggenau) - - POLITIK - MARTIN DAHMS

Ist Carles Pu­ig­de­mont ein Hoch­ver­rä­ter? So sieht das Pa­blo Lla­re­na, der Un­ter­su­chungs­rich­ter an Spa­ni­ens Obers­tem Ge­richts­hof, der am Frei­tag An­kla­ge ge­gen 13 ka­ta­la­ni­sche Po­li­ti­ker und Un­ab­hän­gig­keits­ak­ti­vis­ten we­gen „Re­bel­li­on“er­hob. Ei­ner von ih­nen ist der ka­ta­la­ni­sche Ex-Mi­nis­ter­prä­si­dent, der am Sonn­tag in Schles­wig-Hol­stein fest­ge­nom­men wur­de und der nun aus­ge­lie­fert wer­den soll. Das Be­geh­ren der spa­ni­schen Jus­tiz ist rechts­staat­lich nach­voll­zieh­bar, aber den­noch völ­lig über­zo­gen.

Pu­ig­de­mont und die an­de­ren ka­ta­la­ni­schen Po­li­ti­ker ha­ben sich über Jah­re be­wusst au­ßer­halb von Recht und Ge­setz ge­stellt, um ihr Wunsch­pro­jekt ei­ner un­ab­hän­gi­gen Re­pu­blik zu ver­fol­gen. Sie wur­den vom spa­ni­schen Ver­fas­sungs­ge­richt und vom ju­ris­ti­schen Di­enst des ka­ta­la­ni­schen Par­la­ments dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die Ab­spal­tung Ka­ta­lo­ni­ens von Spa­ni­en nach gel­ten­dem Recht nicht mög­lich ist. Sie ha­ben al­le War­nun­gen in den Wind ge­schla­gen. Dass sie nun die Jus­tiz ins Vi­sier ge­nom­men hat, darf sie nicht wun­dern. Sie kön­nen sich nicht als ver­folg­te Un­schuld ge­bär­den.

Carles Pu­ig­de­mont ist ein Re­bell im po­li­ti­schen Sin­ne des Wor­tes, aber nicht in des­sen straf­recht­li­cher Be­deu­tung. Er hat kei­nen ge­walt­sa­men Auf­stand or­ga­ni­siert, kei­nen Bür­ger­krieg pro­vo­ziert. Rich­ter Lla­re­na ver­sucht, das Ge­gen­teil zu be­le­gen. Er wirft den Se­pa­ra­tis­ten vor, Ge­walt bil­li­gend in Kauf zu neh­men. Als In­diz da­für führt er die Be­la­ge­rung des ka­ta­la­ni­schen Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­ums durch De­mons­tran­ten an, bei der zwei Po­li­zei­wa­gen zu Schrott gin­gen. Doch dass ei­ne Pro­test­ak­ti­on es­ka­liert, macht de­ren Or­ga­ni­sa­to­ren noch nicht zu Hoch­ver­rä­tern.

Ju­ris­ti­sche Ent­schei­dun­gen sind im­mer dis­ku­tier­bar. Aber ein gut funk­tio­nie­ren­der Rechts­staat zeich­net sich auch durch sei­ne Ge­las­sen­heit aus. Und die ist dem Un­ter­su­chungs­rich­ter Lla­re­na ab­han­den­ge­kom­men. Man­che un­ter­stel­len ihm, dass er als ver­län­ger­ter Arm der spa­ni­schen Ra­joy-Re­gie­rung fun­giert, wo­für es al­ler­dings kei­ne In­di­zi­en gibt. Viel­mehr hat sich in ganz Spa­ni­en ei­ne ag­gres­si­ve Stim­mung ge­gen die ka­ta­la­ni­schen Se­pa­ra­tis­ten breit­ge­macht, die of­fen­sicht­lich auch den Rich­ter er­grif­fen hat. Die Ge­füh­le sind nach­voll­zieh­bar: Die tan­zen uns auf der Na­se her­um, die sche­ren sich um nichts, es ist an der Zeit zu­rück­zu­schla­gen. Die Jus­tiz ist je­doch nicht da­für da, blin­de Ra­che zu üben. Son­dern Recht zu spre­chen.

Die Se­pa­ra­tis­ten ha­ben die Wut und die Macht der spa­ni­schen In­sti­tu­tio­nen un­ter­schätzt. Sie ha­ben den Kampf ver­lo­ren. Ka­ta­lo­ni­en bleibt ein Teil Spa­ni­ens, das steht fest. Es wä­re für al­le an der Zeit, jetzt wie­der Po­li­tik zu ma­chen.

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