Norm nicht au­to­ma­tisch an­er­kann­te Re­gel der Tech­nik

DIN-Nor­men wer­den im­mer kom­pli­zier­ter und kom­ple­xer. Mit der Nor­men­viel­falt und -fül­le stei­gen auch die An­for­de­run­gen an die Kon­struk­tio­nen. Bau­wer­ke wer­den so­mit ver­teu­ert. Ei­ne ein­fa­che An­wen­dung der Re­gel­wer­ke scheint un­mög­lich. So se­hen es Sach­ver­stän

bauelement+technik - - TECHNIK + WISSEN -

Ge­nau­er ge­sagt, sieht das der BVS (Bun­des­ver­band öf­fent­lich be­stell­ter und ver­ei­dig­ter so­wie qua­li­fi­zier­ter Sach­ver­stän­di­ger) so. Bei sei­ner De­le­gier­ten­ver­samm­lung in Bre­men im Herbst 2016 zeig­te der Ver­band auf, dass mit der stei­gen­den Nor­men­flut ein An­for­de­rungs­ni­veau be­schrie­ben wird, das in den meis­ten Fäl­len über dem Be­darf und über ei­ner üb­li­chen Ge­brauchs­taug­lich­keit liegt. Im Ent­ste­hungs­pro­zess sei­en pri­mär in­ter­es­sier­te Krei­se – Lob­by­is­ten und In­dus­trie – und im We­sent­li­chen nicht be­trof­fe­ne Krei­se ein­ge­bun­den, so­dass die Nor­mungs­tä­tig­keit in ver­stärk­tem Ma­ße durch wirt­schaft­li­che In­ter­es­sen be­ein­flusst sei. „Durch den Deut­schen Rich­ter- und Staats­an­walts­tag wur­de er­neut ei­ne Dis­kus­si­on in­iti­iert, ob und in wel­chem Ma­ße DIN-Nor­men die tech­ni­schen Sach­ver­hal­te als so­ge­nann­te an­er­kann­te Re­geln der Tech­nik wi­der­spie­geln, die im Fal­le des Rechts­streits bei Bau­pro­zes­sen häu­fig die Grund­la­ge der Ur­teils­fin­dung wer­den“, er­klärt Hel­ge-Lo­renz Ub­be­loh­de, BVS-Vi­ze­prä­si­dent und öf­fent­lich be­stell­ter und ver­ei­dig­ter (ö. b. u. v.) Sach­ver­stän­di­ger für Schä­den an Ge­bäu­den. Im Ge­gen­zug, so kri­ti­siert der BVS, sind lang­fris­tig be­währ­te tech­ni­sche Lö­sun­gen nicht mehr an­wend­bar. Ver­bands­te­nor ist, dass der Bau­pro­zess in Pla­nung und Aus­füh­rung un­nö­tig kom­ple­xer wird und durch­dach­te, ver­ein­fach­te Lö­sun­gen mis­sen lässt. Nach Ein­schät­zung des Ver­ban­des sind Kos­ten­er­hö­hun­gen für die Bau­her­ren ei­ne Fol­ge. Da­mit ver­bun­den se­hen die öf­fent­lich be­stell­ten und ver­ei­dig­ten Sach­ver­stän­di­gen auch Aus­wir­kun­gen auf die Bau­tä­tig­keit und ei­ne Um­struk­tu­rie­rung des Mark­tes.

Dif­fe­ren­zie­rung er­for­der­lich

Sach­ver­stän­di­ger Ub­be­loh­de er­läu­tert hier­zu: „Öf­fent­lich be­stell­te und ver­ei­dig­te Sach­ver­stän­di­ge wer­den häu­fig, so auch bei Ge­richt, um ih­re Ein­schät­zung ge­be­ten. Nicht wie oft an­ge­nom­men, ist ei­ne Norm tat­säch­lich auch ei­ne an­er­kann­te Re­gel der Tech­nik. Hier gilt es zu dif­fe­ren­zie­ren, wenn wir auch in der Pra­xis oft er­le­ben, dass die Norm qua­si mit der an­er­kann­ten Re­gel der Tech­nik gleich­ge­setzt wird. Dies er­klärt auch, war­um in je­dem Fall tech­nisch fun­diert be­grün­det wer­den muss, dass im Ein­zel­fall ei­ne DIN-Norm nicht als all­ge­mein an­er­kann­te Re­gel der Tech­nik gilt. Vor Ge­richt sind wir als Sach­ver­stän­di­ge da­her ge­fragt, gleich­zei­tig aber gänz­lich auf uns selbst ge­stellt. Rich­ter, Rechts­an­wäl­te und Ju­ris­ten im All­ge­mei­nen stel­len sich bei Be­män­ge­lun­gen häu­fig die Fra­ge, wie die all­ge­mein an­er­kann­ten Re­geln der Tech­nik ein­zu­schät­zen ist. Hier­in be­grün­det sich häu­fig ein nicht un­er­heb­li­ches Pro­zess­ri­si­ko, da ei­ne Ori­en­tie­rung in der Ein­schät­zung be­züg­lich des Re­gel­werks oder ei­ner DIN- Norm nur sel­ten ge­ge­ben ist." Der BVS sieht da­her den drin­gen­den Be­darf, ak­tiv zu wer­den. Ins­be­son­de­re die

Bun­des­fach­be­rei­che Bau und Tech­ni­sche Ge­bäu­de­aus­rüs­tung des Ver­ban­des set­zen sich ak­tiv ein. Er­geb­nis der BVS-Bun­des­de­le­gier­ten­ver­samm­lung ist da­her die Initia­ti­on ei­nes Deut­schen Bau­sach­ver­stän­di­gen Tag, der sich am 5. De­zem­ber ge­grün­det hat. Ver­bän­de der Bau- und Im­mo­bi­li­en­wirt­schaft, be­ra­ten­de In­ge­nieu­re so­wie Mit­glie­der des Sach­ver­stän­di­gen­we­sens und be­züg­lich der DINNor­men be­trof­fe­ne Krei­se ru­fen ge­mein­sam zur Qua­li­täts­si­che­rung die­sen Ver­ein ins Le­ben. „Wir wol­len als qua­li­fi­zier­te Bau­sach­ver­stän­di­ge in Deutsch­land Eva­lu­ie­run­gen zu Re­gel­wer­ken, Nor­men und Richt­li­ni­en vor­neh­men und ei­ne zu­sam­men­ge­führ­te Sach­ver­stän­di­gen­mei­nung for­mu­lie­ren, ob Nor­men im Ein­zel­fall als All­ge­mein an­er­kann­te Re­gel der Tech­nik an­zu­se­hen sind. Ziel ist es, die zu­neh­men­de und un­über­sicht­lich wer­den­de Nor­men­flut auf ein prak­ti­ka­ble­res Ni­veau zu sen­ken, und Nor­men, die durch Lob­by­ar­beit der In­dus­trie ent­stan­den sind oder un­rea­lis­ti­sche An­for­de­run­gen stel­len, zu kri­ti­sie­ren. Zum an­de­ren wol­len wir un­ser Fach­wis­sen ein­brin­gen und die In­ter­es­sen der Bau­sach­ver­stän­di­gen ver­tre­ten. Im DBST ha­ben wir un­ser Know­how ge­bün­delt und se­hen uns als An­sprech­part­ner und Rat­ge­ber, die pra­xis­nah und auf höchs­tem Ni­veau agie­ren“, er­klär­te Ub­be­loh­de an­läss­lich der Grün­dung.

Elek­tro­tech­ni­ker be­trof­fen

Die­ser Zu­sam­men­schluss hat nach An­sicht des BVS his­to­ri­sche Be­deu­tung. Die Or­ga­ni­sa­ti­ons­form wird ak­tu­ell er­ar­bei­tet. „Prin­zi­pi­ell be­tref­fen die­se Sach­ver­hal­te nicht nur die Hoch- und Tief­bau­ge­wer­ke“, so Ub­be­loh­de. „Die Spar­ten der Elek­tro­tech­ni­ker sind grund­sätz­lich eben­so be­trof­fen, wenn auch of­fen­sicht­lich der Hand­lungs­druck ak­tu­ell noch ge­rin­ger ist. Ein ak­tu­el­les Bei­spiel da­zu sind die Dis­kus­sio­nen zur Aus­füh­rung von Fun­da­men­ter­dern um DIN 18014 und DIN VDE 0100-540.“

Foto: Re­dak­ti­on/ko­si

Die Be­gut­ach­tung von Bau­män­geln ge­hört für Sach­ver­stän­di­ge des BVS zur Ta­ges­ord­nung.

Foto: BVS

Hel­ge-Lo­renz Ub­be­loh­de, BVS-Vi­ze­prä­si­dent und Sach­ver­stän­di­ger

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.