Ethik und Mö­bel­be­schlä­ge

Bei her­kömm­li­chen Mö­beln fragt man sich zu Recht, wo die Ver­bin­dung zwi­schen ethi­schen Aspek­ten und Mö­bel­be­schlä­gen be­steht. Doch die im In­no­va­ti­ons­clus­ter Ko­gni-Ho­me ent­wi­ckel­ten Lö­sun­gen sind laut Het­tich in kei­ner Wei­se her­kömm­lich.

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Wo­rin be­steht die Ver­bin­dung zwi­schen ethi­schen Aspek­ten und Mö­bel­be­schlä­gen? Die Ar­beit des In­no­va­ti­ons­clus­ters Ko­gniHo­me gibt dar­auf min­des­tens ei­ne Ant­wort.

In dem Pro­jekt ar­bei­ten 14 Pro­jekt­part­ner aus Ost­west­fa­len-Lip­pe drei Jah­re ge­mein­sam an ei­ner ver­netz­ten Woh­nung, die die Ge­sund­heit, Le­bens­qua­li­tät und Si­cher­heit von Fa­mi­li­en, Singles und Se­nio­ren för­dert. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung (BMBF) för­dert das Pro­jekt bis 2017 mit acht Mil­lio­nen Eu­ro. Ko­or­di­niert wird Ko­gni-Ho­me vom CITEC, dem Ex­zel­lenz­clus­ter der Uni­ver­si­tät Bie­le­feld. Ein be­son­de­rer Fo­kus liegt hier­bei auf drei we­sent­li­chen Be­rei­chen: dem Ein­gangs­be­reich, der Kü­che und dem Wohn­zim­mer. Die in­tel­li­gen­ten Mö­bel sind un­ter­ein­an­der ver­netzt. Ziel ist ei­ne Tech­nik, bei der kom­pli­zier­te Be­dien­schnitt­stel­len ent­fal­len und statt­des­sen ei­ne na­tür­li­che In­ter­ak­ti­on über Spra­che und Ges­tik er- mög­licht wird. Dies schließt ein Mit­ler­nen des Sys­tems, al­so die An­pas­sung an sich än­dern­de An­for­de­run­gen und Le­bens­pha­sen, ein.

Er­fas­sung sen­si­bler Da­ten

In der Kü­che un­ter­stützt ein Kochas­sis­tent bei­spiels­wei­se bei der Um­set­zung der Re­zep­te. Er ist in der La­ge, die La­ger­or­te jeg­li­cher Zu­ta­ten und Uten­si­li­en in der Kü­che an­zu­zei­gen, au­ßer­dem bie­tet er Un­ter­stüt­zung wäh­rend des ge­sam­ten Koch­pro­zes­ses. Wei­ter­hin kann die Kü­che die Be­woh­ner des Hau­ses mit­hil­fe ei­ner Smart­watch oder ei­nes Smart­pho­nes iden­ti­fi­zie­ren, um die Kü­che auf ei­ne an­ge­neh­me Ar­beits­hö­he ein­stel­len zu kön­nen. Mit all die­sen prak­ti­schen Zu- satz­funk­tio­nen kom­men aber auch ei­ni­ge Ne­ben­wir­kun­gen. So ist es et­wa mög­lich, durch das Sys­tem zu er­ken­nen, wie häu­fig die je­wei­li­gen Schub­käs­ten ge­öff­net wer­den, was ge­kocht wird und wer sich wann und wie lan­ge in der Kü­che auf­hält. Da­zu muss si­cher­ge­stellt wer­den, dass kei­ne Da­ten nach au­ßen drin­gen. Auch stellt sich die Fra­ge, in­wie­weit sol­che As­sis­tenz­sys­te­me ih­re Nut­zer be­vor­mun­den, fremd­steu­ern, über­wa­chen oder be­stimm­te Nut­zer­grup­pen be­nach­tei­li­gen.

Per­ma­nen­te recht­li­che Be­ra­tung

Um ge­nau die­se un­er­wünsch­ten Ne­ben­wir­kun­gen aus­zu­schlie­ßen, ist das Qu­er­schnitts pro­jekt E LSI fest beiKo­gni-Ho­me ver­an­kert. ELSI be­trach­tet ethi­sche, recht­li­che, da­ten si­cher­heits­tech­ni­sche und so­zia­le Aspek­te. Ethi­sche Aspek­te be­tref­fen emen wie Au­to­no­mie, Für­sor­ge, Si­cher­heit, Pri­vat­heit aber auch Teil­ha­be. Be­züg­lich der recht­li­chen Be­trach­tung er­ge­ben sich vor al­lem Fra­gen des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits rechts, ins­be­son­de­re des Grund­rechts auf in­for­ma­tio­nel­le Selbst­be­stim­mung und auf die In­te­gri­tät und Ver­trau­lich­keit in­for­ma­ti­ons­tech­ni­scher Sys­te­me. Auf­grund der Kom­ple­xi­tät die­ser Be­lan­ge gibt es ei­ne per­ma­nen­te recht­li­che Be­ra­tung durch die ju­ris­ti­sche Fa­kul­tät der FH Bie­le­feld. Au­ßer­dem fin­den re­gel­mä­ßig ju­ris­ti­sche Kol­lo­qui­en zu den re­le­van­ten emen statt. Das Ziel derSic her heits for­schung in Ko­gni-Ho­me ist die Um­set­zung von si­che­rer, al­so au­then­ti­sier­ter und ver­trau­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on in ei­ner ver­netz­ten Woh­nung, die zu­dem ho­he Ver­füg-

bar­keit, Kom­fort und Kom­pa­ti­bi­li­tät ga­ran­tiert. Da­ne­ben hat auch die Be­ar­bei­tung so­zia­ler Fra­gen ei­nen ho­hen Stel­len­wert. Hier­bei zahlt sich vor al­lem die Zu­sam­men­ar­beit mit den von Bo­del­schwingh­schen Stif­tun­gen Be­thel aus, die be­reits viel Er­fah­rung mit dem Um­gang und den Be­dürf­nis­sen ko­gni­tiv und kör­per­lich ein­ge­schränk­ter Men­schen ha­ben.

Zu­kunft ver­netz­tes Woh­nen

Von An­fang an wer­den da­her al­le ent­wi­ckel­ten Lö­sun­gen an­hand von ethi­schen, recht­li­chen, si­cher­heits­tech­ni­schen und so­zia­len Aspek­ten ge­mes­sen und be­wer­tet – Nut­zer­stu­di­en sind nur ein Teil da­von. Um ei­ne mög­lichst ho­he Ak­zep­tanz der fer­ti­gen Pro­duk­te zu er­hal­ten und nicht an den Kun­den­wün­schen vor­bei zu ent­wi­ckeln, wer­den die zu­künf­ti­gen Nut­zer be­reits in den Ent­wick­lungs­pro­zess ein­be­zo­gen. Die Schlag­wor­te in die­sem Be­reich sind Joy of use, Ea­se of use und Usa­bi­li­ty. Die­se drei Be­grif­fe be­schrei­ben das Nut­zer­emp­fin­den ge­gen­über In­no­va­tio­nen. Joy of use be­schreibt ein po­si­ti­ves Nut­zungs­er­leb­nis, das auf­kommt, wenn ein tech­ni­sches Pro­dukt ge­nutzt wird und der Nut­zer da­bei Freu­de emp­fin­det. Ea­se of use hin- ge­gen be­schreibt den Grad, zu dem ei­ne Per­son glaubt, dass die Nut­zung ei­nes be­stimm­ten Pro­dukts frei von Auf­wand ist. Usa­bi­li­ty de­fi­niert die Ge­brauchs­taug­lich­keit ei­nes Pro­dukts hin­sicht­lich der Be­nut­zer­freund­lich­keit und der Er­go­no­mie. An­hand die­ser Leit­sät­ze sol­len die Pro­duk­te ent­wi­ckelt wer­den und das kann nur an­hand von Eva­lua­tio­nen mit zu­künf­ti­gen Nut­zern ge­sche­hen. So wer­den wäh­rend un­ter­schied­li­cher Ent­wick­lungs­stu­fen End­kun­den zu ih­ren Wün­schen, Vor­stel­lun­gen und Sor­gen be­züg­lich der Pro­duk­te be­fragt – dies ge­schieht zum ei­nen durch rein theo­re­ti­sche Be­fra­gun­gen und zum an­de­ren durch Nut­zer­stu­di­en an den De­mons­tra­to­ren. Um ei­nen mög­lichst brei­ten Qu­er­schnitt der Ge­sell­schaft ab­bil­den zu kön­nen, wer­den auch Be­woh­ner und Kli­en­ten der von Bo­del­schwingh­schen Stif­tun­gen Be­thel zu den Stu­di­en her­an­ge­zo­gen. Die­se Be­fra­gun­gen wer­den in Bie­le­feld im PIKSL La­bor durch­ge­führt. „Ich füh­le mich schon ein biss­chen wie ein Ex­per­te, weil man ja mit­hilft und mit­wirkt, Tech­nik zu ent­wi­ckeln“, so ein Stu­di­en­teil­neh­mer. PIKSL steht für Per­so­nen­zen­trier­te In­ter­ak­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on für mehr Selbst­be­stim­mung im Le­ben. Das PIKSL La­bor Bie­le­feld ist ein of­fe­ner Treff­punkt für Men­schen mit und oh­ne Be­hin­de­run­gen. Es er­mög­licht als in­klu­si­ves An­ge­bot den Zu­gang zu ak­tu­el­len In­for­ma­ti­ons- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gi­en, um die Teil­ha­be an der Ge­sell­schaft und die Selbst­be­stim­mung zu för­dern. Vor der Durch­füh­rung jeg­li­cher Stu­di­en wer­den Ethi­k­an­trä­ge bei der Ethik­kom­mis­si­on in Müns­ter ge­stellt. Hin­ter­grund ist, dass man im Um­gang mit teil­wei­se ko­gni­tiv be­ein­träch­tig­ten Be­frag­ten ethisch kor­rekt vor­geht, auch spielt die Be­rück­sich­ti­gung da­ten­schutz­recht­li­cher Aspek­te ei­ne gro­ße Rol­le. Das Pro­jekt Ko­gni-Ho­me zeigt, dass sich Mö­bel und Mö­bel­be­schlä­ge als tech­ni­sche Pro­duk­te in ei­nem Wan­del be­fin­den. Rein me­cha­ni­sche Be­schlä­ge wer­fen im Grun­de kei­ne ethi­schen Fra­ge­stel­lun­gen auf. Durch die Ver­net­zung je­doch, die mehr und mehr Ein­zug in Mö­bel und so­mit auch in die Be­schlä­ge fin­det, kom­men emen wie Be­vor­mun­dung, Fremd­be­stim­mung oder Da­ten­si­cher­heit auf. Het­tich stellt sich nach ei­ge­nen An­ga­ben die­sen Fra­ge­stel­lun­gen im Pro­jekt Ko­gni-Ho­me be­reits im frü­hes­ten Ent­wick­lungs­sta­di­um, um für die Zu­kunft des ver­net­zen Woh­nens vor­be­rei­tet zu sein.

Wenn die Schub­la­de weiß, wie viel Scho­ko­la­de man ge­ges­sen hat: Die Ver­net­zung von Mö­beln wirft ethi­sche Fra­gen auf, die das Pro­jekt Ko­gni-Ho­me kon­se­quent be­rück­sich­tigt.

Fo­tos: Het­tich

Mit­hil­fe ei­ner Smart­watch oder ei­nes Smart­pho­nes wer­den die Be­woh­ner iden­ti­fi­ziert, da­mit sich die Kü­che auf ei­ne an­ge­neh­me Ar­beits­hö­he ein­stel­len kann.

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