For­schung und Tech­nik

War­um sind Bü­ro­rau­me im­mer weiß? Wel­che Far­ben sind ge­sund? Wie set­zen Ma­ler neue Trends in der Pra­xis um? Wel­che Far­ben und Ma­te­ria­li­en sind 2017 an­ge­sagt? 433 Aus­stel­ler aus 29 Län­dern stell­ten im März auf der Far­be, Aus­bau & Fas­sa­de ih­re neu­es­ten Ent­wi

baustoffpraxis - - AUS DEM INHALT -

Der Farb­for­scher Prof. Axel Venn spricht im In­ter­view dar­über, wie Far­ben auf das Wohl­be­fin­den wir­ken

Gol­do­cker, küh­les Mit­tel­blau und Blass­ro­sa: Das sind laut der Her­stel­ler die Trend­far­ben des Jah­res 2016. Wie ent­ste­hen Farb­trends über­haupt, Herr Venn?

Aus der Tie­fe der Rand­sze­ne der Ge­sell­schaft, von Un­der­ground-Hal­tun­gen. Ty­pi­sche Ur- Trend­ge­ber für Far­ben sind zum Bei­spiel Graf­fi­ti- Sze­na­ri­en, Tat­too- Stu­di­os und Künst­ler, die durch Pro­test­hal­tung neue Far­ben und For­men ge­ne­rie­ren. Das sind die ei­gent­li­chen Krea­ti­ven.

Auch Mo­de- und Pro­dukt­de­si­gner le­gen doch Farb­trends fest.

Ja, aber die Mo­de braucht auch Vor­bil­der und sucht nach In­spi­ra­tio­nen aus der Un­der­ground-Sze­ne­rie. Trends­couts be­ob­ach­ten die­se Rand­sze­ne und for­mu­lie­ren dar­aus Trends, die von Farb­her­stel­lern mit der Ent­wick­lung neu­er Pro­duk­te über­setzt wer­den.

Ob tren­dy, pas­tell oder bunt: Wie wir­ken Far­ben aufs Wohl­be­fin­den?

Das Woh­nen ist der Nah­er­ho­lungs­platz Num­mer eins. In ei­ner Woh­nung spie­len Far­ben, For­men und Ma­te­ria­li­en ei­ne be­deu­ten­de Rol­le für das Wohl­be­fin­den ei­nes Men­schen. Es gibt Far­ben, die uns an Wär­me er­in­nern oder in die Wei­te zie­hen. Far­ben ha­ben nicht nur ei­ne psy­cho­lo­gi­sche, son­dern auch ei­ne phy­sio­lo­gi­sche Auf­ga­be. Ein Zim­mer mit eis­blau­en Wän­den zum Bei­spiel soll­te ei­ne hö­he­re Tem­pe­ra­tur ha­ben, da­mit man sich dort ei­ni­ger­ma­ßen wohl­fühlt – im Ge­gen­satz zu ei­ner warm pas­tel­li­gen me­di­ter­ra­nen Gestal­tung.

Wie geht der Ma­ler­meis­ter mit die­ser Far­ben­leh­re um?

Er führt Ge­sprä­che mit dem Kun­den und schaut sich die Ein­rich­tung und die Ac­ces­soires ge­nau an: da ei­ne wol­li­ge De­cke, dort ein be­stimm­ter Tep­pich, Par­kett­bo­den oder Ka­cheln – das sind wich­ti­ge In­di­zi­en für die Be­ra­tung. Denn der Ma­ler kann an­hand be­son­de­rer Tech­ni­ken und Wand­ge­stal­tun­gen Ob­jek­te in Sze­ne set­zen. Ich er­le­be in mei­nen Schu­lun­gen sehr häu­fig, dass Ma­ler ein sehr gu­tes Ge­spür für Far­ben und das Wohl­be­fin­den ih­rer Kun­den ha­ben.

Die Woh­nung ist der wich­tigs­te Rück­zugs­ort. Die Men­schen ver­brin­gen aber auch viel Zeit an ih­rem Ar­beits­platz. War­um sind Bü­ro­räu­me im­mer weiß?

Das fra­ge ich mich auch. Weiß ist für Bü­ros ei­gent­lich das Schlimms­te, was es gibt. In den letz­ten Jah­ren sind mo-

der­ne Bü­ros oder De­si­gn­ho­tels ent­stan­den, in de­nen Or­te der Nüch­tern­heit ge­schaf­fen wur­den. Aber Bü­ros sind heut­zu­ta­ge der Krea­tiv­ort für neue Ide­en, für Zu­kunfts­ori­en­tie­rung. Sie ha­ben nicht mehr die Funk­ti­on, nur zu ver­wal­ten. Sie sind Or­te, in de­nen viel an in­no­va­ti­ven Krea­tio­nen ge­ar­bei­tet wird. Für mich sind wei­ße Bü­ros der Ge­gen­satz von Ef­fek­ti­vi­tät. Das wird sich än­dern müs­sen. Ich ken­ne vie­le Bei­spie­le aus den USA oder En­g­land: Dort se­hen die Bü­ros aus wie lus­ti­ge Spiel­höh­len, lo­cke­re Bars oder mun­te­re Ver­an­stal­tungs­or­te. Flu­re wer­den hier als Ort der Be­geg­nung aus­ge­baut. Das, was auf den Gän­gen pas­siert, ist sehr wich­tig für den in­ter­nen Aus­tausch und wird hier­zu­lan­de oft un­ter­drückt. Krea­ti­ve Un­ter­neh­men be­för­dern den Flur­funk, weil die­ser x-mal schnel­le­re In­for­ma­ti­ons­mög­lich­kei­ten bie­tet. Und bei der Gestal­tung des Flurs spie­len die Plau­der-Far­ben die größ­te Rol­le. Das sind nar­ra­ti­ve Tö­ne, die je­nen glei­chen, die zum Pa­la­ver-Platz – rund ums Feu­er – ge­hö­ren: Oran­ge, Rot, sanft fla­ckernd, an­re­gend und an­hei­melnd.

Wie sieht es mit der Gestal­tung von Se­nio­ren­hei­men oder Kin­der­ein­rich­tun­gen aus?

Ziel­grup­pen­spe­zi­fi­sche Farb­kon­zep­te, die Kom­mu­ni­ka­ti­on und Un­ter­hal­tung för­dern, sind grund­sätz­lich im­mer gut. In blas­sen oder schwar­zen Räu­men un­ter­hält man sich nicht. Far­be ist für mich das we­sent­lichs­te Ele­ment. Je äl­ter man wird, des­to schlech­ter wird die Wahr­neh­mung. Man braucht auch stär­ke­re hap­ti­sche Bot­schaf­ten, um sich zu­recht zu fin­den. Hier kön­nen bun­te, kräf­ti­ge Far­ben, spe­zi­el­le Ober­flä­chen und pas­sen­de Bö­den hel­fen, da­mit der Mensch hap­tisch be­greift, wo er sich be­fin­det. Bei Kin­der­ein­rich­tun­gen spie­len vi­su­el­le Ele­men­te wie Bil­der­schrif­ten und Zei­chen­sys­te­me ei­ne ganz gro­ße Rol­le.

Wel­che Rol­le spielt das Thema Nach­hal­tig­keit bei der Wand­ge­stal­tung heut­zu­ta­ge?

Ge­sund­heit ist das Thema über­haupt. Es gibt luft­rei­ni­gen­de Wand­far­ben und Tex­ti­li­en, die für ein bes­se­res Raum­kli­ma sor­gen. Sie sind at­mungs­ak­tiv und ge­ruchs­neu­tral, bau­en Schad­stof­fe ab und wir­ken so­gar vor­beu­gend ge­gen Schim­mel­be­fall. Da­von und über­haupt al­les, was ei­nen ge­sund­heit­li­chen Aspekt hat, hal­te ich für ex­or­bi­tant wich­tig und zu­kunfts­träch­tig.

Ne­ben dem ge­sund­heit­li­chen Aspekt, wie sieht die Wand­be­klei­dung der Zu­kunft aus?

Sie muss al­les er­fül­len, was wir bis­her zu we­nig be­dacht ha­ben. Hier­bei wird nicht nur die Wär­me­däm­mung, son­dern auch die Schall­däm­mung an Be­deu­tung ge­win­nen. Ta­pe­ten sind hier ein gu­tes Bei­spiel: Dank ih­rer schall­däm­men­den Ei­gen­schaf­ten wir­ken sie sich po­si­tiv auf das Wohl­ge­fühl aus, zum Bei­spiel in hell­hö­ri­gen Woh­nun­gen. Al­les, was Kom­fort- Ei­gen­schaf­ten und Ge­sund­heit för­dert, hat gro­ßes Zu­kunfts­po­ten­zi­al. Über­streich­ba­re Ta­pe­ten sind mei­ner Mei­nung nach das güns­tigs­te Pro­dukt für Ma­ler. Die brin­ge ich ein­mal an und kann al­le vier Jah­re wie­der et­was Neu­es dar­aus ma­chen oder nur par­ti­ell über­ar­bei­ten. Ein Ma­ler muss auch in Zu­kunft da­mit rech­nen, dass er nicht im­mer die gan­ze Woh­nung re­no­viert, son­dern mal die­se Wand, mal den Flur. Hier­bei spie­len In­no­va­tio­nen in Tech­nik und Krea­ti­vi­tät ei­ne be­deu­ten­de Rol­le. Je­der Ma­ler soll­te jähr­lich sei­nen Trend-Fol­der her­aus­ge­ben, mit dem er die neu­es­ten Trends und Tech­ni­ken sei­nen Kun­den dar­stellt. Denn der Kun­de soll­te das vom Hand­wer­ker sei­nes Ver­trau­ens er­fah­ren und nicht von den gro­ßen Her­stel­lern.

Und wel­che Trend­far­be er­war­tet uns 2017?

Wir fra­gen im­mer nach ein­zel­nen Far­ben. Für mich ist das zu klein­tei­lig ge­dacht. Wich­ti­ger sind Farb­wel­ten. Für 2017 se­he ich ein an­ge­neh­mes Ko­lo­rit aus drei Far­ben: ein por­tu­gie­si­sches war­mes Gelb, ein ge­dämpf­tes Koral­leRot und ein ge­deck­tes La­pis­la­zu­li-Blau. Die­se Tö­ne wer­den ei­nen fan­tas­ti­schen Drei­klang bil­den.

FO­TO: GHM

Axel Venn.

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