Na­vi­ga­tor: Best of Beat #147

Beat - - In Beat - Von To­bi­as Fi­scher

In den 90ern wa­ren Bren­dan Col­lins und Ja­mie Quinn Teil des Drum-n-Bass-Un­der­grounds. Im neu­en Jahr­tau­send sind sie zu Su­per­stars auf­ge­stie­gen. Ih­re Singles ver­bin­den Pop-af­fi­nes Song­wri­ting mit bru­ta­len Sounds und bul­li­gen Break­beats. Den­noch ren­nen die bei­den aus der Sicht vie­ler Fans noch im­mer ih­rem for­mi­da­blen De­büt-Al­bum hin­ter­her – höchs­te Zeit für ei­nen neu­en Ge­nie­streich.

In den 90ern wa­ren Bren­dan Col­lins und Ja­mie Quinn Teil des Drum-n-Bass-Un­der­grounds. Im neu­en Jahr­tau­send sind sie zu Su­per­stars auf­ge­stie­gen. Ih­re Singles ver­bin­den Pop-af­fi­nes Song­wri­ting mit bru­ta­len Sounds und bul­li­gen Break­beats. Den­noch ren­nen die bei­den aus der Sicht vie­ler Fans noch im­mer ih­rem for­mi­da­blen De­büt-Al­bum hin­ter­her – höchs­te Zeit für ei­nen neu­en Ge­nie­streich.

Es nervt. Es nervt so­gar ganz ge­wal­tig. Dass man in je­dem In­ter­view die­sel­be Fra­ge ge­stellt be­kommt. Und das schon seit Jah­ren. Aber Ja­mie Quinn und Bren­dan Col­lins sind doch selbst schuld! Vor ziem­lich ge­nau zehn Jah­ren er­leb­ten die bei­den im Stu­dio ei­nen Schaf­fens­rausch und pro­du­zier­ten ei­nen glor­rei­chen Track nach dem an­de­ren, bis da plötz­lich ein kom­plet­tes Al­bum vor ih­nen lag. Hät­ten Sie bei der Zu­sam­men­stel­lung von „Uni­ver­sal Truth“doch ein­fach nur we­ni­ger Sorg­falt wal­ten las­sen! Hät­ten sie sich bei der wuch­ti­gen, ka­lei­do­sko­pisch de­tail­rei­chen Pro­duk­ti­on nur ein biss­chen we­ni­ger Mü­he ge­ge­ben! Und vor al­lem, hät­ten sie doch nur ein paar Hym­nen we­ni­ger auf die Schei­be ge­packt, die nun mit zeit­lo­sen Meis­ter­wer­ken wie „Sand­storm“, der Ro­bert-Owens-Kola­bo­ra­ti­on „Fa­mi­ly“und dem epi­schen Fi­na­le „Co­ast to Co­ast“glänz­te. Vi­el­leicht wä­re „Uni­ver­sal Truth“dann nicht die­ser ma­kel­lo­se spä­te Klas­si­ker des Drum n Bass ge­wor­den, ei­nem Gen­re, das sich 2007 für Au­ßen­ste­hen­de ei­gent­lich be­reits auf dem ab­stei­gen­den Ast zu be­fin­den schien. So aber müs­sen sich die bei­den bei je­dem Pres­se­ter­min die Fra­ge ge­fal­len las­sen, wann sie denn den Nach­fol­ger zu ver­öf­fent­li­chen ge­den­ken. Und auch, wenn sie im­mer schön freund­lich blei­ben: Ir­gend­wann muss ei­nem da­bei doch der Ge­dulds­fa­den rei­ßen.

Im­mer­hin: Über Drum n Bass re­den Ja­mie (Ma­trix) und Bren­dan (Fu­ture­bound) so­gar nach 20 Jah­ren noch im­mer ger­ne. Für bei­de war das Auf­kom­men von Break­beats im UK Un­der­ground der ent­schei­den­de Wen­de­punkt in ih­rem Le­ben; der Mo­ment, in dem aus dem eu­pho­risch-ver­spiel­ten, aber­wit­zig schnel­len Ra­ve die vi­el­leicht fu­tu­ris­tisch­te, fremd­ar­tigs­te und kom­ple­xes­te Mu­sik ent­stand, die je­mals in den Clubs ge­spielt wur­de. Als die in den frü­hen 90ern los­ge­tre­te­ne Flut­wel­le dann ir­gend­wann ver­ebb­te, wand­ten vie­le dem Gen­re den Rü­cken z u . Mat r i x und Fu­ture­bound je- doch dreh­ten da ge­ra­de erst auf. „Drum n Bass ent­wi­ckelt sich stän­dig wei­ter, dau­ernd ent­ste­hen neue Stil­rich­tun­gen. Und ob­wohl sich un­zäh­li­ge Va­ri­an­ten ge­bil­det ha­ben, ge­hö­ren sie trotz­dem ir­gend­wie zu­sam­men“, meint Bren­dan. Ja­mie nickt: „Es war im­mer die­ser gro­ße Schmelz­tie­gel. Du konn­test al­les hin­ein­wer­fen und es hat ir­gend­wie funk­tio­niert. Das ist es, was mich schon im­mer an Drum n Bass fas­zi­niert hat. Und dann ist da die­se ge­wis­se Ener­gie, die du nur aus die­ser Mu­sik zie­hen kannst.“Das klingt nach ei­ne recht ein­fa­che Aus­sa­ge. Für je­den, der in den frü­hen Jah­ren da­bei war, ruft sie aber ei­ne gan­ze Welt an Er­in­ne­run­gen wach.

Ge­heim­nis­se des Funk

Denn die Ener­gie, die Drum n Bass in sei­nen bes­ten Au­gen­bli­cken ver­mit­teln konn­te, ist tat­säch­lich bis heu­te un­er­reicht. Sie war ma­gne­tisch und zeit­los, uni­ver­sell und ul­tra­spe­zi­fisch, sie flüs­ter­te von den Ge­heim­nis­sen des Funk und führ­te dich zu den Rin­gen des Sa­turn. Sie war nie­mals als Al­bum-Mu­sik kon­zi­piert, auch wenn ei­ni­ge ih­rer Al­ben Ge­schich­te ge­schrie­ben ha­ben. Sie soll­te kei­nen Hi- fi-Pu­ris­mus be­frie­di­gen, er­reich­te aber zu ih­rem Hö­he­punkt ein un­ver­gleich­li­ches Pro­duk­ti­ons­ni­veau Sie war nie­mals Live-Mu­sik im kon­ven­tio­nel­len Sin­ne, leb­te eher in DJ-Sets, in de­nen man­che Tracks teil­wei­se bis zu acht Mal am Abend auf­ge­legt wur­den. Vor al­lem woll­te sie sie nie­mals den Sound­track zu den Par­tys lie­fern, die in Sta­di­en ge­fei­ert wur­den, auch wenn sie ge­nau dort letzt­end­lich ge­lan­det ist. Heu­te ist Drum n Bass ei­ne der Stil­rich­tun­gen, die bei po­pu­lä­ren Fes­ti­vals rie­si­ge Men­schen­mas­sen in schwit­zen­de Pulks ver­wan-

delt, die Wer­be­jingles ver­edelt und mit ver­stö­ren­dem Charme die Charts auf­mischt. Er ist ei­ner der letz­ten Über­le­ben­den ei­ner re­vo­lu­tio­nä­ren Pha­se und vi­el­leicht der Ein­zi­ge, der den Sprung auf die mil­lio­nen­dol­lar­schwe­ren EDM-Büh­nen ge­schafft hat, oh­ne da­bei gänz­lich die ei­ge­ne See­le zu ver­hö­kern.

Die­se Ent­wick­lung ent­behrt nicht ei­ner ge­wis­sen Iro­nie. Denn noch in den 90ern ver­zwei­fel­ten die Ma­jors schier an den Stars der Sze­ne, die trotz hoch­ka­rä­ti­ger Ver­trä­ge ein­fach kei­ne Hits schrei­ben moch­ten und de­ren Ver­öf­fent­li­chun­gen nie­mals die Ver­kaufs­zah­len er­reich­ten, die Gol­die‘s „Time­l­ess“1995 ver­spro­chen zu ha­ben schien. Ein paar Num­mer-1-Er­fol­ge hier und da, ei­ni­ge hoch­ge­lob­te Al­ben und vor al­lem un­zäh­li­ge Ent­täu­schun­gen – und dann war der schö­ne Spuk schon wie­der vor­bei. Zwei Al­ben lei­te­ten zehn Jah­re nach „Time­l­ess“das Come­back und den tri­um­pha­len Auf­stieg ein: Pen­du­lum‘s „Hold Your Co­lour“, mit dem die aus­tra­li­sche Band aus dem Stand das kom­mer­zi­ell er­folg­reichs­te Drum-n-Bass-Werk al­ler Zei­ten ab­lie­fer­te. Und eben „Uni­ver­sal Truth“, wel­ches eher in krea­ti­ver Hin­sicht der Sze­ne neu­es Le­ben ein­hauch­te. Bei­de Al­ben mar­kier­ten ei­nen Bruch mit der Ver­gan­gen­heit, oh­ne ei­ne ei­ge­ne Schu­le zu bil­den. So er­scheint es selt­sam pas­send, dass bei­de Al­ben nie­mals ganz den Sprung in den Ka­non der an­er­kann­ten Mei­len­s­tei- ne ge­schafft ha­ben und bis heu­te ei­nen ge­wis­sen Au­ßen­sei­ter­sta­tus ge­nie­ßen. Auch wä­re es zwar ver­ständ­lich, aber letzt­end­lich ver­fehlt, „Uni­ver­sal Truth“als Weg­be­rei­ter für den Main­stream-Über­griff der Break­beat-Kul­tur ver­ant­wort­lich zu ma­chen. „Es ist nicht so, dass wir EDM nicht mö­gen“, so Bren­dan. „ Wir hö­ren es uns nur ganz ehr­lich nie an.“

Das über­rascht dann doch ein we­nig. Denn auch ih­re ak­tu­el­le Ver­öf­fent­li­chung „Hu­man“ent­hält wie­der al­le Zu­ta­ten, für die so vie­le ih­rer al­ten Fans sie heu­te ab­grund­tief has­sen: Sen­ti­men­ta­le Vo­cals, sanf­te Flä­chen, eu­pho­ri­sche Syn­thie-Leads und ein pa­cken­der 2-Step-Beat, der dem sü­ßen Pop-Flair des Songs ei­ne ge­wis­se Schär­fe ver­leiht, in die man hin­ein­beißt wie in ei­ne mit Chil­lif­lo­cken be­streu­te Edel­pra­li­ne. So­gar ihr mör­de­risch har­ter Club-Track „Glow Worm“wür­de mit sei­ner grel­len Sound-Äs­t­he­tik per­fekt in ein ak­tu­el­les EDMSet pas­sen, ent­wi­ckelt be­reits nach dem zwei­ten Hör­durch­gang süch­tig ma­chen­de Ohr­wurm­qua­li­tä­ten. Der An­satz, in ih­ren Stü­cken das Bes­te bei­der Wel­ten fei­ern zu wol­len, ist of­fen­sicht­lich ein Grund­satz ih­rer Phi­lo­so­phie: „Das be­mer­kens­wer­te ist doch, dass du ei­nen phä­no­me­na­len Drumn-Bass-Track schrei­ben kannst, in dem im kon­ven­tio­nel­len Sin­ne mu­si­ka­lisch über­haupt nichts pas­siert. Zu­min­dest, wenn du ei­ne groß­ar­ti­ge Pro­duk­ti­on hast“, führt Ja­mie aus. „Ver­such doch mal „The Ni­ne“von Bad Com­pa­ny auf dem Kla­vier zu spie­len. Das wä­re ein ziem­li­cher Rein­fall. Aber so, wie es pro­du­ziert ist, ist es ei­ne der größ­ten Un­der­ground-Drum-n-Bass-Hym­nen, weil es dir förm­lich ei­nen Schlag ins Ge­sicht ver­setzt. Ein PopSong hin­ge­gen ba­siert üb­li­cher­wei­se voll und ganz auf star­kem Song­wri­ting. Mit Stü­cken wie „Con­trol“ha­ben wir ver­sucht, die Kluft zwi­schen die­sen bei­den Wel­ten zu über­brü­cken.“Der mit der Sän­ge­rin Max Mar­shall ein­ge­spiel­te Song ist 2014 ei­ner der ers­ten in ih­rem Re­per­toire, der ei­nen Wech­sel im Ma­trix & Fu­ture­bound Sound mar­kiert. Grel­le Stak­ka­to-Chor­ds pul­sie­ren wie St­ro­bos, die Beats wer­fen Schat­ten an die Wand ei­nes Ubahn­schach­tes, doch Mar­shall‘s Stim­me dringt durch die Tro­cken­eis­schwa­den wie ei­ne Funk­ba­ke aus Samt. Ih­re bru­tal ein­gän­gi­ge Vi­si­on von Post-Mil­le­ni­ums-Pop knackt schein­bar mü­he­los die eng­li­schen Top-10 und wird zum end­gül­ti­gen Durch­bruch für das Duo.

Hei­mat im House

Für Ja­mie Quinn ist der Charts­er­folg kei­ne Pre­mie­re. Be­reits 2002 lan­de­te er un­ter dem Na­men Gold­trix mit „It‘s Lo­ve (Trip­pin‘)“auf Platz 6. Und auch das na­he­zu ma­kel­lo­se „Gold Rush“auf dem an­ge­sag­ten An­ju­na­de­ep-La­bel ent­wi­ckelt sich 2010 zur Hym­ne. Bei­den Stü­cken ge­mein­sam ist, dass sie kei­ner­lei Be­zug zu Drum n Bass auf­wei­sen und viel­mehr dem (Pro­gres­si­ve) House zu­zu­ord­nen sind, ei­ner Mu­sik­rich­tung, aus der so­wohl Ma­trix als auch Fu­ture­bound bis heu­te im­mer wie­der In­spi­ra­ti­on be­zie­hen. Was heu­te eklek­tisch an­mu­tet, war sei­ner­zeit schlicht Teil des Zeit­geis­tes. Ge­ra­de in den frü­hen Ta­gen la­gen die heu­te fein säu­ber­lich ge­trenn­ten Sze­nen noch ganz na­he bei­ein­an­der. Viel­mehr konn­te man in Clubs wie dem von DJ Fa­bio und LTJ Bu­kem ge­grün­de­ten Speed, auf Gol­die‘s „Blue No­te“Näch­ten und na­tür­lich auch in der be­reits da­mals le­gen­dä­ren Fa­b­ric dem Gen­re ge­ra­de­zu beim Ent­ste­hen aus ei­ner Viel­zahl mehr oder we­ni­ger eng mit­ein­an­der ver­wo­be­nen Stil­rich­tun­gen zu­hö­ren. Bren­dan und Ja­mie wa­ren Stamm­gäs­te an die­sen Ört­lich­kei­ten, be­ka­men haut­nah mit, wie Bu­kem den ur­sprüng­lich ro­hen und kei­nes­wegs uni­ver­sell ge­schätz­ten Jung­le-Sound mit Sam­ples aus Jazz, Funk und Soul ver­edel­te und in sei­nem Pro­gres­si­on-Ses­si­ons-Cock­tail-Sha­ker zu ei­nem ele­gant-ver­füh­re­ri­schen, in­tel­li­gent-uto­pi­schen Stil­ge­misch ver­quirl­te. Die „Blue No­te“Rei­he wie­der­um war von ei­ner gro­ben Elek­tri­zi­tät ge­prägt, die ganz und gar von Gol­die‘s ei­gen­sin­ni­ger Per­sön­lich­keit und der rotz­fre­chen Selbst­ver­ständ­lich­keit leb­te, mit der er ei­gen­mäch­tig an die Turn­ta­bles griff, wenn ein an­de­rer DJ ge­ra­de auf­leg­te und die At­mo­sphä­re mit tak­ti­schen Te­le­fo­na­ten be­reits vor dem Gig auf-

heiz­te. „Wir wa­ren beim al­lers­ten Event da­bei und sind da­nach ge­ra­de­zu mit re­li­giö­sem Ei­fer je­den Sonn­tag dort­hin mar­schiert“, er­in­nert sich Bren­dan. „Gol­die‘s Me­tallheadz-Cr­ew hat et­was ganz be­son­de­res ge­schaf­fen. Es hat­te et­was von dem Mu­sic House, ei­ner an­de­ren Lo­ca­ti­on, wo wir auch re­gel­mä­ßig auf­schlu­gen, um un­se­re Plat­ten schnei­den zu las­sen. Es wa­ren tol­le Or­te, an de­nen du dich mit Leu­ten aus der Sze­ne tref­fen und ent­de­cken konn­test, wel­che neue Mu­sik ge­ra­de die Tür aus den An­geln ge­ho­ben hat.“

Zu den „Leu­ten aus der Sze­ne“ge­hört auch der le­gen­dä­re Op­ti­cal, der mit bür­ger­li­chem Na­men Matt Quinn heißt – und der Ja­mie‘s Bru­der ist. Un­ab­hän­gig von­ein­an­der, je­doch im stän­di­gen Aus­tausch, pro­du­zie­ren die bei­den lan­ge vor der Be­geg­nung mit Bren­dan über ei­nen Zei­t­raum von knapp zehn Jah­ren ei­ni­ge bahn­bre­chen­de Ver­öf­fent­li­chun­gen. Un­ter dem Na­men In­ter­na­tio­nal Ru­de Boyz legt zu­nächst Ja­mie mit ei­ni­gen Jung­le-in­fi­zier­te 12in­ches vor, de­ren Break­beats un­ge­schlif­fen und düs­ter schep­pern. Matt kon­tert mit der heu­te als Klas­si­ker be­wun­der­ten „To Sha­pe the Fu­ture“-Sing­le und ver­öf­fent­licht 1998 zu­sam­men mit Ed Rush das epo­cha­le „Worm­ho­le“, des­sen gna­den­los brum­men­der, elek­tro­nen­ras­ter­mi­kro­sko­pisch ge­nau­er Neu­ro­funk al­les bis­her Da­ge­we­se­ne in den Schat­ten stellt. „Worm­ho­le“hat die Gra­zie ei­nes un­be­haue­nen Ge- steins­bro­ckens von ei­nem fer­nen Pla­ne­ten und es wird die Wei­chen für Drum n Bass neu stel­len – im Rück­blick nicht un­be­dingt in die bes­te Rich­tung. Das wird auch Ja­mie er­fah­ren, als er nur ein Jahr spä­ter mit „Sleep­walk“sein ers­tes So­lo-Al­bum prä­sen­tiert. Die Schei­be steht in der ruhm­rei­chen Tra­di­ti­on eher „mu­si­ka­li­scher“Ent­wür­fe wie Adam F‘s „Me­tro­po­lis“und hät­te vi­el­leicht 2 Jah­re frü­her ei­ne Wel­le der Eu­pho­rie aus­ge­löst. In der Ära des Neu­ro­funk hin­ge­gen wirkt es fast schon zahm und rück­wärts­ge­wandt - was ei­ner der Grün­de da­für sein könn­te, dass die­ses so fa­mo­se Al­bum nicht ganz den blei­ben­den Ein­druck hin­ter­lässt, den es ver­dient hät­te.

Im­mer­hin aber zeigt Ja­mie da­mit schon vie­le Jah­re vor Ma­trix & Fu­ture­bound auf, in wel­che Rich­tung die Rei­se ge­hen soll: „Ich war da­mals ziem­lich be­ses­sen von Pho­tek, da gibt es gar kei­nen Zwei­fel. Ich ha­be gan­ze Ta­ge da­mit ver­bracht, her­aus­zu­fin­den, wie er sei­ne Breaks pro­du­ziert. Die wa­ren ein­fach un­glaub­lich! Nur: Ei­ne un­glaub­lich gu­te tech­ni­sche Pro­duk­ti­on darf nie­mals das Ein­zi­ge sein, auf das du dich ver­lässt. Ein Track muss dir auch Emo­tio­nen ver­mit­teln. Pho­tek hat das ge­schafft, Ed Rush und Op­ti­cal auch. Die Leu­te, die die­se frü­hen Stü­cke dann ko­piert ha­ben, sind aber oft ge­nau an der at­mo­sphä­ri­schen Sei­te ge­schei­tert.“Na­he­zu par­al­lel zu sei­nen Ak­ti­vi­tä­ten, aber eher un­ter der Ober­flä­che hat auch Bren­dan die 90er da­mit ver­bracht, sei­ne per­sön­li­che Vi­si­on von Break­beats zu pus­hen. Fu­ture Bound ist zu­nächst ein Pro­du­zen­ten­kol­lek­tiv um Paul Ma­ker, aus dem all­mäh­lich im­mer mehr Mit­glie­der aus­schei­den, bis schließ­lich nur noch Col­lins üb­rig bleibt. Die ein­sa­me Ar­beit im Stu­dio be­hagt ihm nicht und so sucht er stän­dig nach pas­sen­den Pro­duk­ti­ons­part­nern - ge­nau wie auch Ja­mie Quinn, der un­ter an­de­rem als Ma­trix & Fier­ce ei­ni­ge her­vor­ra­gen­de 12in­ches ver­öf­fent­licht. Auch Ma­trix & Fier­ce hät­ten ein her­vor­ra­gen­des, lang­le­bi­ges Pro­jekt ab­ge­ge­ben. Doch es soll die Be­geg­nung mit Bren­dan sein, die sich am bes­ten an­fühlt.

Ein ent­spann­tes Meis­ter­werk

Und so ent­ste­hen nach ei­ni­gen frü­hen Skiz­zen dann fast wie von selbst die Tracks, die „Uni­ver­sal Truth“bil­den wer­den. Auch, wenn es nach au­ßen hin ei­ne in­ten­si­ve Zeit zu sein scheint, be­schrei­ben die bei­den sie heu­te vor al­lem als ent­spannt. Be­reits wäh­rend die Schei­be Gestalt an­nimmt, tei­len Bren­dan und Ja­mie die Mu­sik mit be­freun­de­ten Künst­lern, die mit Be­geis­te­rung re­agie­ren. Ein Teil der Freu­de an der Ent­ste­hung des Al­bums ist auf die neue Pro­duk­ti­ons­um­ge­bung zu­rück­zu­füh­ren, die sie kurz vor „Uni­ver­sal Truth“auf- oder ge­nau­er ge­sagt ab­ge­baut ha­ben. Wäh­rend sie bis da­to mit Ana­log-Equip­ment ge­ar­bei-

tet ha­ben, tren­nen sie sich un­ver­mit­telt von ih­rer Hard­ware und stel­len kom­plett auf In the Box um. Wäh­rend sie vor­her Stu­dio-Rä­um­lich­kei­ten ge­mie­tet hat­ten, ar­bei­ten sie nun von zu Hau­se. All das trägt zu der ge­müt­li­chen At­mo­sphä­re bei – ih­re Break­beat-Be­ar­bei­tung des „Ame­ri­can Be­au­ty“The­mas, ei­ner der be­we­gends­ten Mo­men­te auf „Uni­ver­sal Truth“, ent­steht kom­plett in Ja­mie‘s Kü­che. Die Auf­bruchs­stim­mung der di­gi­ta­len Tech­no­lo­gi­en schafft zu­dem ein Ge­fühl von „Al­les ist mög­lich“, wel­ches den idea­len Nähr­bo­den für die viel­sei­ti­ge Pa­let­te an Ein­flüs­sen bie­tet, die von Hip-Hop über House bis hin zu Rock reicht. Die Har­mo­ni­en auf dem ab­schlie­ßen­den „Co­ast to Co­ast“bei­spiels­wei­se klin­gen ver­däch­tig nach Ian Brown‘s sinn­lich groo­ven­der Pop-Per­le „F.E.A.R.“. Ein Zu­fall? Ja­mie lä­chelt nur: „Sa­gen wir so: Ian Brown steht de­fi­ni­tiv auf der lan­gen Lis­te von Mu­si­kern, die uns be­ein­flusst ha­ben.“

An­sons­ten re­gie­ren auf „Uni­ver­sal Truth“vor al­lem die Beats. Bis heu­te sticht die Sorg­falt und Prä­zi­si­on ih­rer Schlag­zeugsounds aus der Mas­se ver­gleich­ba­rer Stü­cke her­aus. Tat­säch­lich ha­ben Bren­dan und Ja­mie Jah­re da­mit ver­bracht, ih­re Drum-Li­bra­ry auf­zu­bau­en und schwö­ren bis heu­te dar­auf, lie­ber die rich­ti­gen Sam­ples zu ver­wen­den, als nach­träg­lich St­un­den da­mit zu ver­brin­gen, die Sounds mit Ef­fek­ten zu be­ar­bei­ten: „Wenn du Mil­lio­nen an Plug­ins da­zu ver­wen­den musst, da­mit et­was funk­tio­niert, soll­test du vi­el­leicht dar­über nach­den­ken, ob du mit den rich­ti­gen Klän­gen ar­bei­test.“Die rich­ti­ge Aus­wahl ist frei­lich nur der ers­te Schritt, und dass die Sam­ples an­schlie­ßend in ei­nem zeit­auf­wen­di­gen Pro­zess auf Hoch­glanz po­liert wer­den, ver­steht sich von selbst: „Wir schich­ten schon recht vie­le Schlag­zeug-Klän­ge auf­ein­an­der. Aber du musst sehr vor­sich­tig sein, vor al­lem mit Sna­res. Du musst ganz si­cher ge­hen, dass die Tran­si­en­ten rich­tig zu­sam­men­pas­sen, ein­an­der er­gän­zen, rich­tig ge­stimmt und in der glei­chen Pha­se sind.“Und na­tür­lich: Auch, wenn das Song­wri­ting auf „Con­trol“und „Hu­man“die Ba­sis bil­det, so ist es doch vor al­lem die Pro­duk­ti­on, wel­che die bei­de Songs aus der grau­en Mas­se ähn­lich ge­ar­te­ter, leb­lo­ser Klo­ne her­aus­hebt. Man kann die un­zäh­li­gen Stu­dio-St­un­den, wel­che in die Pro­duk­ti­on ge­flos­sen sind, förm­lich hö­ren. So kann es kaum er­stau­nen, dass die Dis­ko­gra­phie der bei­den seit „Uni­ver­sal Truth“eher im Schne­cken­tem­po ge­wach­sen ist: „Es ist für uns ei­ne der wich­tigs­ten Her­aus­for­de­run­gen zu ent­schei­den, wann wir ei­ne Idee in die Müll­ton­ne klop­pen oder uns ihr voll und ganz wid­men, bis sie funk­tio­niert“, so Ja­mie, „wenn wir an ei­ner ganz neu­en Idee ar­bei­ten, dann ist un­ser Pro­zess recht un­struk­tu­riert. Zu­nächst er­for­schen wir end­los ver­schie­de­ne Op­tio­nen, bis ir­gend­et­was hän- gen bleibt. Da­bei ge­hen vie­le Ta­ge drauf. Bis plötz­lich al­les zu­sam­men­fällt und in we­ni­gen St­un­den die Roh­ver­si­on des Tracks ent­steht.“Da­mit frei­lich ist le­dig­lich der ers­te Schritt ge­nom­men: „Ei­ne sol­che Idee dann zum Ab­schluss zu brin­gen kann ein sehr tech­ni­scher Pro­zess sein“, so Bren­dan, „wir er­stel­len stets vie­le ver­schie­de­ne Ver­sio­nen, so­wohl vom Ar­ran­ge­ment als auch vom Mix-Down, bis sich al­les rich­tig an­fühlt. Das dau­ert üb­li­cher­wei­se Mo­na­te. Ich ver­glei­che das mit ei­ner Mi­schung aus Kunst und Wis­sen­schaft.“

Zu­rück zur Un­schuld?

In ge­wis­ser Wei­se ist das na­tür­lich ei­ne Me­ta­pher für Drum n Bass als Gan­zes, das schon im­mer ei­ne Vor­lie­be für das Pro­zess­haf­te und Ma­the­ma­ti­sche hat­te. Es trifft aber ganz be­son­ders auf Ma­trix & Fu­ture­bound zu, die in ih­ren Singles im­mer öf­ter die gro­ßen Ge­füh­le zu­las­sen, aber hin­ter ver­schlos­se­nen Stu­dio­tü­ren mit je­der Ver­öf­fent­li­chung pe­ni­bler und de­tail­ver­lieb­ter wer­den. Hat­te Ja­mie nicht in ei­nem frü­he­ren In­ter­view ein­mal be­haup­tet, er wol­le ger­ne zu­rück zur Un­schuld der frü­hen Ta­ge? „Stimmt, ha­be ich mal ge­sagt. Halb ernst, halb scherz­haft“, gibt er zu, „letz­ten En­des ist es aber wie bei al­lem im Le­ben: Um so tie­fer du dich mit et­was be­schäf­tigst, um so aus­ge­klü­gel­ter wird es. Wir ha­ben mit sehr ein­fa­chem Equip­ment an­ge­fan­gen und hat­ten nicht sehr vie­le Mög­lich­kei­ten. Des­we­gen sind die Din­ge am An­fang sehr schnell pas­siert. Tracks wa­ren nach zwei Ta­gen fer­tig, weil es da­nach kei­ne wei­te­ren Mög­lich­kei­ten mehr gab.“Klingt doch toll, wer­fe ich ein. „Auf dem Pa­pier ja. Aber der Per­fek­tio­nist in mir wür­de nie­mals zu die­sen ein­ge­schränk­ten Mög­lich­kei­ten zu­rück­keh­ren wol­len.“

Und so sind seit dem De­büt-Al­bum ganz wie im Flug zehn Jah­re ver­stri­chen. Die Zeit für un­ser In­ter­view ist fast vor­bei, doch als ahn­ten die bei­den be­reits, dass die Fra­ge oh­ne­hin i rgend­wann noch kom­men wird, be­ant­wor­ten sie sie ein­fach von selbst: „Wir sind schon ziem­lich weit mit dem Nach­fol­ger von „Uni­ver­sal Truth“. Die Pa­let­te an Stil­rich­tun­gen wird wei­ter sein, als wenn wir nur Singles ver­öf­fent­licht hät­ten. Wir ha­ben lan­ge da­mit ge­droht, dass die­ses Al­bum kommt – und so wie es aus­sieht, wird es 2019 tat­säch­lich pas­sie­ren.“Die Fan­ge­mein­de wird es freu­en, nur Jour­na­lis­ten wer­den mög­li­cher­wei­se ent­setzt sein – und sich in Zu­kunft ein paar neue Fra­gen aus­den­ken müs­sen.

» Ei­ne gu­te tech­ni­sche Pro­duk­ti­on darf nie­mals das Ein­zi­ge sein, auf das du dich ver­lässt. Ein Track muss dir auch

Emo­tio­nen ver­mit­teln. «

Ma­trix & Fu­ture­bound wol­len per­fek­te Pro­duk­tio­nen mit tie­fen Emo­tio­nen ver­bin­den.

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