„Klet­tern ist für mich Frei­heit“

Ei­ne star­ke Frau: Dun­ja Fuhr­mann (37) sitzt im Roll­stuhl und hat Klet­tern zu ih­rem Hob­by ge­macht

Bella - - INHALT -

„Ich ha­be mei­nen Kör­per ganz neu ent­deckt“

Mit si­che­ren Hand­be­we­gun­gen tas­tet Dun­ja Fuhr­mann nach den Grif­fen auf der Klet­ter­wand, zieht sich nur mit der Kraft ih­rer Ar­me hoch – wer die 37-Jäh­ri­ge in der Klet­ter­hal­le er­lebt, sieht auf den ers­ten Blick nicht, dass hier ge­ra­de et­was Au­ßer­ge­wöhn­li­ches pas­siert. Denn ei­gent­lich ist Dun­ja Fuhr­mann seit ih­rem 17. Le­bens­jahr auf ei­nen Roll­stuhl an­ge­wie­sen. Hoff­nung auf Hei­lung gibt es nicht. „1995 lös­te ein Ze­cken­biss bei mir ei­ne Bor­re­lio­se aus, die zu ei­ner so­ge­nann­ten spas­ti­schen Qu­er­schnitts­läh­mung ge­führt hat. Zu­nächst tra­ten nur Läh­mungs­er­schei­nun­gen in mei­ner lin­ken Hand auf, mitt­ler­wei­le spü­re ich auch mei­ne Bei­ne nicht mehr“, er­zählt die Roll­stuhl­fah­re­rin oh­ne je­de Bit­ter­keit.

Sie möch­te ein nor­ma­les Le­ben trotz Be­hin­de­rung

Denn was für vie­le ein Grund zum Auf­ge­ben ge­we­sen wä­re, weck­te in der sport­li­chen Dun­ja Fuhr­mann den Kampf­geist. Sie will wei­ter ganz nor­mal am ge­sell­schaft­li­chen Le­ben teil­ha­ben: aus­ge­hen, Sport ma­chen, Au­to fah­ren – wie al­le an­de­ren eben auch. Mitt­ler­wei­le un­ter­stützt sie auch die „Ak­ti­on Mensch“mit ei­ner Kam­pa­gne, um das selbst­ver­ständ­li­che Mit­ein­an­der von Be­hin­der­ten und Nicht­be­hin­der­ten zu för­dern. Denn ge­nau so kam sie zu ih­rem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Hob­by: Ein Be­kann­ter ­er­zähl­te ihr vor fünf Jah­ren von ei­ner ­Klet­ter­grup­pe für Kin­der mit und oh­ne Be­hin­de­rung. Der Start­schuss. „Ich ha­be zwar kein Ge­fühl mehr in den Bei­nen, aber wenn ich mich fest­hal­ten kann, kann ich mich zu­min­dest auf ih­nen ab­stüt­zen“, er­klärt die ge­lern­te So­zi­al­ar­bei­te­rin.

End­lich braucht Dun­ja mal kei­nen Roll­stuhl

Die ers­ten Trai­nings­stun­den in der Klet­ter­hal­le sind den­noch sehr an­stren­gend für Dun­ja. „Ich muss­te mich ja an der Fels­wand fest­hal­ten und gleich­zei­tig mei­ne Bei­ne nach oben nach­zie­hen. Das er­for­dert viel Kraft und ein gu­tes Gleich­ge­wichts­ge­fühl.“Trotz­dem ist die da­mals 32-Jäh­ri­ge so­fort Feu­er und Flam­me für das Hob­by in luf­ti­ger Hö­he. „Ich war vor­her zwar schon sport­lich, ha­be zum Bei­spiel Roll­stuhl­ten­nis oder Hand­bi­ken aus­pro­biert, aber beim Klet­tern brauch­te ich end­lich mal kei­nen Roll­stuhl.“Denn ge­ra­de das stört sie, wie sie ver­rät: „Für die meis­ten Hob­bys brau­chen Roll­stuhl­fah­rer Ex­traHilfs­mit­tel, und für die Kos­ten müs­sen wir häu­fig selbst auf­kom­men. So müs­sen wir uns vie­les erst er­kämp­fen, was für an­de­re selbst­ver­ständ­lich ist.“

Doch Dun­ja weiß sich zu hel­fen: Da­mit sie ih­re Bei­ne nicht län­ger um­ständ­lich mit der Hand hoch­zie­hen muss, baut sie sich aus Hun­de­lei­nen ein­fach ein Klet­ter­ge­schirr. Da­mit muss sie nur noch an den Bän­dern zie­hen und dar­auf ach­ten, dass ih­re Bei­ne ­ei­nen fes­ten Stand ha­ben. „Ge­si­chert wer­de ich na­tür­lich trotz­dem, wie al­le an­de­ren Klet­te­rer auch“, er­klärt sie. Ob sie den­noch manch­mal Angst in ­luf­ti­ger Hö­he hat? „Im Ge­gen­teil! Beim Klet­tern füh­le ich mich ein­fach frei. Es ent­spannt mich, und ich ha­be da­durch mei­nen Kör­per ganz neu ent­deckt. An der Fels­wand nutzt man ja ganz an­de­re Mus­keln als im All­tag“, sagt die 37-Jäh­ri­ge und strahlt. Da­bei merkt man: Sie liebt das Klet­tern. Und wer ein­mal er­lebt hat, mit wel­cher Leich­tig­keit sich Dun­ja Fuhr­mann mit ih­ren mus­ku­lö­sen Ar­men an der Fels­wand in die Hö­he zieht, weiß so­fort: Die­se Frau hat ei­ne ex­tre­me Wil­lens­kraft und ge­nau das rich­ti­ge Hob­by für sich ent­deckt.

In der Klet­ter­hal­le fühlt Dun­ja sich längst zu Hau­se: „Hier kann ich ­ent­span­nen.“

Fer­tig ­ge­si­chert kann es ­los­ge­hen: Die Hand­grif­fe sit­zen

Um ih­re Bei­ne hoch­zie­hen zu kön­nen, hat sich Dun­ja ein ­spe­zi­el­les Ge­schirr ge­baut

Für die Roll­stuhl­fah­re­rin sind die rich­ti­gen Kno­ten für ei­ne per­fek­te Si­che­rung ex­trem wich­tig

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