124 Mil­lio­nen Men­schen welt­weit lei­den Hun­ger

Bergische Morgenpost Hueckeswagen - - Politik - VON JAN DREBES

Na­ta­scha Koh­nen kämpft. Ta­ten­lo­sig­keit kann ihr nie­mand vor­wer­fen. Die Spit­zen­kan­di­da­tin der Bay­ern-SPD ab­sol­viert drei Ta­ge vor der Land­tags­wahl noch ein­mal ex­tra vie­le Ter­mi­ne. Sie ist in den so­zia­len Netz­wer­ken prä­sent, lässt sich für ei­nen kur­zen Wahl­wer­be­clip in ei­nem Dö­ner­la­den beim Sa­latschnei­den fil­men, ver­mit­telt da­bei die po­si­ti­ve Ge­schich­te baye­ri­scher In­te­gra­ti­ons­kul­tur, ist abends im Bier­kel­ler und am nächs­ten Mor­gen im Früh­stücks­fern­se­hen. Doch die Um­fra­gen ken­nen nur ei­ne Rich­tung: ab­wärts.

Schon seit Jahr­zehn­ten sieht es bei baye­ri­schen Land­tags­wah­len übel aus für die Ge­nos­sen. Der ein­zi­ge so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Bay­erns hieß Wil­helm Ho­eg­ner. 1957 en­de­te des­sen zwei­te Amts­zeit, seit­dem re­giert die CSU un­un­ter­bro­chen. Aber so schlimm wie heu­te war es für die So­zi­al­de­mo­kra­ten noch nie am Al­pen­rand. Bei zehn bis ma­xi­mal 13 Pro­zent se­hen die De­mo­sko­pen die SPD so kurz vor der Wahl. Und selbst ein ein­stel­li­ges Er­geb­nis wird für Sonn­tag nicht mehr aus­ge­schlos­sen. Da­mit könn­te die SPD fünfts­tärks­te Kraft wer­den. Hin­ter CSU, Grü­nen, AfD und Frei­en Wäh­lern wür­de sie de fac­to in der Be­deu­tungs­lo­sig­keit ver­schwin­den – je nach­dem, wel­che Ko­ali­ti­ons­op­tio­nen die CSU nach der Wahl hat, ver­steht sich.

Doch war­um schei­nen all die Mü­hen der Na­ta­scha Koh­nen nicht zu fruch­ten? Ist die un­be­lieb­te Bun­des­re­gie­rung von Uni­on und SPD schuld an al­lem? Oder liegt es viel­leicht auch an Koh­nen selbst? Die Ant­wor­ten sind ir­gend­wo in ei­ner Mi­schung all des­sen zu fin­den.

Denn na­tür­lich hat die teils schwer ver­mit­tel­ba­re Bun­des­po­li­tik ih­ren An­teil an Koh­nens dro­hen­dem Un­ter­gang. Per qua­si öf­fent­li­chem Brief be­gehr­te Koh­nen ge­gen die Zu­stim­mung von Par­tei­che­fin Andrea Nah­les zur ge­plan­ten Be­för­de­rung von Ver­fas­sung­schutz­chef Hans-Ge­org Maa­ßen zum Staats­se­kre­tär in Horst See­ho­fers In­nen­mi­nis­te­ri­um auf. Nah­les muss­te zu­rück­ru­dern und Feh­ler ein­räu­men, doch die Image­ka­ta­stro­phe war da. Die Kor­rek­tur konn­te das Bild ei­ner selbst­ge­rech­ten Po­li­ti­ker­kas­te oh­ne Draht zum Wäh­ler nicht mehr aus­ra­die­ren.

Und über­haupt ging schon bei der Kehrt­wen­de der SPD und ih­rem Ein­tritt in die zu­vor ei­gent­lich aus­ge­schlos­se­ne gro­ße Ko­ali­ti­on viel Ver­trau­en ver­lo­ren. Ge­nau zu der Zeit wur­de Koh­nen ins Prä­si­di­um ih­rer Par­tei ge­wählt. Sie trug die teils schwie­ri­ge Ar­gu­men­ta­ti­on für ein wei­te­res Bünd­nis mit der Uni­on mit. Ein Fan war sie je­doch nie.

Hin­zu kommt ein struk­tu­rel­les Pro­blem der Ge­nos­sen in Bay­ern. Meist lie­gen ih­re Zu­stim­mungs­wer­te rund zehn Punk­te hin­ter dem Bun­des­trend, wo an­ge­sichts der der­zeit aus­ge­ge­be­nen 15 Pro­zent eben­falls Alarm­stu­fe Rot herrscht. Ab­ge­se­hen von den baye­ri­schen Me­tro­po­len, die fast aus­schließ­lich von So­zi­al­de­mo­kra­ten re­giert wer­den, kann die SPD in Bay­ern schon seit Lan­gem nicht mehr auf Er­fol­ge zu­rück­schau­en.

Die Kan­di­da­tin Koh­nen trägt da­für auch Ver­ant­wor­tung. Sie gilt als eher still, be­däch­tig, freund­lich, ab­wä­gend – bö­se Zun­gen wür­den harm­los sa­gen. Und das mit ei­ner pol­tern­den CSU und ei­nem stets breit­bei­nig auf­tre­ten­den Mar­kus Sö­der vor der Na­se. Ge­ra­de des­we­gen setz­ten Koh­nens Wahl­kampf­stra­te­gen auf ei­nen Ge­gen­ent­wurf und lie­ßen Be­grif­fe wie „An­stand“mit ei­nem Fo­to der 50-Jäh­ri­gen pla­ka­tie­ren. Doch auch in Ber­lin wur­de es scharf kri­ti­siert, dass Koh­nen die Chan­ce nicht nutz­te, die CSU im Som­mer vor sich her­zu­trei­ben, als die sich in dem weit­hin als ab­surd wahr­ge­nom­me­nen Asyl­streit ver­rann­te. Es wä­re ei­ne Ge­le­gen­heit für die SPD ge­we­sen, in die Of­fen­si­ve zu kom­men. Koh­nen, so heißt Ge­mein­sam Im ARD-„Deutsch­land­trend“ist die gro­ße Ko­ali­ti­on auf ein Re­kord­tief ge­rutscht. Uni­on und So­zi­al­de­mo­kra­ten kom­men in der Sonn­tags­fra­ge zu­sam­men nur noch auf 41 Pro­zent.

Al­lein Die Uni­on fährt mit 26 Pro­zent das schlech­tes­te Er­geb­nis seit Ein­füh­rung des „Deutsch­land­trends“im Jahr 1997 ein. Das glei­che gilt für die SPD mit 15 Pro­zent. Die Grü­nen kä­men auf 17 Pro­zent, die AfD auf 16. Für Lin­ke und FDP schlü­gen je­weils zehn Pro­zent zu Bu­che. es selbst im Wil­ly-Brandt-Haus, fehl­te da­für aber wohl die nö­ti­ge Kalt­schnäu­zig­keit. Und so kommt es, dass ihr be­reits ein Wahl­de­sas­ter zu­ge­rech­net wird.

Gleich­zei­tig ma­chen sich Par­tei­lin­ke an die­sem Wo­che­n­en­de Ge­dan­ken, wie die SPD den gna­den­los ab­rut­schen­den Um­fra­ge­wer­ten et­was ent­ge­gen­set­zen kann. Sie se­hen in der So­zi­al­po­li­tik ein Ge­gen­re­zept und ein Al­lein­stel­lungs­merk­mal der SPD. Die Uni­on und die AfD wür­den sich an der In­nen- und Flücht­lings­po­li­tik ab­ar­bei­ten (selbst wenn sich die Rechts­po­pu­lis­ten mitt­ler­wei­le auch Ar­bei­ter­par­tei nen­nen), die Grü­nen hät­ten ja die Um­welt, die Li­be­ra­len ih­re ewi­gen Ide­en von Steu­er­sen­kun­gen, und die Lin­ken wür­den es mit der Um­ver­tei­lung doch über­trei­ben.

Da­bei plant die Trup­pe um Par­tei­vi­ze Ralf Steg­ner und Mat­thi­as Miersch, Chef der mäch­ti­gen Par­la­men­ta­ri­schen Lin­ken, so­wie Ju­so-Chef Ke­vin Küh­nert und SPD-Links­au­ßen Hil­de Matt­heis ein ra­di­kal an­de­res So­zi­al­staats­kon­zept, das in Tei­len auch der Link­s­par­tei zu Ge­sicht stün­de. Freu­dig ver­nah­men sie Nah­les’ Äu­ße­run­gen, dass dieVor­sit­zen­de von der Agen­da 2010 ab­keh­ren will, Plä­ne für ei­nen „So­zi­al­staat 2025“an­kün­dig­te und ein­mal mehr die Ko­ali­ti­on an­zähl­te. „Der Vor­stoß von Andrea Nah­les zeigt, dass wir die So­zi­al­staats­de­bat­te nicht rück­wärts­ge­wandt füh­ren wol­len“, sag­te Steg­ner. An die Stel­le von Hartz IV soll­te ein Sys­tem tre­ten, das ein Le­ben oh­ne Exis­tenz­ängs­te er­mög­li­che.

Ele­men­te der So­zi­al­re­form könn­ten ein sank­ti­ons­frei­es Exis­tenz­mi­ni­mum, ei­gen­stän­di­ge Kin­der­grund­si­che­rung, um Kin­der­ar­mut zu über­win­den, Hil­fen für Al­lein­er­zie­hen­de, stei­gen­de Min­dest­löh­ne von min­des­tens zwölf Eu­ro, ein so­li­da­ri­sches Grund­ein­kom­men mit So­zi­al­ver­si­che­rungs­pflicht für Lang­zeit­ar­beits­lo­se so­wie ge­büh­ren­freie Bil­dung und ei­ne Wei­ter­bil­dungs­ga­ran­tie sein.

An der Ba­sis könn­te das gut an­kom­men, wenn das Trau­ma der Agen­da-Po­li­tik über­wun­den ist. Doch bis da­hin müs­sen die Ge­nos­sen noch ei­ni­ge Kom­pro­mis­se mit der Uni­on ver­kau­fen. Fol­gen sie da­bei wei­ter der Stra­te­gie, nach je­dem noch so po­si­ti­ven Be­schluss die Lü­cken zu be­to­nen, die mit der Uni­on nicht zu ma­chen wa­ren, könn­te die­se Zu­stim­mung aber wei­ter aus­blei­ben. Und Koh­nen dürf­te all das nicht mehr hel­fen.

(epd) Die Zahl der Hun­gern­den und Un­ter­ernähr­ten welt­weit ist auf 821 Mil­lio­nen Men­schen ge­stie­gen. Von ih­nen lei­den nach An­ga­ben der Deut­schen Welt­hun­ger­hil­fe et­wa 124 Mil­lio­nen un­ter aku­tem Hun­ger. Das sei ein mar­kan­ter An­stieg ge­gen­über den 80 Mil­lio­nen akut Hun­gern­den vor zwei Jah­ren, heißt es im Welt­hun­ger-In­dex 2018 (WHI). Die höchs­ten Hun­ger­wer­te gibt es wei­ter­hin in Afri­ka süd­lich der Sa­ha­ra.

Ent­wick­lungs­mi­nis­ter Gerd Mül­ler (CSU) be­zeich­ne­te es als Skan­dal, dass die Zahl der Hun­gern­den seit drei Jah­ren wie­der stei­ge. „Denn un­ser Pla­net hat Po­ten­zi­al, al­le Men­schen zu er­näh­ren“, un­ter­strich der Mi­nis­ter. Das Wis­sen und die Tech­no­lo­gie für ei­ne Welt oh­ne Hun­ger sei­en vor­han­den. Im­mer häu­fi­ger sei­en aber ge­walt­sa­me Kon­flik­te der Grund für Hun­ger.

Be­son­ders stark sind dem Welt­hun­ger-In­dex zu­fol­ge nach wie vor Kin­der von Hun­ger und Un­ter­ernäh­rung be­trof­fen: Rund 151 Mil­lio­nen Kin­der welt­weit wie­sen Wachs­tums­ver­zö­ge­run­gen auf, 51 Mil­lio­nen Kin­der lit­ten un­ter Aus- zeh­rung. Der Trend ge­he in die fal­sche Rich­tung, sag­te der WHI-Ex­per­te Klaus von Greb­mer.

Die welt­wei­ten In­dex-Wer­te zur Hun­ger­si­tua­ti­on sei­en al­ler­dings im Durch­schnitt von 29,9 im Jahr 2000 auf der­zeit 20,9 ge­sun­ken, sag­te von Greb­mer. Das ent­spre­che ei­nem Rück­gang um 28 Pro­zent. Auch die Kin­der­sterb­lich­keit ha­be sich im glei­chen Zei­t­raum hal­biert.

In 51 der 119 un­ter­such­ten Län­der sind die Wer­te ernst oder sehr ernst und in ei­nem Staat, der Zen­tral­afri­ka­ni­schen Re­pu­blik mit ei­nem Wert von 53,7, gra­vie­rend. 45 Län­der wei­sen erns­te Hun­ger­wer­te auf, dar­un­ter die Mehr­heit der afri­ka­ni­schen Staa­ten und Staa­ten in Süd­ost­asi­en wie Af­gha­nis­tan, Pa­kis­tan, Myan­mar, Nord­ko­rea oder In­di­en.

In die Be­rech­nung des Welt­hun­ger-In­dex flie­ßen den An­ga­ben zu­fol­ge die vier In­di­ka­to­ren Un­ter­ernäh­rung, Aus­zeh­rung bei Kin­dern, Wachs­tums­ver­zö­ge­run­gen bei Kin­dern und Kin­der­sterb­lich­keit ein. Auf ei­ner 100-Punk­te-Ska­la ist 0 (kein Hun­ger) der bes­te und 100 der schlech­tes­te Wert.

„Un­ser Pla­net hat Po­ten­zi­al, al­le Men­schen zu er­näh­ren“Gerd Mül­ler (CSU) Ent­wick­lungs­mi­nis­ter

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