„Sü­ßes und Sau­res ge­recht ver­tei­len“

Bergische Morgenpost Radevormwald - - POLITIK - GRE­GOR MAYNTZ FÜHR­TE DAS GE­SPRÄCH.

Der FDP-Chef über den Stand der Son­die­run­gen und sei­nen Re­spekt vor dem neu­en Rea­lis­mus bei Grü­nen-Un­ter­händ­ler Jür­gen Trit­tin.

BER­LIN Zwi­schen zwei Son­die­rungs­run­den über Ja­mai­ka fin­det FDPChef Chris­ti­an Lind­ner am Mit­tag Zeit für ein Ge­spräch. Er will „Ja­mai­ka“durch „Klee­blatt“er­set­zen. Ge­fun­den ha­ben CDU, CSU, FDP und Grü­ne ihr Glück aber noch nicht. Sie kom­men ge­ra­de von den Son­die­run­gen zu Bil­dung und Di­gi­ta­lem – Schwer­punk­te Ih­res Wahl­kamp­fes. Kön­nen Sie Er­fol­ge mel­den? LIND­NER Es gibt ein ge­mein­sa­mes Ver­ständ­nis, dass Bil­dung neue Prio­ri­tät be­kom­men und dass Deutsch­land die Di­gi­ta­li­sie­rung mit mehr Tem­po an­ge­hen muss. Un­se­re An­re­gung ist da­bei, das le­bens­be­glei­ten­de Ler­nen zu för­dern und neu zu or­ga­ni­sie­ren, um den Men­schen Si­cher­heit im Wan­del zu ge­ben. Das ist die bes­te Ant­wort auf Angst vor Ar­beits­lo­sig­keit. Un­ei­nig sind wir uns beim Bil­dungs­fö­de­ra­lis­mus. Wir wol­len mehr Ver­gleich­bar­keit und ge­samt­staat­li­che Fi­nan­zie­rung, das wird bei der Uni­on tra­di­tio­nell an­ders ge­se­hen. Wo hakt es bei den an­de­ren The­men be­son­ders? LIND­NER Gro­ße Un­ter­schie­de ha­ben wir wei­ter­hin bei Ener­gie und Ein­wan­de­rung. Die FDP be­kennt sich zum Kli­ma­schutz. Aber wir ha­ben die Fra­ge, wie die CO2-Ein­spar­zie­le für das Jahr 2020 oh­ne so­zia­le Här­ten und oh­ne Ver­lust an Ver­sor­gungs­si­cher­heit er­reicht wer­den sol­len. Da geht es nicht um Po­li­tik, son­dern um Phy­sik. Die CSU sieht die Son­die­run­gen erst am An­fang; man sei noch beim Stu­di­um der Rei­se­ka­ta­lo­ge. LIND­NER Tat­säch­lich ste­hen wir noch vor not­wen­di­gen Klä­run­gen. Für die FDP ist zum Bei­spiel klar, dass Deutsch­land ei­ne an­de­re Ein­wan­de­rungs­po­li­tik be­kom­men muss. Das ist die Bot­schaft des Er­geb­nis­ses der Bun­des­tags­wahl. Wir ha­ben mit Re­spekt die Be­we­gung bei CDU und CSU wahr­ge­nom­men. Was die Uni­on als ih­ren Kom­pro­miss zur Ord­nung in der Ein­wan­de­rung vor­ge­stellt hat, ent­spricht an vie­len Stel­len dem, was wir vor der Wahl ge­for­dert ha­ben. Für Flücht­lin­ge wol­len wir die Zeit des Auf­ent­halts je­doch kla­rer be­gren­zen, die Hür­den für qua­li­fi­zier­te Ein­wan­de­rer wä­ren bei den Ide­en der Uni­on nach un­se­ren Vor­stel­lun­gen zu­dem noch zu bü­ro­kra­tisch. Die größ­ten Un­ter­schie­de se­he ich aber un­ver­än­dert zu den Grü­nen. Al­so ein Ap­pell an die Grü­nen, sich hier zu be­we­gen? LIND­NER Die Grü­nen ver­tre­ten ins­be­son­de­re beim Fa­mi­li­en­nach­zug Po­si­tio­nen, für die sie bei der gro­ßen Mehr­heit der Be­völ­ke­rung ge­gen­wär­tig kei­ne Ak­zep­tanz fin­den. Deutsch­land ist an der Gren­ze des­sen, was die Mehr­heit an hu­ma­ni­tä­rer Hil­fe be­reit­stel­len will. Wir sind zu­dem an der Gren­ze des­sen, was an In­te­gra­ti­on, et­wa in Schu­len und beim Wohn­raum, ge­leis­tet wer­den kann. Rea­lis­mus kann man kei­ner Ko­ali­ti­ons­be­reit­schaft op­fern. CDU-Staats­se­kre­tär Jens Spahn legt das En­de der Ren­te mit 63 vor. Wie se­hen Sie das? LIND­NER Span­nen­der wä­re doch zu wis­sen, wie die CDU da­zu steht. Wir ha­ben die Ren­te mit 63 stets kri­tisch ge­se­hen, weil wir ein an­de­res Ren­ten­sys­tem mit mehr Fle­xi­bi­li­tät wol­len. Be­kom­men Sie das mit den Son­die­rungs­part­nern hin? LIND­NER Da­für ist es noch zu früh. Wir wol­len Fle­xi­bi­li­tät statt Still­le- gungs­prä­mi­en für hoch­qua­li­fi­zier­te Fach­kräf­te. Die Men­schen sol­len selbst be­stim­men, wann sie in den Ru­he­stand ein­tre­ten und wel­che neu­en Be­schäf­ti­gungs­for­men sie wol­len. Na­tür­lich kann ein Dach­de­cker mit Mit­te 60 nicht mehr auf dem Dach ste­hen, aber er kann wei­ter aus­bil­den, wenn er das möch­te. Wir müs­sen dar­über spre­chen, was für die Men­schen at­trak­tiv ist. In NRW gibt es Schwarz-Gelb, in Hes­sen Schwarz-Grün, in Schles­wi­gHol­stein Schwarz-Gelb-Grün. Hilft das für er­folg­rei­che Ge­sprä­che? LIND­NER Auf der Bun­des­ebe­ne geht es um ganz an­de­re Fra­gen. We­der in Düs­sel­dorf noch in Wies­ba­den oder in Kiel wird über die wei­te­re Ent­wick­lung der Eu­ro­päi­schen Uni­on ent­schie­den. Das aber ist ein Schlüs­selthe­ma für die Son­die­run­gen. Die FDP möch­te, dass wir die Chan­ce, die sich mit der Wahl von Em­ma­nu­el Ma­cron in Frank­reich er­ge­ben hat, nun ak­tiv nut­zen. Bei­spiels­wei­se soll­ten wir für die Streit­kräf­te ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung fin­den. Das ist der po­si­ti­ve Ne­ben­ef­fekt des Br­ex­it: Die Brem­ser der ver­stärk­ten Si­cher­heits-Zu­sam­men­ar­beit sind weg. Jetzt kön­nen wir her­an­ge­hen an die Stär­kung von Eu­ro­pol zur Kri­mi­na­li­täts­be­kämp­fung und an neue Ver­tei­di­gungs­struk­tu­ren. Da­für gibt es gro­ße Ge­mein­sam­kei­ten un­ter den Ver­hand­lern. Auch beim Geld? LIND­NER Uns geht es um die fi­nanz­po­li­ti­sche Ei­gen­ver­ant­wor­tung je­des Staats. Wir wol­len ger­ne In­ves­ti­tio­nen im Eu­ro-Raum er­leich­tern. Falls da­für Geld fehlt, kön­nen wir dar­über spre­chen. Aber ge­mein­sa­me Haf­tung, ge­mein­sa­me Ri­si­ken, egal ob bei den Staats­schul­den oder den Ein­la­gen un­se­rer Spar­kas­sen, Volks­ban­ken oder pri­va­ten Ban­ken, da gibt es für die FDP kei­ne Be­we­gungs­mög­lich­keit. Was kris­tal­li­siert sich als zen­tra­le Bot­schaft ei­ner Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on her­aus? LIND­NER Da­zu ist es zu früh. Nach der gro­ßen Ko­ali­ti­on müss­te aber die Zeit der Ver­wal­tung des Sta­tus quo be­en­det wer­den. Dar­in stim­men wir mit den Grü­nen über­ein, aber die Rich­tung der Ve­rän­de­rung ist noch nicht die­sel­be. Mot­to von Ja­mai­ka wä­re „Deutsch­land neu gestal­ten“? LIND­NER Das weiß ich nicht. Aber je­de neue Re­gie­rung müss­te sich auf die­sen Kurs be­ge­ben, denn die Re­form­ef­fek­te der Agen­da 2010 sind ver­braucht und müs­sen er­neu­ert wer­den. Ich hal­te üb­ri­gens we­nig von die­ser Ja­mai­ka-Me­ta­pher. Be­son­ders, wenn man sich die wirt­schaft­li­chen Kenn­zah­len des In­sel­staats an­schaut. Ich be­vor­zu­ge das Klee­blatt: Vier­blätt­ri­ge Klee­blät­ter sind sel­ten, aber wenn man sie fin­det, ein Glücks­fall. Nach so vie­len St­un­den mit den­sel­ben Ver­hand­lern – wem möch­ten Sie an Hal­lo­ween Sü­ßes, wem Sau­res ge­ben? LIND­NER Man fährt gut da­mit, Sü­ßes und Sau­res ge­recht zu ver­tei­len. Wir ha­ben zu je­dem aus den an­de­ren

Er ist ein pro­fes­sio­nel­ler Ver­hand­ler. Bei der Not­wen­dig­keit ei­ner fi­nan­zi­el­len Ent­las­tung der Mit­te und dem Ver­zicht auf Schul­den ist er nicht rest­los über­zeugt. An­de­rer­seits hat er die For­de­rung des lin­ken Flü­gels der Grü­nen nach Ver­mö­gen- und mehr Erb­schaft­steu­er gar nicht vor­ge­bracht. Ich schät­ze die­sen neu­en Rea­lis­mus. Wenn Sie En­de der Wo­che ei­nen Schluss zie­hen: Kann es ge­lin­gen? LIND­NER Der­zeit wer­den un­se­re Ge­sprä­che ge­prägt von Ober­sät­zen, un­ter die wir schrei­ben, um wel­che The­men es im Ein­zel­nen geht. In der ers­ten Pha­se sind wir noch gar nicht an die Lö­sung von Kon­flik­ten her­an­ge­kom­men. Des­halb se­he ich die Chan­ce für Ja­mai­ka im­mer noch bei fif­ty-fif­ty. Es läuft zwar at­mo­sphä­risch bes­ser und kon­struk­tiv und an man­cher Stel­le auch mit ge­mein­sa­men Über­zeu­gun­gen, aber ob die un­ter­schied­li­chen Pro­gram­me und der teils wi­der­sprüch­li­che Wäh­ler­wil­le zu­sam­men­ge­baut wer­den kön­nen, wird auch am En­de die­ser Wo­che end­gül­tig noch nicht zu se­hen sein.

FO­TO: DPA

Chris­ti­an Lind­ner ges­tern in Ber­lin auf dem Weg zu Son­die­rungs­ge­sprä­chen mit der

Uni­on und den Grü­nen.

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