„Tschüss, Ma­ma, ich bin dann weg“

Bergische Morgenpost Remscheid - - NORDRHEIN-WESTFALEN -

Vor 15 Mo­na­ten wur­de die Lei­che des 20-jäh­ri­gen Phil­ipp Bä­cker aus dem Rhein ge­zo­gen. Für die Po­li­zei war es Sui­zid. Sei­ne Mut­ter will das nicht glau­ben.

gen­be­sat­zung den Ein­satz­auf­trag, zu Frau F. zu fah­ren. Sie ist die Ex­Freun­din des 20-Jäh­ri­gen. Sie hat sich bei der Po­li­zei ge­mel­det, weil sie sich Sor­gen um Phil­ipp ma­che, da er ihr in der Nacht meh­re­re Nach­rich­ten mit Selbst­mord­ab­sich­ten ge­schickt ha­be. Ge­gen 6 Uhr schellt die Po­li­zei bei Aria­ne Bä­cker und fragt, ob ihr Sohn zu Hau­se sei. Er wer­de ver­misst und ha­be ei­ne Ab­schieds-Whats-App ge­schrie­ben. „Tja, ich bin so un­wich­tig, dass noch nicht mal je­mand das ge­le­sen hat ... Das sagt ja al­les über mich aus ... In­for­miert bit­te mei­ne Mut­ter ...“, heißt es in der Nach­richt. Dann folgt nur noch ein „Tschüss“mit meh­re­ren wei­nen­den Smi­leys. Die 56-Jäh­ri­ge will das nicht hö­ren. „Das hat mein Sohn nicht ge­schrie­ben. Das brau­chen Sie mir gar nicht wei­ter vor­le­sen“, sagt sie zu den Po­li­zis­ten.

Aria­ne Bä­cker

Die Po­li­zei spricht mit al­len, die mit Phil­ipp in der Dis­ko ge­we­sen sind. Die Freun­de ma­chen zum Teil un­ter­schied­li­che An­ga­ben zum Ver­lauf des Abends. Phil­ipps Ex-Freun­din be­rich­tet den Be­am­ten, Phil­ipp ha­be viel Al­ko­hol ge­trun­ken. Und sie ha­be ihn im Lau­fe des Abends aus den Au­gen ver­lo­ren. Sie selbst sei bis 5 Uhr in der Dis­ko ge­blie­ben. Erst dann ha­be sie Phil­ipps Nach­rich­ten ge­le­sen, weil sie ihr Han­dy in der Ja­cke in der Gar­de­ro­be ge­las­sen hät­te. Aus den Chat­pro­to­kol­len, die un­se­rer Re­dak­ti­on vor­lie­gen, geht her­vor, dass die letz­te Nach­richt von Phil­ipp an sie um 4.22 Uhr ge­sen­det wor­den ist. Zu­letzt on­li­ne ist er dem­nach um 4.23 Uhr ge­we­sen. Ih­re Zeu­gen­ver­neh­mung en­det mit dem Satz: „In letz­ter Zeit wirk­te er et­was trau­rig, da er kei­ne neue Be­zie­hung in Aus­sicht hat­te.“

Die Po­li­zis­ten fra­gen auch bei Phil­ipps bes­tem Freund nach, der eben­falls mit in der Dis­ko ge­we­sen ist. Die­ser gibt an, Phil­ipp ha­be sich an je­nem Abend le­bens­froh ver­hal- ten. Sui­zidab­sich­ten ha­be er nicht be­kun­det. Nicht in die­ser Nacht. Und auch sonst nie. Ein wei­te­rer Freund macht ei­ne ähn­li­che Zeu­gen­aus­sa­ge. Er will Phil­ipp so­gar noch um 4 Uhr ge­se­hen ha­ben in der Dis­ko – und das zu­sam­men mit sei­ner Ex-Freun­din. Phil­ipp sei zu die­sem Zeit­punkt gut drauf ge­we­sen; nichts ha­be dar­auf hin­ge­deu­tet, dass er sich et­was an­tun könn­te, gibt er zu Protokoll. Die Kas­sie­re­rin ist wohl die letz­te Per­son im „Ba­by­doll“, die ihn ge­se­hen hat. Sie sagt der Po­li­zei, dass sie sich gut an ihn er­in­nern kön­ne und er die Dis­ko ge­gen 4.30 Uhr ver­las­sen und 19,50 Eu­ro an der Kas­se be­zahlt ha­be. Ei­nen be­trun­ke­nen Ein­druck ha­be er auf sie nicht ge­macht.

Ei­ne Or­tung von Phil­ipps Han­dy er­gibt, dass es in der be­sag­ten Nacht letzt­ma­lig im Be­reich des We­seler Ha­fen ein­ge­schal­tet ge­we­sen ist. Dar­um wird ver­mu­tet, er könn­te in den Rhein ge­sprun­gen sein. Ei­ne Su­che mit Hub­schrau­ber und Spür­hun­den be­ginnt. „Al­le Or­te, wo Phil­ipp noch hin­ge­gan­gen sein könn­te, sind wir durch­ge­gan­gen“, sagt sei­ne Mut­ter. Ei­ne Ver­miss­ten­an­zei­ge wird auf­ge­ge­ben, sein Foto ver­öf­fent­licht. Die öf­fent­li­che An­teil­nah­me ist groß. Bei der Po­li­zei mel­den sich Leu­te, die ihn ge­se­hen ha­ben wol­len. In ei­nem Bus in Mo­ers. Und in Dort­mund in der In­nen­stadt. Doch er bleibt ver­schwun­den.

Für Aria­ne Bä­cker sind es die schlimms­ten Ta­ge ih­res Le­ben. Die Un­ge­wiss­heit. Die Ohn­macht. Je mehr Ta­ge ver­ge­hen, des­to mehr schwin­det die Hoff­nung, ihn le­bend zu fin­den. Dann steht die Po­li­zei er­neut vor ih­rer Tür. „Ich war ge­lähmt vor Schmerz. Aber ich wuss­te zu die­sem Zeit­punkt schon, dass mein Sohn tot ist“, sagt sie. „Ei­ne Mut­ter hat so et­was im Ge­fühl.“

Phil­ipp ist drei Jah­re alt, als sei­ne El­tern sich schei­den las­sen. Er wächst bei sei­ner Mut­ter in We­sel auf. In ei­nem ge­räu­mi­gen Haus mit gro­ßem Gar­ten. Phil­ipp mag Star Wars und Mo­tor­sport. „Es gab zwi­schen uns nie Pro­ble­me. Wir stan­den im­mer in ei­nem en­gen Kon­takt zu­ein­an­der“, sagt die 56-Jäh­ri­ge. Zu­sam­men grün­den sie ei­ne klei­ne Fir­ma. Sie ver­kau­fen Gar­ten­fi­gu­ren. Er en­ga­giert sich bei der Na­tur­schutz­ju­gend in We­sel. Sitzt dort so­gar im Vor­stand. An der Uni­ver­si­tät Bochum stu­diert Phil­ipp Bio­lo­gie. „Dort woll­te er sich im Ja­nu­ar 2017 auch ein Zim­mer neh­men“, sagt sei­ne Mut­ter. Kurz vor sei­nem Tod soll er sich noch über ei­ne gu­te No­te in ei­ner Klau­sur ge­freut ha­ben.

Am Vor­mit­tag je­nes Tages im No­vem­ber, ehe er mit Freun­den fei­ern geht, be­sucht er ei­nen Ers­te-Hil­feKur­sus des Ro­ten Kreu­zes. „Macht je­mand so et­was, wenn er sich um­brin­gen möch­te?“, fragt Bä­cker. In ih­rer Ver­neh­mung sagt sie, sie ha­be aus dem Ver­hal­ten ih­res Soh­nes in den Ta­gen vor sei­nem Tod kei­ne Hin­wei­se auf ei­nen sich an­bah­nen­den Sui­zid er­hal­ten. Viel­mehr wä­re ihr Sohn aus­ge­gli­chen ge­we­sen. Sein Va­ter, der in Rem­scheid lebt, gibt bei der Po­li­zei an, sein Sohn ha­be am Nach­mit­tag vor sei­nem Ver­schwin­den ver­sucht, ihn auf dem Han­dy zu er­rei­chen. Beim Rückruf sei er nicht ran­ge­gan­gen. Statt­des­sen er­hält er ei­ne Nach­richt sei­nes Soh­nes: „Sor­ry, mein Han­dy spielt ge­ra­de to­tal ver­rückt.“Da­nach geht nur noch die Mail­box an.

Bei der Ob­duk­ti­on der Lei­che fin­den sich kei­ne Hin­wei­se auf Ge­walt­ein­wir­kun­gen, die zum Tod hät­ten füh­ren kön­nen. Ei­ne ein­deu­ti­ge To­des­ur­sa­che, so heißt es in dem Be­richt, sei auf­grund des Zu­stan­des der Lei­che al­ler­dings nicht mehr

„Ich war ge­lähmt vor

Schmerz. Aber ich wuss­te zu die­sem Zeit­punkt schon, dass mein

Sohn tot ist“

fest­zu­stel­len ge­we­sen. For­mal blie­ben To­des­ur­sa­che und To­des­art nach der Ob­duk­ti­on un­ge­klärt. Die Be­fun­de deu­te­ten aber auf ei­nen Tod durch Er­trin­ken hin. Phil­ipps Blut wird nicht auf Al­ko­hol­spu­ren und che­mi­sche Sub­stan­zen un­ter­sucht. Ein un­be­frie­di­gen­des Er­geb­nis, fin­det Aria­ne Bä­cker. „Viel­leicht hat je­mand mei­nem Sohn heim­lich Dro­gen ver­ab­reicht. Und ihm ist des­halb et­was zu­ge­sto­ßen“, sagt sie. Schließ­lich sei die Cli­que an dem Abend in ei­nem ein­schlä­gig be­kann­ten Lo­kal ge­we­sen.

Die 56-Jäh­ri­ge schreibt der Po­li­zei und der Staats­an­walt­schaft mehr­fach sei­ten­lan­ge Brie­fe, in der sie ih­re Be­den­ken schil­dert und um ei­ne Un­ter­su­chung des Blu­tes ih­res Soh­nes bit­tet – oh­ne Er­folg. Sie klam­mert sich an je­den noch so klei­nen Stroh­halm – im­mer in der Hoff­nung, das ent­schei­den­de In­diz zu fin­den, das be­stä­tigt, dass ihr Sohn kei­nen Sui­zid be­gan­gen hat. Auch die Ab­schieds-Whats-App zählt da­zu. Der Stil sei für ei­ne Nach­richt ih­res Soh­nes sehr un­ge­wöhn­lich. Un­voll­ende­te Sät­ze. Zu vie­le Recht­schreib­feh­ler. Ge­gen­über der Po­li­zei äu­ßert sie den Ver­dacht, je­mand an­de­res könn­te die Nach­rich­ten ver­fasst ha­ben. Die Er­mitt­ler fin­den da­für kei­ne Hin­wei­se. Zu Hau­se in der Tief­kühl­tru­he be­wahrt sie die Klei­dungs­stü­cke auf, die ihr Sohn an­ge­habt hat, als man ihn ge­fun­den hat. Der Pri­vat­de­tek­tiv ha­be ihr da­zu ge­ra­ten. Mög­li­che Spu­ren wür­den so kon­ser­viert.

Die Po­li­zei bie­tet Aria­ne Bä­cker psy­cho­lo­gi­sche Hil­fe und Be­treu­ung an. Sie lehnt ab. Je­des Jahr neh-

Aria­ne Bä­cker men sich in Deutsch­land rund 10.000 Men­schen das Le­ben. Zwi­schen 600 und 700 da­von sind Her­an­wach­sen­de. Da­mit ist die Selbst­tö­tung ei­ne der häu­figs­ten To­des­ur­sa­chen von Ju­gend­li­chen. „Es ist aus Sicht von Frau Bä­cker nach­voll­zieh­bar, dass sie al­les un­ter­nimmt, um ei­nen Sui­zid ih­res Soh­nes zu wi­der­le­gen. Für El­tern ist es im­mer schwer und un­be­greif­lich, wenn das Kind sich das Le­ben ge­nom­men hat“, sagt ein Er­mitt­ler der Po­li­zei, der aber nicht mit dem Fall be­traut ist. „Frau Bä­ckers Be­stre­bun­gen lie­gen wahr­schein­lich auch in der noch lan­ge nicht be­wäl­tig­ten Trau­er be­grün­det.“

An der pro­vi­so­ri­schen Ge­denk­stät­te am We­seler Rhein­ufer liegt ein Kon­do­lenz­buch aus. „Er­in­ne­run­gen, die un­ser Herz be­rüh­ren, ge­hen nie­mals ver­lo­ren“, hat je­mand hin­ein­ge­schrie­ben. Min­des­tens je­den zwei­ten Tag kommt die 56-Jäh­ri­ge dort­hin, um fri­sche Blu­men nie­der­zu­le­gen und Ker­zen an­zu­zün­den. Sie selbst ha­be die Stät­te nicht an­ge­legt. Sie weiß auch nicht, wer es ge­we­sen ist. Aber sie ist dem­je­ni­gen da­für un­end­lich dank­bar. Denn dort füh­le sie sich ganz nah bei ih­rem Sohn, sagt sie. Oft denkt sie dort an die ge­mein­sa­men Mo­men­te zu­rück. Und an den Abend, als er mit sei­nen Freun­den zum Fei­ern ge­gan­gen ist. „Er sag­te zu mir: ,Tschüss, Ma­ma, ich bin dann weg’.“

„Viel­leicht hat je­mand mei­nem Sohn heim­lich Dro­gen ver­ab­reicht. Und ihm ist des­halb et­was zu­ge­sto­ßen“

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