Ein-Eu­ro-Jobs für Flücht­lin­ge flop­pen

Kom­mu­nen: Pro­gramm geht an Rea­li­tät vor­bei – Pro­ble­me auch in Nie­der­sach­sen

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Clau­dia Scholz

100 000 Ein-Eu­ro-Jobs für Flücht­lin­ge woll­te Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­rin Andrea Nah­les (SPD) mit dem Pro­gramm „Flücht­lings­in­te­gra­ti­ons­maß­nah­men“(FIM) schaf­fen. Doch das Pro­jekt floppt.

OS­NA­BRÜCK. In ei­nem Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on sag­te der Ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Städ­te- und Ge­mein­de­bun­des, Gerd Lands­berg: „Das Ar­beits­markt­pro­gramm geht in sei­ner jet­zi­gen Form an der Rea­li­tät und dem tat­säch­li­chen Be­darf in den Kom­mu­nen vor­bei.“Die Grü­nen for­der­ten das Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um auf, das Pro­gramm schnellst­mög­lich zu be­en­den.

Ur­sprüng­lich woll­te Nah­les mit dem im Au­gust 2016 ge­star­te­ten Pro­gramm 100000 Ein-Eu­ro-Jobs für Flücht­lin­ge schaf­fen. 2016 wur­den von den ein­ge­plan­ten Mit­teln in Hö­he von 75 Mil­lio­nen Eu­ro aber bis­lang nur rund 255 000 Eu­ro ab­ge­rech­net. Für 2017 sind 200 Mil­lio­nen Eu­ro vor­ge­se­hen, von de­nen bis En­de Ju­li erst rund zehn Mil­lio­nen Eu­ro ab­ge­ru­fen wur­den. Flücht­lin­ge soll­ten mit Jobs in und au­ßer­halb von Auf­nah­me­ein­rich­tun­gen in den Kom­mu­nen zum Ge­mein­wohl bei­tra­gen, bei­spiels­wei­se Hilfs­tä­tig­kei­ten wie Put­zen, Ko­chen, Gärt­nern, Haus­meis­ter­hil­fen über­neh­men und da­für 80 Cent pro St­un­de be­kom­men. Der Bund soll­te den Kom­mu­nen das Geld er­stat­ten.

Das Bun­des­ar­beits­mi­nis­te­ri­um (BMAS) ver­tei­dig­te das Pro­gramm. Wie ein Spre­cher mit­teil­te, sei es „er­folg­reich an­ge­lau­fen“: En­de Ju­li 2017 sei­en gut 30 000 Plät­ze für FIM be­an­tragt und hier­von rund 27 000 be­wil­ligt wor­den. Al­ler­dings be­nö­ti­ge je­des Ar­beits­markt­pro­gramm zu Be­ginn ei­ne ge­wis­se An­lauf­zeit.

Vie­le Kom­mu­nen hat­ten FIM-Stel­len an­ge­mel­det, aber oft­mals nicht be­set­zen kön­nen, wie Re­cher­chen er­ga­ben. Bei­spiels­wei­se wur­den in Han­no­ver von 101 be­wil­lig­ten Stel­len nur 25 be­setzt, in Os­na­brück wur­den von 67 Stel­len null be­setzt. In der Han­se­stadt Ham­burg wur­den bis­her we­der Plät­ze an­ge­mel­det noch be­setzt.

Die­sen Trend be­stä­tigt der Städ­te- und Ge­mein­de­bund und for­dert, dass die Mit­tel un­bü­ro­kra­ti­scher ver­ge­ben und Kom­mu­nen durch ent­spre­chen­de Res­sour­cen und Per­so­nal in die La­ge ver­setzt wer­den, die um­fang­rei­che Ver­mitt­lung von Flücht­lin­gen um­set­zen zu kön­nen. „Vie­le zu uns ge­kom­me­ne Flücht­lin­ge ha­ben In­ter­es­se an Be­schäf­ti­gun­gen, bei de­nen sie ein hö­he­res Ein­kom­men er­zie­len, als es bei den Ein-Eu­ro-Jobs der Fall ist“, sag­te Lands­berg. Auch dar­in sei ein Grund zu se­hen, war­um das Pro­gramm bis­her in den Kom­mu­nen flopp­te.

Für die Grü­nen ist das Pro­gramm ge­schei­tert und soll­te nicht wie vom Mi­nis­te­ri­um an­ge­dacht bis 2020 wei­ter­lau­fen (ab 2018 mit 60 Mil­lio­nen Eu­ro Bud­get). „Dort, wo ein­zel­ne Plät­ze ge­schaf­fen wur­den, soll­ten sie un­ter der Re­gie der Kom­mu­nen wei­ter­ge­führt wer­den“, sag­te Bri­git­te Poth­mer, ar­beits­markt­po­li­ti­sche Spre­che­rin der Grü­nen. Vor Ein­füh­rung der FIM ha­be es längst die Mög­lich­keit ge­ge­ben, in den Kom­mu­nen Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten für Asyl­be­wer­ber an­zu­bie­ten. „Das Pro­gramm des BMAS ist da­her über­flüs­sig und hat le­dig­lich teu­re Dop­pel­struk­tu­ren ge­schaf­fen.“

Durch das bun­des­wei­te Ar­beits­markt­pro­gramm Flücht­lings­in­te­gra­ti­ons­maß­nah­men (FIM) soll­ten auch in Stadt und Land­kreis Os­na­brück Ein-Eu­ro-Jobs für Asyl­be­wer­ber ge­schaf­fen wer­den. Doch von 67 be­wil­lig­ten Plät­zen wur­de bis­her kei­ner mit Flücht­lin­gen be­setzt. War­um schei­ter­te das Pro­gramm in der Re­gi­on?

OS­NA­BRÜCK. In Stadt und Land­kreis Os­na­brück wur­den seit Start des Ar­beits­markt­pro­gramms im Au­gust ver­gan­ge­nen Jah­res bis­her 67 Flücht­lings­in­te­gra­ti­ons­maß­nah­men (FIM) bei der Ar­beits­agen­tur an­ge­mel­det und be­wil­ligt: in Os­na­brück 53 Ar­bei­ten wie Put­zen, Re­pa­rie­ren, In­stand­set­zen, Gärt­nern, Re­no­vie­ren in den Flücht­lings­un­ter­künf­ten. Im Land­kreis soll­ten 14 Plät­ze bei ge­mein­nüt­zi­gen Ein­rich­tun­gen, in Kli­ni­ken, der Ta­ges­pfle­ge so­wie in Ver­ei­nen be­setzt wer­den. Bis­her wur­de kein ein­zi­ger der so­ge­nann­ten Ein-Eu­ro-Jobs we­der be­setzt noch ab­ge­rech­net (Stand Mit­te Au­gust).

Da­bei stan­den dem Kreis­ge­biet im letz­ten Jahr 200 000 Eu­ro für die FIMMaß­nah­men vom Bund zur Ver­fü­gung, und die­ses Jahr sind es 500 000 Eu­ro Bud­get, wie die Ar­beits­agen­tur mit­teil­te. Die­se Gel­der ver­fal­len bei Nicht­nut­zung.

Stadt wie Land­kreis be­grün­den die Null­be­set­zung zum ei­nen mit der ge­rin­gen An­zahl an po­ten­zi­el­len Teil­neh­mern für die Maß­nah­men. Laut Richt­li­ni­en des Ar­beits­mi­nis­te­ri­ums dür­fen nur Flücht­lin­ge nach dem Asyl­be­wer­ber­leis­tungs­ge­setz (Asyl­bLG) be­schäf­tigt wer­den, die we­der aus si­che­ren Her­kunfts­län­dern kom­men noch ge­dul­det oder un­ter 18 Jah­ren sind. Blei­ben al­so al­le Voll­jäh­ri­gen mit gu­ter Blei­be­per­spek­ti­ve üb­rig, über de­ren Asyl­an­trag noch nicht ent­schie­den ist.

Im Land­kreis sind das rund hun­dert Asyl­be­wer­ber. In Os­na­brück könn­ten theo­re­tisch 438 Flücht­lin­ge in FIMs ar­bei­ten, doch laut Stadt fal­len hun­dert Frau­en von ih­nen weg, weil die Ar­bei­ten ent­we­der Hand­werk­stä­tig­kei­ten und da­her un­ge­eig­net sind oder weil Putzo­der Koch­tä­tig­kei­ten in den vor al­lem von Män­nern be­wohn­ten Un­ter­künf­ten zu Pro­ble­men füh­ren könn­ten. Rund 200 wei­te­re Per­so­nen be­fin­den sich in Sprach­kur­sen, und die hät­ten Vor­rang.

Blei­ben rund 138 üb­rig. Zu­dem wür­den die be­schleu­nig­ten Asyl­ver­fah­ren da­zu füh­ren, dass es we­ni­ger Asyl­be­wer­ber ge­be, die man in FIMs ste­cken könn­te. Al­ler­dings spricht das Bamf im­mer noch von durch­schnitt­lich sie­ben Mo­na­ten Be­ar­bei­tungs­zeit für al­te Be­wer­bungs­fäl­le. Über neue An­trä­ge ent­schei­de das Amt meist in­ner­halb von zwei Mo­na­ten.

Wie der Land­kreis mit­teil­te, ma­che die Auf­wands­ent­schä­di­gung von 80 Cent pro St­un­de die FIM für den Kreis der in­fra­ge kom­men­den Per­so­nen un­in­ter­es­sant. „Vie­le Flücht­lin­ge wol­len di­rekt ein Be­schäf­ti­gungs­ver­hält­nis auf­neh­men, um ei­nen Ver­dienst zu ge­ne­rie­ren. Un­mo­ti­vier­te Teil­neh­mer wie­der­um sind für die An­bie­ter von FIM ein Grund, kei­ne wei­te­ren mehr an­zu­bie­ten. Über­dies ist in die­sen Fäl­len auch der Ver­wal­tungs­auf­wand hoch, wenn Leis­tungs­kür­zun­gen we­gen ver­wei­ger­ter Teil­nah­men durch­zu­set­zen sind“, sagt ein Land­kreis-Spre­cher. Auch die Stadt be­stä­tigt, dass ein Groß­teil der po­ten­zi­el­len Be­wer­ber auf­grund der ge­rin­gen Be­zah­lung nicht mo­ti­viert sei.

So schei­ter­ten meh­re­re Ver­mitt­lungs­be­mü­hun­gen. Vom So­zi­al­amt ei­ner kreis­an­ge­hö­ri­gen Stadt im Land­kreis wur­de ein Asyl­be­wer­ber an ei­ne Kli­nik ver­mit­telt. Auf­grund der aus Sicht des Asyl­be­wer­bers ge­rin­gen Auf­wands­ent­schä­di­gung von nur 80 Cent pro St­un­de ha­be er die Maß­nah­me wie­der auf­ge­ge­ben, wie der Land­kreis schil­dert. Nach Auf­ga­be der Tä­tig­keit er­folg­te ei­ne An­er­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­ter und so­mit ein Wech­sel zum Leis­tungs­be­reich Hartz IV. Sank­tio­nen sei­en da­her nicht mehr mög­lich ge­we­sen. Zwei wei­te­re Asyl­be­wer­ber hat­ten In­ter­es­se an ei­ner Ar­beit be­kun­det. Auch hier er­folg­te zwi­schen­zeit­lich ei­ne An­er­ken­nung als Asyl­be­rech­tig­te und so­mit ein Wech­sel in den Leis­tungs­be­reich SGB II.

Ein Be­am­ter der Stadt sagt, dass es tech­nisch und per­so­nell schwie­rig sei, die­je­ni­gen zu iden­ti­fi­zie­ren, die FIM ma­chen könn­ten. Je­der ein­zel­ne Be­wer­ber müs­se theo­re­tisch ge­prüft wer­den. Da­für man­ge­le es an Per­so­nal.

Da die Be­set­zung und Ab­wick­lung der Maß­nah­men über das FIM-Ar­beits­pro­gramm der Stadt und den Land­kreis zu um­ständ­lich ist, wer­den je­ne we­ni­gen Asyl­be­wer­ber, die ar­beits­wil­lig sind, in Ar­beits­ge­le­gen­hei­ten nach dem Asyl­bLG be­schäf­tigt – auch mit ei­ner Ver­gü­tung von 80 Cent pro St­un­de. Das sei „un­bü­ro­kra­ti­scher“, wie die Stadt mit­teilt. Al­le Be­wer­ber nach Asyl­bLG könn­ten oh­ne Ein­schrän­kun­gen auch nach fle­xi­blen Ar­beits­zei­ten ein­ge­setzt wer­den. Die Auf­wen­dun­gen da­für wer­den der Stadt im Rah­men der Pau­scha­ler­stat­tung nach dem Auf­nah­me­ge­setz durch das Land er­stat­tet. Ak­tu­ell sind in den städ­ti­schen Un­ter­künf­ten 20 Flücht­lin­ge mit teil­wei­se fle­xi­blen Ein­satz­zei­ten be­schäf­tigt. Im Land­kreis sind es der­zeit sechs Asyl­be­wer­ber, die zu­meist mit Bau­hof­tä­tig­kei­ten bei den Ge­mein­den be­schäf­tigt sind.

Fo­to: Micha­el Grün­del

Wie geht es wei­ter mit den Ar­beits­markt­pro­jek­ten für Flücht­lin­ge? Hier ein Blick auf ei­ne Un­ter­kunft auf dem Ge­län­de der frü­he­ren Lim­berg­ka­ser­ne in Os­na­brück.

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