Auch Ob­dach­lo­se dür­fen wäh­len

Bü­ro­kra­ti­sche Hür­den und per­sön­li­cher Frust – „Wir sind die ver­ges­se­ne Grup­pe“

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Kat­ha­ri­na Preuth Fo­to: Jür­gen Ack­mann

kap BERSENBRÜCK. Selbst­ver­ständ­lich dür­fen auch Men­schen oh­ne fes­ten Wohn­sitz an der Bun­des­tags­wahl teil­neh­men. Doch für vie­le Woh­nungs­lo­se ist der Gang zum Wahl­amt mit ei­ni­gen bü­ro­kra­ti­schen Hür­den ver­bun­den. Und der schreckt ab, wäh­len zu ge­hen.

Um an der Bun­des­tags­wahl teil­neh­men zu kön­nen, be­kom­men Wahl­be­rech­tig­te die Wahl­be­nach­rich­ti­gung an die Mel­deadres­se ge­schickt. Für Men­schen oh­ne fes­ten Wohn­sitz stellt die­ses Ver­fah­ren ein Pro­blem dar. Doch die Woh­nungs­lo­sen ha­ben ganz an­de­re Sor­gen.

BERSENBRÜCK. Olaf ist 45 Jah­re alt. Seit sei­nem 23. Le­bens­jahr ist er die meis­te Zeit oh­ne fes­ten Wohn­sitz. An die­sem Vor­mit­tag hat ihn sei­ne Rou­te in die Be­ra­tungs­stel­le der Ca­ri­tas nach Bersenbrück ge­führt. Hier war­tet er bei ei­ner kos­ten­lo­sen Tas­se Kaf­fee dar­auf, dass das So­zi­al­amt ihm den Ta­ges­satz von 13,63 Eu­ro aus­zahlt. In der Stadt ist er schon ei­nen Tag frü­her an­ge­kom­men. Die Nacht hat er ge­mein­sam mit sei­nem Ber­ber­kol­le­gen Andre­as in der Woh­nungs­lo­sen­un­ter­kunft ver­bracht, die die Ca­ri­tas eben­falls zur Ver­fü­gung stellt. Andre­as nutzt die War­te­rei, um in der Be­ra­tungs­stel­le ei­ne Ma­schi­ne Wä­sche an­zu­stel­len.

Bei selbst ge­dreh­ten Zi­ga­ret­ten und Kaf­fee er­zäh­len bei­de im Gleich­klang von der ei­ge­nen Po­li­tik­ver­dros­sen­heit. „Die da oben tun ja eh nichts für mich“, sagt Andre­as. „Wir sind die ver­ges­se­ne Grup­pe“, er­gänzt Olaf. Nur ein­mal, mit 18 Jah­ren, ist Olaf zur Wahl­ur­ne ge­gan­gen. Schon da­mals ha­be er aus Trotz ge­wählt, und zwar die rechts­kon­ser­va­ti­ve Klein­par­tei Die Re­pu­bli­ka­ner. Seit­dem ist er über­zeugt, dass es sich für ihn nicht loh­ne, wäh­len zu ge­hen.

Die Hoff­nung ver­lo­ren

„Es wird sich doch nichts än­dern“, ist er über­zeugt. Ge­nau wie Olaf lebt auch Andre­as seit vie­len Jah­ren auf der Stra­ße, er ist 55 und seit dem 6. Ja­nu­ar 1994 woh­nungs­los. „Das Da­tum, seit­dem wir kein Dach mehr über dem Kopf ha­ben, ken­nen wir al­le ge­nau“, er­klärt er.

Die bei­den in­ter­es­sie­ren sich nicht da­für, ob die So­zi­a­lo­der die Christ­de­mo­kra­ten die nächs­te Re­gie­rung stel­len. Für Olaf und Andre­as spie­len an­de­re The­men ei­ne In ih­ren Ruck­sä­cken be­wah­ren Woh­nungs­lo­se all ih­re Hab­se­lig­kei­ten zen­tra­le Rol­le. Vor al­lem treibt sie die Fra­ge um, wie sie von ei­nem Ort zum nächs­ten ge­lan­gen. Al­lein die Fahrt von Bersenbrück nach Quakenbrück, hier hät­ten sie in der Emm­aus-Un­ter­kunft ei­ne wei­te­re Mög­lich­keit, die Nacht un­ter ei­nem fes­ten Dach zu ver­brin­gen, kos­tet mit der Nord­west­bahn 3,90 Eu­ro. Da­mit blei­ben knapp zehn Eu­ro für die Ver­pfle­gung. „Und das ist noch viel, meis­tens müs­sen wir wei­te­re Stre­cken zu­rück­le­gen“, weiß Andre­as. Wün­sche an die Po­li­tik hät­ten sie vie­le. Ganz oben auf der Lis­te stän­den da­bei ei­ne Er­hö­hung des Ta­ges­sat­zes oder ver­güns­tig­tes Bahn­fah­ren.

Doch Frust und Ver­dros­sen­heit hal­ten nicht nur Olaf und Andre­as da­von ab, ih­re Stim­me bei der Bun­des­tags­wahl ab­zu­ge­ben. Ei­ne ähn­li­che Mei­nung ver­tre­ten vie­le Woh­nungs­lo­se, be­stä­tigt Klaus Sui­ver von der Ber­sen­brü­cker Woh­nungs­lo­sen­hil­fe.

Doch selbst wenn sie wäh­len wol­len wür­den, gä­be es ei­ni­ge Hin­der­nis­se zu über­win­den. Bis zum 1. Sep­tem­ber hat­ten sie Zeit, ge­mäß Bun­des­wahl­ord­nung schrift­lich ei­nen An­trag für ei­nen Ein­trag ins Wäh­ler­ver­zeich­nis zu stel­len, und zwar – und jetzt wird es rich­tig kom­pli­ziert für die Woh­nungs­lo­sen: in der Ge­mein­de, in de­ren Wahl­ge­biet sie sich für ge­wöhn­lich auf­hal­ten.

Doch das Ziel ih­rer Tou­ren un­ter­liegt in der Re­gel an­de­ren Kri­te­ri­en als der Su­che nach der nächs­ten Wahl­ur­ne: Der Ta­ges­satz be­stimmt die Rou­te. Sie rei­sen dort­hin, wo sie ih­re täg­li­che Sum­me be­kom­men. In Bersenbrück dür­fen sie sich an drei auf­ein­an­der­fol­gen­den Ta­gen den Ta­ges­satz ab­ho­len und dann erst wie­der ei­nen Mo­nat spä­ter. Das be­deu­tet, sie müs­sen wei­ter­rei­sen in die nächs­te Ge­mein­de. In wel­chem Wahl­ge­biet sie sich ge­ra­de auf­hal­ten, in­ter­es­siert sie nicht. Zu­dem müss­te der wäh­len­de Woh­nungs­lo­se ge­nau am 24. Sep­tem­ber er­neut in der Ge­mein­de sein, um eben zur Wahl zu ge­hen. Aber ei­ne dem­ent­spre­chen­de Pla­nung lässt ihr All­tag nor­ma­ler­wei­se gar nicht zu.

Auch Brief­wahl mög­lich

Ei­ne an­de­re Mög­lich­keit ist die Brief­wahl. Klaus Sui­ver von der Ca­ri­tas er­klärt, dass vie­le sei­ner Kli­en­ten ei­ne Post­an­schrift hät­ten, zu der sie auch Brie­fe vom Amt schi­cken las­sen wür­den. Auch die Be­ra­tungs­stel­le in Bersenbrück bie­te die­sen Ser­vice an. Die nö­ti­gen Un­ter­la­gen könn­ten sich Men­schen oh­ne fes­ten Wohn­sitz zu­schi­cken las­sen. Da­für müss­ten sie je­doch ei­nen wei­te­ren An­trag stel­len, und zwar frü­hes­tens, wenn die be­tref­fen­de Per­son ins Wäh­ler­ver­zeich­nis auf­ge­nom­men wur­de. Das ist et­wa vier Ta­ge nach Ablauf der Frist am 1. Sep­tem­ber mög­lich. Al­ler­dings be­kä­men sie dann am vier­ten Tag in Bersenbrück kei­nen Ta­ges­satz mehr – und das ist kei­ne Op­ti­on für Men­schen, die mit 13,63 Eu­ro ei­nen kom­plet­ten Tag über­ste­hen müs­sen.

Olaf und Andre­as stel­len je­doch klar, dass es nicht die bü­ro­kra­ti­schen Hür­den sind, die sie vom Wäh­len ab­hal­ten. Die­se sind ih­nen nicht ein­mal be­wusst. „Ich wür­de ja wäh­len, wenn ich wüss­te, dass sich was än­dert“, sagt Andre­as.

Nach­rich­ten aus der Samt­ge­mein­de Bersenbrück auf noz.de/ ber­sen­bru­eck

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