„Es ist das Mit­ein­an­der, das Din­ge vor­an­bringt“

Ru­dolf Sei­ters wird heu­te 80 Jah­re alt – DRK-Prä­si­dent macht der Ju­gend ein gro­ßes Kom­pli­ment: „Hilfs­be­reit und zu­pa­ckend“

Bersenbrucker Kreisblatt - - POLITIK - Von Bea­te Ten­fel­de

OS­NA­BRÜCK. Neun­mal wur­de Ru­dolf Sei­ters di­rekt ins Par­la­ment ge­wählt – ein sel­te­ner Ver­trau­ens­be­weis. Par­al­lel mach­te der Ju­rist, der 59 Jah­re der CDU an­ge­hört und in Pa­pen­burg lebt, ei­ne stei­le po­li­ti­sche Kar­rie­re. Heu­te wird der Prä­si­dent des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes 80 Jah­re alt – Zeit für die Bi­lanz ei­nes rei­chen Le­bens.

Herr Sei­ters, 33 Jah­re ha­ben Sie den Wahl­kreis Ems­land/Ost­fries­land im Bun­des­tag ver­tre­ten. Hät­ten Sie bei Ih­rem Ab­schied 2002 ge­dacht, dass mit der AfD Rechts­ex­tre­me ins Par­la­ment ein­zie­hen? Ganz klar: nein. Zwar hat­ten wir in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten hin und wie­der ein­mal ein Auf­fla­ckern der NPD er­lebt oder auch an­de­rer Split­ter­grup­pen wie die Re­pu­bli­ka­ner. Die­ser Spuk ging al­ler­dings schnell vor­bei, er hat­te kei­ne wirk­li­che Ba­sis in der Be­völ­ke­rung. Das Er­schre­cken­de an der AfD ist nicht nur das rechts­po­pu­lis­ti­sche und in Tei­len rechts­ex­tre­me Ge­dan­ken­gut, son­dern auch die teil­wei­se men­schen­ver­ach­ten­de Spra­che, oft­mals der Hass und die Em­pö­rungs­wut. Ich bin mir si­cher: Der Deut­sche Bun­des­tag un­ter der Lei­tung ei­nes Prä­si­den­ten Wolf­gang Schäu­b­le wird die AfD bei der­ar­ti­gen Aus­wüch­sen in die Schran­ken wei­sen.

Sie ha­ben den CSU-Gran­den Franz Jo­sef Strauß er­lebt. Sein Satz „Rechts von der CSU darf es kei­ne de­mo­kra­tisch le­gi­ti­mier­te Par­tei ge­ben“wird viel zi­tiert. Was ist falsch ge­lau­fen, dass es an­ders kam? Die Stär­ke der Bun­des­re­pu­blik lag un­ter an­de­rem auch dar­an, dass es zwei gro­ße Volks­par­tei­en gab, die sich klar von­ein­an­der un­ter­schie­den, die in Kon­kur­renz stan­den und im Sin­ne von Mit­terechts und Mit­te-links rech­te und lin­ke Strö­mun­gen ein­ban­den. Die Ver­ant­wor­tung für die jet­zi­ge Ent­wick­lung al­lein der nun­mehr seit Lan­gem am­tie­ren­den Gro­ßen Ko­ali­ti­on zu­zu­wei­sen, wä­re si­cher­lich zu ein­fach, auch wenn durch sie Pro­fil ver­lo­ren ge­gan­gen ist. Ei­ne Rol­le spie­len aber ganz si­cher­lich man­che Ängs­te, die durch die Un­über­schau­bar­keit der Glo­ba­li­sie­rung aus­ge­löst wer­den, oder auch die mit dem Flücht­lings­zu­strom zu­sam­men­hän­gen­den Sor­gen, die von in­ter­es­sier­ter po­li­ti­scher Sei­te ge­schürt wer­den. Al­ler­dings: Der zwei­jäh­ri­ge Streit über die Flücht­lings­ober­gren­ze zwi­schen CDU und CSU war auch nicht ge­ra­de ver­trau­ens­bil­dend. Das hät­te schnel­ler ent­schie­den wer­den kön­nen.

In Strauß’ Re­den ging es hoch her. Ist die Dro­hung von AfD-Chef Alex­an­der Gau­land „Wir wer­den Frau Mer­kel ja­gen“noch als po­li­ti­sche Rauf­lust zu wer­ten? An der Streit­lust und den def­ti­gen Re­den von Strauß oder des So­zi­al­de­mo­kra­ten Her­bert Weh­ner, der stets den Plenar­saal füll­te, konn­te man sich ja noch er­freu­en. Aber „Jagd auf Men­schen“– das ist ei­ne hass­er­füll­te Spra­che!

1991 bis 1993 wa­ren Sie Bun­des­in­nen­mi­nis­ter, und schon da­mals war Ter­ror­be­kämp­fung wich­tig. Die RAF wü­te­te in Deutsch­land. Las­sen sich Par­al­le­len zu den Her­aus­for­de­run­gen durch den IS zie­hen?

Hier las­sen sich nur be­dingt Par­al­le­len zie­hen. Die RAF war ei­ne ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung, die mit vie­len Mor­den das par­la­men­ta­ri­sche Sys­tem in Deutsch­land er­schüt­tern woll­te. Sie wur­de von den de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en in Deutsch­land er­folg­reich be­kämpft. Der IS steht da­ge­gen für welt­wei­ten re­li­giö­sen Fa­na­tis­mus, der hem­mungs­los un­schul­di­ge Män­ner, Frau­en und Kin­der tö­tet. Letz­ten En­des wird aber auch er nicht sie­gen.

Als Chef des Kanz­ler­am­tes (1989 bis 1991) ha­ben Sie in­ten­siv dar­an mit­ge­wirkt, dass die Wie­der­ver­ei­ni­gung ge­lang. Schmerzt Sie der Auf­ruhr Ost?

Der Bun­des­prä­si­dent hat mit sei­ner be­mer­kens­wer­ten Re­de bei den Ein­heits­fei­er­lich­kei­ten in Mainz die rich­ti­ge Ant­wort ge­ge­ben. Die Wie­der­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands war für un­ser Land und ist auch heu­te für die al­ler­meis­ten Men­schen ein Grund zur Freu­de und zur Dank­bar­keit. So­weit es in ei­nem Teil un­se­rer Be­völ­ke­rung noch oder wie­der die an­ge­spro­che­nen Mau­ern in Her­zen und Köp­fen gibt, so muss die Po­li­tik sie ana­ly­sie­ren und be­rech­tig­te Kri­tik auf­neh­men. Doch kei­ne Ent­wick­lung in Deutsch­land, we­der im Wes­ten noch im Os­ten, gibt das Recht zu men­schen­ver­ach­ten­den Auf­trit­ten, Hass auf Aus­län­der und dump­fer Em­pö­rung.

Seit No­vem­ber 2003 sind Sie Prä­si­dent des Deut­schen Ro­ten Kreu­zes, was hat Sie in die­sem Amt am meis­ten be­wegt? Die Fül­le der Na­tur­ka­ta­stro­phen, an­ge­fan­gen beim ver­hee­ren­den Tsu­na­mi in Süd­asi­en 2004 über das schreck­li­che Erd­be­ben in Hai­ti 2010 und den Wir­bel­sturm auf den Phil­ip­pi­nen, die Not und Ver­zweif­lung von Zig­tau­sen­den Men­schen im Je­men, in Ban­gla­desch, am Horn von Afri­ka, der lang an­dau­ern­de Krieg in Sy­ri­en mit dem Er­geb­nis ei­nes zer­stör­ten Lan­des, die Ge­sprä­che mit Flücht­lin­gen in den über­füll­ten Flücht­lings­la­gern im Li­ba­non.

Und was wa­ren die schöns­ten Er­leb­nis­se?

Die Be­geg­nung mit über hun­dert Aids-Wai­sen­kin­dern in Le­so­tho, de­nen wir zur Auf­nah­me in an­de­re Fa­mi­li­en ge­hol­fen ha­ben, wo sie neue Ge­schwis­ter be­ka­men und ei­ne schu­li­sche Aus­bil­dung. Je­des Kind trug ein Käst­chen in der Hand, das Er­in­ne­run­gen an sei­ne El­tern auf­be­wahr­te. Für mich war das ein un­glaub­lich emo­tio­na­ler Mo­ment. Ich den­ke auch an die 2500 Ba­bys, die in Hai­ti nach dem Erd­be­ben in un­se­rem gro­ßen La­za­rett ge­bo­ren wur­den. Be­ein­dru­ckend war die so­for­ti­ge Hilfs­be­reit­schaft von eh­ren­amt­li­chen Hel­fe­rin­nen und Hel­fern bei den Hoch­was­ser­flu­ten in Deutsch­land. Jun­ge Leu­te pack­ten an und wi­der­leg­ten so den Vor­wurf, nur an sich selbst zu den­ken und nicht hilfs­be­reit zu sein. Wel­che Leis­tun­gen auch bei der Be­treu­ung, der Ver­sor­gung und der Trös­tung von Flücht­lin­gen! Wir kön­nen stolz dar­auf sein, wie Deutsch­land im Jahr 2015 die Flücht­lings­kri­se ge­meis­tert hat. Wohl kein an­de­res Land hät­te das so hin­be­kom­men.

Wie lau­tet Ih­re Bi­lanz?

Ich ge­he mit der fes­ten Über­zeu­gung aus dem Amt, dass Deutsch­land – nicht zu­letzt durch das aus­ge­präg­te bür­ger­schaft­li­che En­ga­ge­ment, al­lein im Ro­ten Kreuz gibt es 400 000 ak­ti­ve eh­ren­amt­li­che Hel­fe­rin­nen und Hel­fer – künf­ti­ge Her­aus­for­de­run­gen meis­tern wird. Wel­che Bi­lanz zie­he ich? Ich bin dank­bar für die vie­len Jah­re in der Po­li­tik und im Eh­ren­amt, ich ha­be da­bei viel ge­lernt. Vor al­lem aber ha­be ich er­fah­ren, wie wich­tig auch im po­li­ti­schen Han­deln die­ses ist: ein in­ne­rer Kom­pass, ein Wer­te­f­un­da­ment, Bür­ger­nä­he, das ge­ge­be­ne und ge­hal­te­ne Wort, Ver­läss­lich­keit. Im­mer wie­der hat sich be­wie­sen, wie hilf­reich es ist, prag­ma­tisch die über­par­tei­li­che Zu­sam­men­ar­beit zu su­chen, um Pro­ble­me zu lö­sen. Es ist das Mit­ein­an­der, das Din­ge vor­an­bringt.

Wort­füh­rer im O-Ton: mehr Ge­sprä­che le­sen Sie auf noz.de/in­ter­view

Fo­to: dpa

Fei­ert sei­nen 80. Ge­burts­tag: Ru­dolf Sei­ters.

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