Selbst­be­die­nung oder not­wen­di­ges Auf­sto­cken?

ANALYSE Är­ger um hö­he­re staat­li­che Zu­schüs­se für Par­tei­en / SPD kämpft mit Mil­lio­nen­loch / Lin­ke droht mit Kla­ge

Bersenbrucker Kreisblatt - - POLITIK - Dpa, AFP

BER­LIN Uni­on und SPD wol­len heu­te trotz schar­fer Kri­tik der Op­po­si­ti­on im Eil­tem­po die Aus­wei­tung der staat­li­chen Par­tei­en­fi­nan­zie­rung auf 190 Mil­lio­nen Eu­ro be­schlie­ßen. Seit Ta­gen sorgt das Vor­ha­ben für hef­ti­ge Kri­tik. „Das durch­schau­ba­re Ma­nö­ver der Ko­ali­ti­ons­par­tei­en läuft un­term Strich auf ei­ne Selbst­be­die­nung auf Kos­ten der Steu­er­zah­ler hin­aus“, er­klär­te der Prä­si­dent des Bun­des der Steu­er­zah­ler, Rei­ner Holz­na­gel.

Ge­ra­de die SPD hat der­zeit mit ei­nem Mil­lio­nen­loch in der Kas­se zu kämp­fen. Die schwie­ri­ge Re­gie­rungs­bil­dung mit zwei Son­der­par­tei­ta­gen, Mit­glie­der­vo­tum und Re­gio­nal­kon­fe­ren­zen ha­be rund vier Mil­lio­nen Eu­ro ge­kos­tet, sag­te SPD-Schatz­meis­ter Diet­mar Nie­t­an. Und we­gen des his­to­risch schlech­ten Wah­l­er­geb­nis­ses von 20,5 Pro­zent be­kom­me die SPD der­zeit im Jahr et­wa 1,6 Mil­lio­nen Eu­ro we­ni­ger aus der Par­tei­en­fi­nan­zie­rung.

Mit ih­rer Mehr­heit wol­len Uni­on und SPD im Bun­des­tag ei­ne An­he­bung der Par­tei­en­fi­nan­zie­rung aus Steu­er­gel­dern um rund 15 Pro­zent von der Höchst­gren­ze 165 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr 2019 auf dann 190 Mil­lio­nen Eu­ro be­schlie­ßen. Nie­t­an be­ton­te, er be­grü­ße das. „Aber es ist nicht so, dass uns das al­ler fi­nan­zi­el­len Pro­ble­me ent­le­digt.“So ha­be er seit sei­nem Amts­an­tritt 2013 ei­nen zwei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag al­lein in die Di­gi­ta­li­sie­rung ge­steckt.

Mit im­mer mehr In­for­ma­ti­ons­ka­nä­len wächst zu­dem der Si­cher­heits­auf­wand der Par­tei­en, et­wa ge­gen Ha­cker­an­grif­fe. Die CDU ver­weist auch auf im­mer we­ni­ger Eh­ren­amt­li­che: Haupt­amt­li­che, et­wa zum Be­trieb von Ge­schäfts­stel­len in der Flä­che, kos­ten mehr Geld.

Die Hö­he der steu­er­fi­nan­zier­ten Zu­schüs­se be­rech­net sich an­hand der Ver­wur­ze­lung ei­ner Par­tei in der Ge­sell­schaft. Er­mit­telt wird die­se an­hand ih­res Ab­schnei­dens bei Bun­des­tags-, Eu­ro­pa- und Land­tags­wah­len, au­ßer­dem nach ih­ren ei­ge­nen Ein­nah­men, et­wa durch Mit­glieds­bei­trä­ge und Spen­den von Pri­vat­leu­ten. Bei­spiels­wei­se gibt es für die ers­ten vier Mil­lio­nen Wäh­ler­stim­men je­weils ei­nen Eu­ro pro Stim­me, für je­de wei­te­re Stim­me 83 Cent.

Es gibt aber zwei fest­ge­leg­te Ober­gren­zen: Zum ei­nen dür­fen Par­tei­en nicht mehr staat­li­che Zu­schüs­se er­hal­ten, als sie selbst auf an­de­ren We­gen an Geld er­wirt­schaf­ten. Zum an­de­ren wur­de für die Sum­me der Fi­nan­zie­rung al­ler Par­tei­en ei­ne ab­so­lu­te Ober­gren­ze ein­ge­zo­gen. Die­se liegt zur­zeit bei 165 Mil­lio­nen Eu­ro und soll nun kräf­tig an­ge­ho­ben wer­den.

Für die Par­tei­en sind die staat­li­chen Mit­tel sehr wich­tig – sie ma­chen rund ein Drit­tel ih­rer Ein­nah­men aus. So er­hielt die SPD im Jahr 2017 rund 49 Mil­lio­nen Eu­ro, die CDU 48 Mil­lio­nen, die Grü­nen knapp 16 Mil­lio­nen, FDP, CSU und Lin­ke je­weils rund zwölf Mil­lio­nen und die AfD 7,5 Mil­lio­nen Eu­ro.

Die Op­po­si­ti­on kri­ti­siert so­wohl den In­halt des Ge­setz­ent­wurfs als auch das Vor­ge­hen der Re­gie­rungs­par­tei­en. Die Lin­ke droht gar mit ei­ner Kla­ge. „Die Ko­ali­ti­on muss den Ge­setz­ent­wurf zu­rück­zie­hen“, for­der­te der par­la­men­ta­ri­sche Ge­schäfts­füh­rer der Links­frak­ti­on, Jan Kor­te. „Wenn sie es nicht tut, wer­den wir ei­ne Nor­men­kon­troll­kla­ge prü­fen.“

Al­lein könn­te die Lin­ke ei­ne sol­che Kla­ge zwar nicht an­stren­gen, da hier­für ein Vier­tel der Mit­glie­der des Bun­des­ta­ges nö­tig wä­re. An­de­re Op­po­si­ti­ons­frak­tio­nen müss­ten al­so mit­zie­hen. Aber auch die Grü­nen wer­fen der Gro­ßen Ko­ali­ti­on vor, die Ge­set­zes­än­de­rung im „Hau­ruck­ver­fah­ren“durch den Bun­des­tag peit­schen zu wol­len.

Kor­te kri­ti­sier­te eben­falls das schnel­le Ver­fah­ren im Schat­ten der Fuß­ball-WM. „Die Ko­ali­ti­on schiebt et­li­che ge­sell­schaft­li­che The­men auf die lan­ge Bank, aber die ei­ge­nen Pro­ble­me be­sei­tigt sie in neun Werk­ta­gen“, be­klag­te er. „Da­mit be­schä­di­gen Uni­on und SPD das Ver­trau­en in Po­li­tik und De­mo­kra­tie.“Die Ei­le ha­be zu hand­werk­li­chen Feh­lern ge­führt. Bei der An­hö­rung im In­nen­aus­schuss hät­ten drei Sach­ver­stän­di­ge den Ent­wurf als ver­fas­sungs­wid­rig ein­ge­stuft.

Foto: dpa

Diet­mar Nie­t­an

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