Der Geist von Kreuth wa­bert durch die Flu­re

Zer­bricht die Uni­ons-Frak­ti­on? / CDU-Gran­den auf­fäl­lig zu­rück­hal­tend / Kla­ge über Mer­kels „Dick­köp­fig­keit“

Bersenbrucker Kreisblatt - - EINBLICKE - Von Bea­te Ten­fel­de

Im Asyl­streit zwi­schen CDU und CSU über­schla­gen sich die Er­eig­nis­se. Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer (CSU) droht Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (CDU) mit ei­nem Al­lein­gang und will die Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen schon an der Gren­ze er­zwin­gen. Sie bit­tet um Ge­duld.

BER­LIN Zer­bricht dar­an die Frak­ti­on der Schwes­ter­par­tei­en? Be­ob­ach­ter schlie­ßen das nicht aus. Denn aus CDU/CSU ist ei­ne Miss­trau­ens­ge­mein­schaft ge­wor­den. Vie­les er­in­nert an 1976. Schon da­mals ent­schied sich die CSU auf ei­ner Klau­sur in Kreuth da­für, die Frak­ti­ons­ge­mein­schaft mit der CDU im Bun­des­tag auf­zu­lö­sen. Der be­rühm­te Tren­nungs­be­schluss zu Zei­ten von Franz Jo­sef Strauß hat­te zwar nicht lan­ge Be­stand, aber der My­thos des „Geists von Kreuth“war ge­bo­ren.

Ges­tern wa­ber­te ein Hauch von Kreuth durch die Frak­ti­ons­flu­re im Bun­des­tag. Denn CDU (200 Ab­ge­ord­ne­te) und CSU (46 Ab­ge­ord­ne­te) ver­schwan­den zu ge­trenn­ten Be­ra­tun­gen in ih­ren Sit­zungs­räu­men. Sonst ta­gen sie ge­mein­sam. Aber der­zeit ist vie­les an­ders als sonst im Bun­des­tag.

Alex­an­der Do­brindt, Chef der CSU-Ab­ge­ord­ne­ten im Bun­des­tag, schwitzt. Der Streit um die Asyl- und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik, den sei­ne Par­tei vom Zaun brach, bringt selbst ei­nen Rauf­bold wie ihn an Gren­zen. Im Kern strei­ten CSU und CDU seit Ta­gen dar­über, ob auch Asyl­be­wer­ber oh­ne Pa­pie­re so­wie be­reits ab­ge­scho­be­ne Be­wer­ber – wie von der CSU ge­for­dert – nicht mehr über die deut­sche Gren­ze ge­lan­gen dür­fen.

Die CDU hat­te ei­nen Kom­pro­miss vor­ge­legt, wo­nach Per­so­nen mit be­reits ab­ge­lehn­ten Asyl­an­trä­gen beim er­neu­ten Ver­such der Ein­rei­se so­fort zu­rück­ge­wie­sen wer­den. Das reicht der CSU nicht. Sie ließ die Kanz­le­rin in zwei­ein­halb­stün­di­ger Kri­sen­sit­zung in der Nacht zum Don­ners­tag auf­lau­fen.

See­ho­fer warn­te in der Sit­zung der CSU-Lan­des­grup­pe, er wer­de not­falls per Mi­nis­ter­ent­scheid han­deln und ei­gen­mäch­tig ent­schei­den. Do­brindt leis­te­te Bei­stand und ver­kün­de­te, Tei­le von See­ho­fers Mi­gra­ti­ons-Mas­ter­plan stün­den „in der di­rek­ten Ver­ant­wor­tung des Bun­des­in­nen­mi­nis­ters“und soll­ten da­her um­ge­setzt wer­den, oh­ne erst auf ei­ne Ei­ni­gung auf EU-Ebe­ne zu war­ten.

Die Bun­des­kanz­le­rin fühlt sich da­ge­gen „be­stärkt“in ih­rer Li­nie, nach Lö­sun­gen auf eu­ro­päi­scher Ebe­ne zu su­chen, ver­lau­te­te aus Frak­ti­ons­krei­sen. In der Sit­zung der CDU-Ab­ge­ord­ne­ten sei von meh­re­ren Red­nern be­tont wor­den, dass der Kanz­le­rin „volls­tes Ver­trau­en“ent­ge­gen­ge­bracht wer­de. Mer­kel will dem­nach bis zum nächs­ten EU-Gip­fel En­de Ju­ni ver­su­chen, zwi­schen­staat­li­che Ab­kom­men über die Zu­rück­wei­sung von Flücht­lin­gen an der Gren­ze zu er­rei­chen, die be­reits in an­de­ren EU-Län­dern re­gis­triert wur­den. Die Kanz­le­rin er­hielt den An­ga­ben zu­fol­ge bei den Be­ra­tun­gen „brei­te Un­ter­stüt­zung“. Von mehr als 60 Wort­mel­dun­gen hät­ten „ma­xi­mal fünf bis sechs“Red­ner im Sin­ne der CSU ar­gu­men­tiert. Aber den­noch sieht vie­les nach ei­nem End­spiel Mer­kels aus.

Vor dem Be­ginn der Sit­zun­gen konn­te man vie­le pro­mi­nen­te Po­li­ti­ker in höchs­ter An­span­nung be­trach­ten, vor al­lem auf­sei­ten der Christ­de­mo­kra­ten. Ei­lig ver­ließ Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le den Auf­zug Rich­tung Sit­zung; nicht viel bes­ser sah Uni­ons­frak­ti­ons­chef Vol­ker Kau­der aus, der je­de Äu­ße­rung ab­lehn­te. An­de­re wie Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin Ur­su­la von der Ley­en sa­hen ein­fach nur bleich aus. Stark, mu­tig, selbst­be­wusst? So wirk­te in die­sem Mo­ment kei­ner der CDU-Spit­zen­po­li­ti­ker. Pe­ter Alt­mai­er, 2015 Flücht­lings­ko­or­di­na­tor und jetzt Wirt­schafts­mi­nis­ter, ver­tief­te sich in Han­dy­ge­sprä­che. Ist er froh, dass er sich nicht ver­ant­wor­ten muss?

Nicht we­ni­ge in der CDU be­kla­gen ei­ne „Bun­ker­men­ta­li­tät“ der Kanz­le­rin. „Mer­kel ist schlecht be­ra­ten“, sagt ei­ne Ab­ge­ord­ne­te, die der Kanz­le­rin zwar die Treue hält. Doch aus ih­rem wach­sen­den Zorn über die „Dick­köp­fig­keit“Mer­kels, die ge­gen den eben­so stu­ren See­ho­fer nicht nach­ge­ben wol­le, macht sie kei­nen Hehl. Ei­ne Rei­he von Par­la­men­ta­ri­ern ist der fes­ten Über­zeu­gung, dass die Kanz­le­rin die Es­ka­la­ti­on des Flücht­lings­streits hät­te ver­mei­den müs­sen. Ver­ach­tung gab es aber für ei­nen CDUHin­ter­bänk­ler, der „den Hel­den spielt“. Der Ab­ge­ord­ne­te hat­te ge­for­dert, die Kanz­le­rin müs­se per Ver­trau­ens­fra­ge Klar­heit schaf­fen. „Er hät­te mal ins Grund­ge­setz schau­en und schwei­gen sol­len“, heißt es ab­schät­zig. Dem Bun­des­tag steht als In­stru­ment das kon­struk­ti­ve Miss­trau­ens­vo­tum zur Ver­fü­gung.

Der Ein­zi­ge, der ges­tern sehr ent­spannt zum Auf­zug schlen­dert, ist FDP-Chef Chris­ti­an Lindner. Die FDP rech­ne mit ei­nem „sehr wei­chen Kom­pro­miss“von CDU und CSU. Hoch­ver­är­gert zeig­ten sich die AfD-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Ali­ce Wei­del und Alex­an­der Gau­land. Die CSU ha­be sich bei ih­ren For­de­run­gen bei je­nen der AfD be­dient. „Ge­wählt wird das Ori­gi­nal, nicht die Ko­pie“, ist sich Wei­del si­cher.

Die Schwes­ter­par­tei­en:

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Foto: dpa/Micha­el Kap­peler

Rich­tung Aus­gang: Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ver­lässt in Be­glei­tung von Re­gie­rungs­spre­cher Stef­fen Sei­bert (l.) und Be­ra­te­rin Eva Chris­ti­an­sen nach der CDU-Frak­ti­ons­sit­zung den Bun­des­tag.

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