Pop, Pu­tin und ein klei­ner Blick in die rus­si­sche See­le

Rob­bie Wil­li­ams singt, Russ­lands Prä­si­dent spricht / WM mit knap­pem Show­pro­gramm in Mos­kau of­fi­zi­ell er­öff­net

Bersenbrucker Kreisblatt - - DIALOG - Von Ben­ja­min Kraus Foto: dpa/Druz­hi­nin

MOS­KAU Braucht es mu­si­ka­li­sche Show­pro­gram­me zur Er­öff­nung ei­nes Fuß­ball­fes­tes? Wer die­se Fra­ge mit Nein be­ant­wor­tet, kann der FI­FA zu­gu­te­hal­ten, dass sie das Pro­gramm dies­mal zu­min­dest nicht aus­ufern ließ – und au­ßer­dem vor­bild­lich auf die ge­äch­te­te Py­ro­tech­nik ver­zich­te­te.

Die Haupt­zu­tat zum Fest­akt: ein paar längst be­kann­te Po­phym­nen, die der bri­ti­sche Mu­si­ker Rob­bie Wil­li­ams – un­ter­stützt von ei­ner rus­si­schen Sän­ge­rin – vor­trug. Be­glei­tet von For­ma­ti­ons­vor­füh­run­gen durch et­wa 800 Darstel­ler, die Fuß­ball­mo­ti­ve, die teil­neh­men­den Län­der und ei­nen rus­si­schen Dra­chen re­prä­sen­tier­ten.

Was lan­ge fehl­te, war ech­te rus­si­sche Folk­lo­re, ech­te Au­then­ti­zi­tät ab­seits der Show – sie kam erst, nach­dem Wla­di­mir Pu­tin die „Fuß­ball-Fa­mi­lie“ Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir will­kom­men ge­hei­ßen und das Welt­sport­fest mit sal­bungs­vol­len Wor­ten er­öff­net hat­te. „Wir ha­ben lan­ge hart dar­an ge­ar­bei­tet, die WM zu be­kom­men“, sag­te Russ­lands Prä­si­dent – es war die Stel­le, an der vie­len Be­ob­ach­tern ein­fiel: Ge­ra­de Skan­da­le, die in ei­ner Fa­mi­lie pas­sie­ren, wer­den ja ger­ne vor der Öf­fent­lich­keit un­ter dem De­ckel ge­hal­ten.

Los war es wie in der Re­gen­pau­se beim Ten­nis­tur­nier in Wim­ble­don ge­gan­gen: Hel­fer zo­gen ei­ne grü­ne Pla­ne über das Gras. Dann tru­gen sie Tei­le ei­ner acht­ecki­gen Büh­ne an die Mit­tel­li­nie. hat­te die­ser Als Wil­li­ams dar­auf­sprang, brei­te­te sich erst­mals ver­hal­te­ner Ju­bel im wei­ten Rund aus. Bei der vor­her­ge­hen­den Prä­sen­ta­ti­on des WM-Po­kals durch den spa­ni­schen Tor­hü­ter Iker Ca­sil­las und das rus­si­sche Mo­del Na­ta­lia Vo­dia­no­va war das Sta­di­on noch fast leer ge­we­sen – um­so der Sän­ger skur­ri­ler wirk­te zu die­sem Zeit­punkt die oh­ren­be­täu­bend lau­te Be­gleit­mu­sik aus den Laut­spre­chern.

„Lasst mich euch un­ter­hal­ten“oder „Ich will rich­ti­ge Lie­be füh­len“– auch Wil­li­ams war zu­nächst laut und for­dernd. Ge­ra­de vie­le Rus­sen un­ter den Zu­schau­ern re­agier­ten eher zu­rück­hal­tend auf die Per­for­mance, dach­ten viel­leicht dar­über nach, ob es im ei­ge­nen Land je­man­den ge­ge­ben hät­te, der ge­sang­lich et­was mehr rus­si­sche See­le zu bie­ten ge­habt hät­te. Im­mer­hin ei­nen Ak­zent konn­te Be­gleit­sän­ge­rin Ai­da Ga­ri­ful­li­na beim Lied „An­gel“(En­gel) set­zen: Ein biss­chen Drama, ein biss­chen Arie im Eva­ne­scence-Sound zum Flag­gen­ein­marsch – aber auch eher Pop als Tra­di­ti­on.

Doch dann kam er doch noch, der Mo­ment, der tief in die rus­si­sche See­le bli­cken ließ – auch wenn der Fest­akt schon vor­bei war. Und zwar, als al­le in­brüns­tig die rus­si­sche Na­tio­nal­hym­ne san­gen. Die­ses hef­ti­ge Lied, ge­schmet­tert aus über 78000 Keh­len, ver­mit­tel­te ei­ne Ah­nung von der Kraft des Rie­sen­rei­ches und war der per­fek­te Auf­takt für die WM auf rus­si­schem Bo­den – und das fu­rio­se Spiel, das folg­te.

Foto: AFP/An­to­nov

Un­ter­stützt von Tän­ze­rin­nen: Rob­bie Wil­li­ams.

Foto: AFP/Ku­dryav­t­sev

Al­les im Griff Jon­gleur.

Er­öff­ne­te die WM: Pu­tin.

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