Lin­da Zer­va­kis’ Zei­t­rei­se in Qua­ken­brück

Ta­ges­schau-Spre­che­rin Lin­da Zer­va­kis und ih­re Mut­ter Chrys­san­thi auf Spu­ren­su­che in Qua­ken­brück

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEITE - Nor/Sei­te 24

QUA­KEN­BRÜCK Ta­ges­schau-Mo­de­ra­to­rin Lin­da Zer­va­kis hat mit ih­rer Mut­ter Chrys­san­thi die Stadt Qua­ken­brück be­sucht und sich da­bei auf ei­ne Zei­t­rei­se be­ge­ben. Denn vor mehr als 50 Jah­ren war die Mut­ter der be­kann­ten Jour­na­lis­tin als jun­ge Gas­t­ar­bei­te­rin aus Grie­chen­land ins Art­land ge­kom­men, um bei der Fahr­rad­fa­brik Ky­nast zu ar­bei­ten.

Ge­mein­sam mit ih­rer Toch­ter Lin­da und Sohn Stra­tos be­such­te Chrys­san­thi Zer­va­kis in Qua­ken­brück die ehe­ma­li­ge Ka­ser­ne an der Fried­rich­stra­ße, wo sie ge­mein­sam mit an­de­ren grie­chi­schen Gas­t­ar­bei­te­rin­nen un­ter­ge­bracht war, und das al­te Ky­nast-Fir­men­ge­län­de. In der Hei­mat­stu­be des Stadt­mu­se­ums plau­der­te Chrys­san­thi Zer­va­kis in ge­müt­li­cher Run­de über ih­re Zeit in Qua­ken­brück und ver­riet da­bei ei­ni­ge lus­ti­ge An­ek­do­ten.

Als Chrys­san­thi Zer­va­kis vor 56 Jah­ren aus Grie­chen­land nach Qua­ken­brück kam, ahn­te sie si­cher nicht, dass ih­re Toch­ter Lin­da ein­mal als Ta­ges­schau-Spre­che­rin den Deut­schen das Neu­es­te aus al­ler Welt vor­liest. Jetzt ka­men Mut­ter und Toch­ter zu­rück in die Burg­mann­stadt.

QUA­KEN­BRÜCK Der Be­such in Qua­ken­brück war für Chrys­san­thi Zer­va­kis ei­ne Zei­t­rei­se. Mehr als 50 Jah­re war sie nicht mehr dort ge­we­sen, bis ih­re Toch­ter Lin­da im Ja­nu­ar 2017 in der Thea­ter­werk­statt Qua­ken­brück aus ih­rem Erst­lings­werks „Kö­ni­gin der bun­ten Tü­te“vor­ge­le­sen hat­te. Im Epi­log zu ih­ren „Ge­schich­ten aus dem Ki­osk“schil­dert Lin­da Zer­va­kis die An­kunft ih­re Mut­ter im kal­ten Qua­ken­brück der 1960er-Jah­ren. Da­bei hat­te Stadt­di­rek­tor Claus Pe­ter Pop­pe die Ge­le­gen­heit ge­nutzt, die Fa­mi­lie Zer­va­kis zu ei­nem wei­te­ren Be­such nach Qua­ken­brück ein­zu­la­den.

Ei­ni­ges im Buch ist Fik­ti­on, aber kalt war es wirk­lich, als Chrys­san­thi Zer­va­kis im März 1962 am Qua­ken­brü­cker Bahn­hof aus dem Zug stieg. „Um 11.30 Uhr ist der Zug an­ge­kom­men“, er­in­nert sie sich ge­nau. An­fang 20 war sie, als sie aus Thes­sa­li­en ins Art­land kam, um ge­mein­sam mit an­de­ren Grie­chen bei der Fahr­rad­fa­brik Ky­nast zu ar­bei­ten. Un­ter­ge­bracht wa­ren die Gas­t­ar­bei­ter in der ehe­ma­li­gen Ka­ser­ne in der Fried­rich­stra­ße, in der sich heu­te das Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus be­fin­det.

„Es sieht ganz an­ders aus“, sagt Chrys­san­thi Zer­va­kis, als Det­lef Bü­low, der sich als ehe­ma­li­ger Ky­nast-Mit­ar­bei­ter in­ten­siv mit der His­to­rie des Un­ter­neh­mens und der Qua­ken­brü­cker Stadt­ge­schich­te be­fasst, im Stadt­mu­se­um his­to­ri­sche An­sich­ten aus Qua­ken­brück prä­sen­tiert. Im Mu­se­um wur­de Chrys­san­thi Zer­va­kis, die mit Toch­ter Lin­da, Sohn Stra­tos und ei­ner gu­ten Freun­din der Fa­mi­lie nach Qua­ken­brück ge­kom­men war, vom Vor­sit­zen­den des Trä­ger­ver­eins des Stadt­mu­se­ums, Jür­gen Wiel­a­ge, und Claus Pe­ter Pop­pe emp­fan­gen. „Bei ih­rer Le­sung ha­ben Sie ei­nen Ou­zo aus­ge­ge­ben. Jetzt re­van­chie­ren wir uns“, sagt Wiel­a­ge und ser­viert ei­nen Art­län­der Löf­fel­trunk. Claus Pe­ter Pop­pe zi­tiert den pas­sen­den Trink­spruch da­zu – na­tür­lich auf Platt­deutsch.

Als sie in Deutsch­land ein­traf, sprach Chrys­san­thi Zer­va­kis kein Deutsch, be­rich­tet sie. Da war es wert­voll, dass ein Mann na­mens Andre­as, ein Grie­che, der mit ei­ner Deut­schen ver­hei­ra­tet war, den Gas­t­ar­bei­te­rin­nen half, sich zu­recht­zu­fin­den. Denn nicht nur die Spra­che war fremd, auch die Ge­bräu­che. Als Det­lef Bü­low ein Foto vom Qua­ken­brü­cker Markt zeigt, lacht Chrys­san­thi Zer­va­kis auf. „Da ha­be ich zum ers­ten Mal ei­ne Ba­na­ne ge­ges­sen.“ Al­ler­dings mit Scha­le, wie sie be­rich­tet. Es ha­be scheuß­lich ge­schmeckt. „Heu­te isst sie die Ba­na­nen oh­ne Scha­le und mag sie sehr ger­ne“, stellt Lin­da Zer­va­kis lä­chelnd klar und wun­dert sich ein biss­chen dar­über, wie frei­mü­tig ih­re Mut­ter er­zählt.

Oh­ne­hin scheint die Jour­na­lis­tin über­rascht, was sie bei ih­rer Mut­ter mit der Re­cher­che für ihr Buch aus­ge­löst hat. Die Er­in­ne­run­gen an die An­fangs­jah­re in Deutsch­land sei­en in der Fa­mi­lie nie the­ma­ti­siert wor­den. „Wir ha­ben ei­gent­lich im­mer al­le

ge­ar­bei­tet. Da blieb kei­ne Zeit da­für“, sagt Lin­da Zer­va­kis.

Chrys­san­thi Zer­va­kis strahlt vor Freu­de, als sie auf ei­nem Foto das Ge­bäu­de er­kennt, in dem sie vor mehr als 50 Jah­ren ge­wohnt hat. „Das ist un­se­re Ka­ser­ne“, ruft sie. „Da ha­ben wir im­mer Ver­ste­cken ge­spielt“, sagt Chrys­san­thi Zer­va­kis und zeigt auf zwei wei­ße Bau­ten an der Ka­ser­ne.

Wie Prin­zes­sin Sora­ya

Die al­ten Fo­tos we­cken im­mer mehr Er­in­ne­run­gen bei ihr. Bei­spiels­wei­se an ei­nen Ge­burts­tag beim Fir­men­chef Ot­to Ky­nast, der den Gäs­ten stolz sei­ne „grie­chi­schen Mäd­chen und Jungs“prä­sen­tier­te. „Al­le wa­ren be­geis­tert.“Oder dar­an, dass sie beim Chef zum ers­ten Mal ei­nen Fern­se­her ge­se­hen hat. Weil sie so aus­se­hen woll­te wie die Prin­zes­sin Sora­ya, Frau vom Schah von Per­si­en, ließ sie sich bei Fri­seur El­ler­mann die lan­gen schwar­zen Haa­re ab­schnei­den. Wohl sehr zur Freu­de des Fri­seurs, der auf ein gu­tes Ge­schäft mit dem Pe­rü­cken­ma­cher spe­ku­lier­te, dem er die ab­ge­schnit­te­ne Haar­pracht zum Kauf an­bie­ten woll­te.

Nur ein Jahr lang blieb Chrys­san­thi Zer­va­kis in Qua­ken­brück. Dann lief ihr Ar­beits­ver­trag aus. Weil die Fir­ma

Ky­nast fi­nan­zi­el­le Pro­ble­me be­kam. Als 14 000 Fahr­rä­der als Re­kla­ma­tio­nen aus den USA zu­rück­ka­men, muss­ten vie­le Ar­bei­ter ent­las­sen wer­den. Die Gas­t­ar­bei­ter mit ei­nem Zeit­ver­trag wur­den an ei­ne Nä­he­rei nach Lin­gen wei­ter­ver­mit­telt. „Da war es aber nicht so schön“, er­in­nert sich Chrys­san­thi Zer­va­kis. Erst als ver­hei­ra­te­te Frau kehr­te sie spä­ter nach

Deutsch­land zu­rück und ließ sich spä­ter in Ham­burg nie­der – da, wo Toch­ter Lin­da erst im Ki­osk der Fa­mi­lie zur „Kö­ni­gin der bun­ten Tü­te“ge­krönt wur­de und 2013 zur ers­ten Ta­ges­schau-Spre­che­rin mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund auf­stieg.

Ih­re Mut­ter ge­hör­te vor mehr als ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert zu den ers­ten Gas­t­ar­bei­tern, die aus Grie­chen­land nach Qua­ken­brück ka­men. Spä­ter, als Claus Pe­ter Pop­pe be­rich­tet, dass heu­te Men­schen aus 83 Na­tio­nen in der Burg­mann­stadt le­ben und dass mehr als 36 Pro­zent der Be­völ­ke­rung ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund ha­ben, staut Chrys­san­thi Zer­va­kis nicht schlecht. „Da­mals gab es au­ßer uns kei­ne Aus­län­der. Wir wa­ren die ein­zi­gen.“

Be­vor die Be­su­cher­grup­pe in Rich­tung Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus auf­bricht, hat Claus Pe­ter Pop­pe noch ei­ne Über­ra­schung pa­rat. Als er Chrys­san­thi Zer­va­kis’ Per­so­nal­k­ar­te von Ky­nast her­vor­zieht, ist es ganz still. Nicht nur sie hat Trä­nen der Rüh­rung in den Au­gen. „Dei­ne Per­so­nal­ak­te“, ent­fährt es Stra­tos Zer­va­kis bei­na­he ehr­fürch­tig. „Hei­ko Bock­stie­gel hat sie ge­fun­den“, be­rich­tet Claus Pe­ter Pop­pe, ehe Det­lef Bü­low die an­däch­ti­ge Stil­le hu­mo­rig durch­bricht: „Noch ei­nen Schnaps?“

Den gibt es nicht, statt­des­sen Kaf­fee und Art­län­der Ap­fel­ku­chen im Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus, dort wo Chrys­san­thi Zer­va­kis einst ge­wohnt hat. „Im Par­terre“, er­in­nert sie sich. Als sie drau­ßen hin­ter dem Haus steht und auf die ro­ten Back­stein­mau­ern schaut, ist wie­der so ein be­son­de­rer Mo­ment, in dem Chrys­san­thi Zer­va­kis in Ge­dan­ken in den 1960er-Jah­ren zu sein scheint. „Er­in­nerst du es?“, fragt Toch­ter Lin­da. „Mei­ne Ka­ser­ne“, sagt Chrys­san­thi Zer­va­kis lei­se fast zu sich selbst, „ich bin glück­lich.“

Fo­tos: Mir­ko Nord­mann (3), Det­lef Bü­low

Über­ra­schung ge­lun­gen: Claus Pe­ter Pop­pe über­reicht Chrys­san­thi Zer­va­kis ih­re Per­so­nal­k­ar­te der Fahr­rad­fa­brik Ky­nast, wo sie 1962 ein hal­bes Jahr lang ar­bei­te­te. Auch Sohn Stra­tos und Toch­ter Lin­da sind ge­rührt. Bei der Be­grü­ßung im Stadt­mu­se­um ließ sich nicht nur Lin­da Zer­va­kis den Art­län­der Löf­fel­trunk schme­cken. An­schlie­ßend be­such­te Fa­mi­lie Zer­va­kis die ehe­ma­li­ge Ka­ser­ne an der Fried­rich­stra­ße, wo Chrys­san­thi Zer­va­kis da­mals un­ter­ge­bracht war, und das al­te Ky­nast­ge­län­de.

Fo­tos: Zer­va­kis, Stadt­mu­se­um

Er­in­ne­run­gen: Chrys­san­thi Zer­va­kis (vor­ne links, lin­kes Foto) und ih­re grie­chi­schen Kol­le­gen bei Ky­nast. Rechts die der Ka­ser­ne, wo sie ge­wohnt hat.

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