Voll­mer ver­spricht Spiel in Deutsch­land

Ex-NFL-Pro­fi Voll­mer über den wach­sen­den Markt, sei­ne Ex­per­ten­rol­le und Bra­dy

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEITE - Von Chris­toph Schil­ling­mann

OS­NA­BRÜCK Seit rund ei­ner Wo­che läuft die Sai­son in der NFL, der nord­ame­ri­ka­ni­schen Pro­fi­li­ga im Ame­ri­can Foot­ball. Der Deut­sche Se­bas­ti­an Voll­mer kennt die Li­ga als ehe­ma­li­ger Spie­ler ge­nau. Dar­über spricht er im aus­führ­li­chen In­ter­view.

Der frü­he­re deut­sche Foot­ball-Pro­fi Se­bas­ti­an Voll­mer hat mit den New En­g­land Pa­tri­ots zwei­mal den Su­per Bowl in der Na­tio­nal Foot­ball Le­ague (NFL) ge­won­nen. Im In­ter­view spricht der 34Jäh­ri­ge über sei­ne TV-Ex­per­ten­rol­le, den wach­sen­den Markt in Deutsch­land und Tom Bra­dy. Herr Voll­mer, die neue NFL-Sai­son ist am ver­gan­ge­nen Wo­che­n­en­de ge­star­tet. Freu­en Sie sich, dass die foot­ball­freie Zeit end­lich vor­bei ist?

Ja, auf je­den Fall. Es fühlt sich für mich aber im­mer noch ko­misch an. Sonst war ich in der Zeit vor dem Sai­son­be­ginn im­mer sehr ein­ge­spannt. Man war fast nie zu Hau­se und sehr viel im Trai­nings­la­ger. Und zum Auf­takt wur­de es dann rich­tig ernst. Nun kann ich mit­fie­bern, oh­ne den Schmer­zen aus­ge­setzt zu sein. Ich sit­ze jetzt auf der an­de­ren Sei­te und ana­ly­sie­re die Jungs.

Sie sind bei Ran NFL-Ex­per­te und Co-Kom­men­ta­tor. Wie oft wer­den Sie in die­sen Funk­tio­nen im Fern­se­hen zu se­hen sein?

Ich wer­de nicht je­des Spiel ma­chen, weil mein Le­bens­mit­tel­punkt in den USA ist. Es ist zu an­stren­gend, je­de Wo­che nach Deutsch­land zu flie­gen. Aber ich wer­de un­ge­fähr ein­mal im Mo­nat zu se­hen sein. Wenn es Rich­tung Play­offs und spä­ter in die hei­ße Pha­se geht, wahr­schein­lich noch öf­ter.

Was ge­fällt Ih­nen an die­ser Ar­beit?

Zum ei­nen ist es ei­ne wun­der­ba­re Zu­sam­men­ar­beit mit dem Team. Und zum an­de­ren kann man kaum nä­her an dem Sport blei­ben, wenn man nicht selbst spielt oder coacht. Ich muss mich aber trotz­dem vor­be­rei­ten. Ich stu­die­re im­mer noch den Geg­ner und die Na­men der Spie­ler. Man bleibt so im Foot­ball in­vol­viert. In mei­ner Ex­per­ten­rol­le möch­te ich den Fans et­was zu­rück­ge­ben und ih­nen er­zäh­len, was ich er­lebt ha­be. Und ich möch­te ih­nen den Foot­ball als Sport­art noch mal nä­her­brin­gen.

Es gibt ja auch nichts Schö­ne­res, als über sei­ne Lieb­lings­sport­art zu phi­lo­so­phie­ren, oder?

Rich­tig. Es fühlt sich auch ir­gend­wie nicht wie Ar­beit an. Das ist das Schö­ne. Man hat Spaß, und die Re­so­nanz der Fans ist ein­fach der Wahn­sinn. Sie lie­ben den Sport ein­fach, und es ist fast schon wie ein klei­ner Eli­te­club.

Und die­se Fan­ge­mein­de ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ja auch stark ge­wach­sen. Wor­an liegt das?

Ich weiß nicht, war­um sie so stark ge­wach­sen ist. Ent­we­der durch die Auf­merk­sam­keit der Me­di­en oder an­ders her­um. Aber Foot­ball läuft ja mitt­ler­wei­le im Free-TV. Da­durch ist der Sport ein­fach be­kann­ter ge­wor­den.

Und be­lieb­ter.

Als ich am An­fang mei­ner Kar­rie­re in Düs­sel­dorf ge­spielt ha­be, wa­ren 200 Zu­schau­er auf der Tri­bü­ne. Drei Vier­tel da­von wa­ren El­tern und Freun­de. Beim Foot­ball ist es an­ders als beim Fuß­ball. Der Sport ist phy­si­scher, und ein Spiel dau­ert län­ger. In Ame­ri­ka ist ein Spiel wie ein Fa­mi­li­en­tag. Die Leu­te sind drei St­un­den vor dem Spiel da. Sie gril­len drau­ßen und ver­brin­gen den Tag zu­sam­men. In Deutsch­land sit­zen die Fans teil­wei­se zu zehnt nachts vor dem Fern­se­her.

Das ist der ab­so­lu­te Wahn­sinn und ir­gend­wie schwer zu er­klä­ren.

Ist der Markt in Deutsch­land Ih­rer Mei­nung ein wich­ti­ger für die NFL?

Ab­ge­se­hen von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist er so­gar der wich­tigs­te. Deutsch­land ist der am schnells­ten wach­sen­de Markt, und die NFL will das gan­ze Ge­schäft wei­ter wach­sen se­hen. In Ame­ri­ka ist der Markt ein Stück weit ge­sät­tigt. Es gibt ja schon al­le zwei Mi­nu­ten Wer­bung. Des­we­gen ver­su­chen die Ei­gen­tü­mer na­tür­lich, ins Aus­land zu ge­hen. Sie se­hen das Po­ten­zi­al in Deutsch­land, und sie se­hen auch die Ein­schalt­quo­ten. Es wird auch ein Spiel nach Deutsch­land kom­men.

Wann könn­te das pas­sie­ren?

Es gibt die­sen Plan schon sehr lan­ge. Aber es dau­ert wahr­schein­lich noch ein biss­chen, für mei­nen Ge­schmack noch et­was zu lan­ge. Aber es wird kom­men. Es gibt Be­den­ken we­gen der Sprach­bar­rie­re, was für mich un­be­greif­lich ist. Es ist zu­dem noch nicht si­cher, in

wel­cher Stadt das Spiel in Deutsch­land statt­fin­den soll.

Dann wä­ren die Teams für ein Spiel aber lan­ge un­ter­wegs…

Ja, das stimmt. Für die Teams, die in Deutsch­land spie­len, ist es ein Nach­teil. Sie sit­zen dann lan­ge im Flug­zeug. Das wol­len die Teams, die Spie­ler und die Trai­ner sich na­tür­lich nicht an­tun. Aber das müs­sen die Ei­gen­tü­mer mit­ein­an­der aus­ma­chen.

Hät­te ein Spiel in Deutsch­land für die Teams auch Vor­tei­le?

Das Team, das sich zu­erst eta­bliert, kann den Markt zum Bei­spiel in Sa­chen Mer­chan­di­sing für sich er­obern. Das sind schon kal­ku­lier­te Ri­si­ken, die sie da ein­ge­hen. Dann kön­nen sie den Fans auch ein biss­chen et­was zu­rück­ge­ben. Ich bin im­mer da­von be­ein­druckt, wenn sie sich von 2 bis 5 Uhr ei­ne Nacht um die Oh­ren hau­en, um ein Spiel zu gu­cken.

2016 ha­ben Sie Ih­re Kar­rie­re be­en­det. Was ha­ben Sie in den ver­gan­ge­nen zwei Jah­ren ge­macht?

Für mich stand am An­fang ganz klar die Ge­sund­heit. Ich ha­be mit knapp 150 Ki­lo­gramm ge­spielt. Im nor­ma­len Le­ben hilft es we­nig, so groß und breit zu sein. Des­halb war für mich klar, dass ich erst mal Ge­wicht ver­lie­re. Ich ha­be dann et­wa 35 Ki­lo­gramm ab­ge­nom­men, mei­ne Er­näh­rung um­ge­stellt und bin in der Re­ha ge­we­sen. Das hat ei­ne Zeit ge­dau­ert.

Und Sie ha­ben ein Buch mit dem Ti­tel „Ger­man Cham­pi­on“ver­fasst. War­um ha­ben Sie sich da­zu ent­schie­den?

Ich ha­be das Buch ei­ner­seits für mei­ne Fa­mi­lie und Freun­de ge­schrie­ben. An­de­rer­seits woll­te ich den Fans ei­nen Ein­blick hin­ter die Ku­lis­sen ge­ben. Das Buch han­delt von mei­ner An­fangs­zeit bei den Düs­sel­dorf Pan­thers, mei­nem Col­le­ge-Le­ben und mei­ner Zeit in der NFL. Es ist ei­ne sehr ehr­li­che Ge­schich­te und ein sehr ehr­li­ches Buch. Dar­in er­zäh­le ich von den gu­ten und schlech­ten Zei­ten.

Wel­che gu­ten und schlech­ten Zei­ten ha­ben Sie denn er­lebt?

Das wä­ren zum Bei­spiel Selbst­zwei­fel und Zwei­fel von an­de­ren Spie­lern. Das fing schon ganz früh an im Col­le­ge. Wenn man als Spie­ler zum Bei­spiel Sät­ze von Trai­nern hört wie: ,Da hat man schon wie­der ein Sti­pen­di­um ver­schwen­det.‘ Auf der an­de­ren Sei­te ha­be ich ge­lernt, wie man sich mit har­ter Ar­beit durch­setzt. Ich ha­be mit den New En­g­land Pa­tri­ots zwei Meis­ter­schaf­ten in der höchs­ten Li­ga in mei­nem Sport ge­won­nen. Das war ein Wahn­sinns-Ge­fühl.

Was trau­en Sie Ih­rem ExVer­ein zu?

Sie kön­nen wie­der Meis­ter wer­den. Aber ich ha­be Zwei­fel, dass sie es schaf­fen. Das Ta­lent ist da, und Tom Bra­dy ist ein wich­ti­ger Fak­tor.

Es wird oft ge­sagt, dass Bra­dy bes­ser spielt, je äl­ter er wird. Stimmt das?

Das stimmt. Er hat ein Wahn­sinns-Ta­lent. Auch wenn er nicht mehr trai­nie­ren wür­de, wä­re er trotz­dem ei­ner der bes­ten Quar­ter­backs. Sein men­ta­ler Stil hilft ihm ge­wal­tig. Er weiß vor­her, was der Geg­ner macht. Je mehr Er­fah­rung er sam­melt, des­to mehr be­für­wor­tet das sei­nen Stil. Er macht es nicht mit bra­chia­ler Ge­walt. Er hat ei­nen gu­ten Arm und ist men­tal stark.

Se­bas­ti­an Voll­mer:

Ger­man Cham­pi­on. Die Ge­schich­te mei­ner NFLKar­rie­re. Mün­chen 2018, 192 Sei­ten, Ver­lag Ri­va, 19,99 Eu­ro.

Fo­tos: Wit­ters (2), imago/Icon SMI, imago/Schü­ler

Zu sei­ner ak­ti­ven Zeit hielt Ex-NFL-Star Se­bas­ti­an Voll­mer (Num­mer 76) sei­nem Quar­ter­back Tom Bra­dy (mitt­le­res Bild, rechts) den Rü­cken frei. Mit den New En­g­land Pa­tri­ots ge­wann der 34-Jäh­ri­ge zwei­mal den Su­per Bowl und wur­de vom da­ma­li­gen US-Prä­si­den­ten Ba­rack Oba­ma (un­ten) im Wei­ßen Haus emp­fan­gen.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.