War­nung vor dem Me­ga-Bun­des­tag

ANA­LY­SE Schäu­b­le hält Ver­klei­ne­rung erst 2025 für mög­lich / 1000 Ab­ge­ord­ne­te?

Bersenbrucker Kreisblatt - - POLITIK - Von Bea­te Ten­fel­de

BER­LIN Bei der Bun­des­tags­wahl vor ei­nem Jahr er­ran­gen 709 Ab­ge­ord­ne­te ein Man­dat. Ein Re­kord: Es ist der größ­te Bun­des­tag in der Ge­schich­te der Bun­des­re­pu­blik. Das soll sich än­dern, doch die Frak­tio­nen mau­ern.

Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le (CDU), der in ei­ner Ar­beits­grup­pe die Ver­klei­ne­rung des Bun­des­tags vor­an­treibt, sieht jetzt die Chan­cen schwin­den. Ei­nen Ab­bau von Man­da­ten wer­de es erst nach der über­nächs­ten Bun­des­tags­wahl ge­ben, al­so nach 2025. Die da­für er­for­der­li­che Re­form kom­me ei­ner „Qua­dra­tur des Krei­ses na­he“, sagt er.

Da­bei ist schon jetzt die Ka­pa­zi­tät des Sit­zungs­saals un­ter der Reichs­tags­kup­pel aus­ge­reizt. Und auch Bü­ro­räu­me sind knapp. Zu­dem ist ein gro­ßer Bun­des­tag teu­er. Aus Sicht des Steu­er­zah­ler­bunds könn­ten mehr als 90 Mil­lio­nen Eu­ro ge­spart werden, wenn das Par­la­ment nur noch 500 Ab­ge­ord­ne­te hät­te. Der Bund der Steu­er­zah­ler drängt da­her auf die Ver­klei­ne­rung des Par­la­ments. „Die da­für nö­ti­ge Wahl­rechts­re­form muss an­ge­packt werden – und zwar jetzt“, sag­te Prä­si­dent Rei­ner Holz­na­gel un­se­rer Re­dak­ti­on.

Nach sei­nen Wor­ten ist es „ex­trem är­ger­lich“, dass sich die Frak­tio­nen in die­ser Fra­ge nicht ver­stän­di­gen kön­nen. Er nann­te es „fahr­läs­sig und in­ak­zep­ta­bel“, wenn al­les so blie­be, wie es sei. Die Kom­ple­xi­tät ei­ner Wahl­rechts­re­form dür­fe man „nicht stän­dig als Fei­gen­blatt miss­brau­chen“, um am En­de gar nichts in die We­ge zu lei­ten.

Was ge­nau macht die Re­form so kom­pli­ziert? Gro­ße wie klei­ne Par­tei­en be­fürch­ten, da­bei schlecht weg­zu­kom­men: Gro­ße Par­tei­en mit vie­len Di­rekt­man­da­ten – al­so Ab­ge­ord­ne­ten, die ih­re Wahl­krei­se mit der Erst­stim­me ge­won­nen ha­ben – wol­len na­tür­lich nicht, dass die Zahl der Wahl­krei­se ver­rin­gert wird. Klei­ne Par­tei­en mit we­ni­gen Di­rekt­man­da­ten – al­so mit vie­len Ab­ge­ord­ne­ten, die über die Lan­des­lis­ten der Par­tei­en in den Bun­des­tag ge­kom­men sind – wol­len aber auch nicht, dass die Zweit­stim­men we­ni­ger Ge­wicht be­kom­men.

Ein zu­sätz­li­ches Pro­blem ist die Zer­split­te­rung der Par­tei­en­land­schaft. „Es be­steht die gro­ße Ge­fahr, dass wir auf ei­nen Me­ga-Bun­des­tag mit 900 oder so­gar 1000 Ab­ge­ord­ne­ten zu­steu­ern“, warnt der Prä­si­dent des Steu­er­zah­ler­bunds. Ei­ne ef­fi­zi­en­te Or­ga­ni­sa­ti­on der par­la­men­ta­ri­schen Ar­beit wä­re dann un­mög­lich. „Die par­la­men­ta­ri­sche De­mo­kra­tie wür­de gro­ßen Scha­den neh­men und der Bun­des­tag ei­nen Kol­laps er­le­ben“, so Holz­na­gel.

Bun­des­tags­vi­ze­prä­si­dent Wolf­gang Ku­bi­cki (FDP) ver­tei­digt da­ge­gen den Auf­schub ei­ner Wahl­rechts­re­form. Der ent­spre­chen­de Vor­schlag von Schäu­b­le sei „nach­voll­zieh­bar“, sag­te Ku­bi­cki un­se­rer Re­dak­ti­on. Es ge­hö­re zu den un­ge­schrie­be­nen Ge­set­zen, dass Wahl­rechts­än­de­run­gen nicht in der nächs­ten, son­dern in der über­nächs­ten Le­gis­la­tur­pe­ri­ode grei­fen.

„Es wird oh­ne­hin ein schwie­ri­ges Un­ter­fan­gen“, be­ton­te der Li­be­ra­le. Er hof­fe aber, dass die not­wen­di­ge Ver­klei­ne­rung des Bun­des­ta­ges dann auch schnellst­mög­lich er­reicht wer­de. Es sei „nie­man­dem mehr ver­mit­tel­bar, dass Deutsch­land die zweit­größ­te Volks­ver­tre­tung der Welt hat – nur ge­toppt vom Chi­ne­si­schen Volks­kon­gress“. Die­ser re­prä­sen­tie­re al­ler­dings auch über ei­ne Mil­li­ar­de Men­schen.

Das The­ma und der Streit sind üb­ri­gens nicht neu. Be­reits im März 1993 hat­te die da­ma­li­ge Bun­des­tags­prä­si­den­tin Ri­ta Süss­muth (CDU) den Ab­bau von Man­da­ten be­für­wor­tet. Da­mals gab es 662 Ab­ge­ord­ne­te. Zur Er­in­ne­rung: Der ers­te Deut­sche Bun­des­tag hat­te gera­de mal 400 Mit­glie­der.

Fo­to: AFP

Wolf­gang Schäu­b­le

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