AfD in Nie­der­sach­sen im­plo­diert

Pro­test ge­gen neu­en Lan­des­chef

Bersenbrucker Kreisblatt - - VORDERSEIT­E - Von Lars Laue

HANNOVER Nach dem dro­hen­den Kol­laps der AfDLand­tags­frak­ti­on in Nie­der­sach­sen bro­delt es ge­wal­tig in der Par­tei. Der neue Lan­des­chef Jens Kest­ner hat den Aus­tritt drei­er Ab­ge­ord­ne­ter aus der Frak­ti­on scharf kri­ti­siert. „Ich war scho­ckiert, als ich da­von ge­hört ha­be“, sag­te Kest­ner un­se­rer Re­dak­ti­on und warf der Ex-Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den Da­na Guth ei­ne „Trotz­re­ak­ti­on“vor.

„Es ist un­ver­ant­wort­lich, dass sich Frau Guth auf­grund ih­rer Nie­der­la­ge bei der Wahl zum Lan­des­vor­sitz und aus Sor­ge, nun auch nicht wie­der an die Frak­ti­ons­spit­ze ge­wählt zu wer­den, so ver­hal­ten hat“, sag­te der 48-Jäh­ri­ge. Er hat­te sich beim Par­tei­tag am 12. Sep­tem­ber nur knapp ge­gen Ex-Lan­des­che­fin Guth durch­ge­setzt.

Kest­ner wird dem of­fi­zi­ell auf­ge­lös­ten, völ­kisch-na­tio­na­len „Flü­gel“in­ner­halb der AfD zu­ge­rech­net, Guth gilt als ge­mä­ßigt. Am Di­ens­tag hat­ten Guth so­wie die Ab­ge­ord­ne­ten Stefan Wirtz und Jens Ah­rends die neun­köp­fi­ge Land­tags­frak­ti­on ver­las­sen. Die­se ver­fügt da­mit nicht mehr über die er­for­der­li­che Min­dest­grö­ße von sie­ben Ab­ge­ord­ne­ten.

Des­halb er­hält die AfD be­reits ab kom­men­dem Mo­nat nicht mehr die ihr bis­lang für die Frak­ti­on zu­ste­hen­de För­de­rung von mo­nat­lich rund 100 000 Eu­ro. Au­ßer­dem sind dem Land­tag die nicht für die Frak­ti­ons­ar­beit ver­wen­de­ten Zu­schüs­se zu­rück­zu­zah­len und al­le da­mit be­schaff­ten Ge­gen­stän­de wie et­wa Com­pu­ter zu­rück­zu­ge­ben. Vom Frak­ti­ons­ap­pa­rat ge­nutz­te Zim­mer im Land­tag müs­sen ge­räumt wer­den.

Auch bei der Os­na­brü­cker AfD kracht es: We­gen in­ter­ner Strei­tig­kei­ten trat der Kreis­vor­stand ge­schlos­sen zu­rück. Der Ex-Vor­sit­zen­de Flo­ri­an Mey­er sprach von wie­der­hol­ten Ver­su­chen, die Ar­beit der Füh­rungs­spit­ze zu dis­kre­di­tie­ren. Aus­schlag­ge­bend sei auch Guths Ab­wahl als Lan­des­che­fin ge­we­sen.

„Wenn füh­ren­de Köp­fe des ,auf­ge­lös­ten‘ Flü­gels nun die Rich­tung des Lan­des­ver­ban­des vor­ge­ben, kann ich mei­ne Loya­li­tät die­sem Lan­des­vor­stand nicht aus­spre­chen“, so Mey­er. Lan­des­chef Kest­ner er­klär­te, die Ar­gu­men­ta­ti­on ent­beh­re jeg­li­cher Grund­la­ge. Ent­wick­lun­gen wie in Os­na­brück sei­en im Ems­land nicht zu er­war­ten, hieß es ges­tern von der dor­ti­gen AfD: „ Ak­tu­ell gibt es kei­ne Ten­den­zen, die dar­auf schlie­ßen las­sen könn­ten.“

Der Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Kest­ner un­ter­stützt der­weil die For­de­rung des Chefs der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on, Alex­an­der Gau­land, ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren ge­gen Guth in Gang zu set­zen. „Wer nach ei­ner in­ner­par­tei­li­chen Nie­der­la­ge gleich al­les hin­schmeißt, mit dem kann man nicht zu­sam­men po­li­tisch kämp­fen und der hat das We­sen ei­ner de­mo­kra­ti­schen Par­tei nicht ver­stan­den“, er­klär­te Gau­land.

HANNOVER Be­schei­den­heit ist sei­ne Sa­che nicht: „Mei­ne Kan­di­da­tur war das Ein­zi­ge, was un­se­rer AfD in Nie­der­sach­sen noch hel­fen konn­te“, sagt der neue Lan­des­chef Jens Kest­ner im In­ter­view. Au­ßer­dem ver­rät der 48-Jäh­ri­ge, wo er po­li­tisch steht und wie er die Par­tei zum Er­folg füh­ren will.

Herr Kest­ner, Sie sind seit ein­ein­halb Wo­chen neu­er Lan­des­chef der AfD-Nie­der­sach­sen. Nun steht die Land­tags­frak­ti­on vor ih­rer Auf­lö­sung, weil die bis­he­ri­ge Frak­ti­ons­che­fin Da­na Guth und zwei wei­te­re Ab­ge­ord­ne­te aus der Frak­ti­on aus­ge­tre­ten sind. Hat Sie das über­rascht?

Das hat mich to­tal über­rascht. Ich war scho­ckiert, als ich da­von ge­hört ha­be. Es ist un­ver­ant­wort­lich, dass sich Frau Guth auf­grund ih­rer Nie­der­la­ge bei der Wahl zum Lan­des­vor­sitz und aus Sor­ge, nun auch nicht wie­der an die Frak­ti­ons­spit­ze ge­wählt zu wer­den, so ver­hal­ten hat.

Der Vor­sit­zen­de der Af­DBun­des­tags­frak­ti­on, Alex­an­der Gau­land, for­dert ein Par­tei­aus­schluss­ver­fah­ren ge­gen Guth. Sie auch?

Ja. Wenn man ei­ne Frak­ti­on zer­reißt, die jetzt kein Geld mehr hat und po­li­tisch nicht mehr wir­ken kann, kann man aus mei­ner Sicht schon von ei­nem par­tei­schä­di­gen­den Ver­hal­ten spre­chen. Das Han­deln von Frau Guth ist po­li­tisch voll­kom­men un­ver­ständ­lich. Po­li­tik be­deu­tet im­mer auch, Kom­pro­mis­se zu schlie­ßen und vor al­lem auch, sich das ei­ge­ne Schei­tern ein­zu­ge­ste­hen und den­noch wei­ter für die Sa­che zu kämp­fen.

Wie ste­hen die Chan­cen, dass doch noch mal sie­ben AfD-Ab­ge­ord­ne­te zu­sam­men­fin­den. Sind Sie mit Da­na Guth im Ge­spräch?

Ich ha­be mit Frau Guth jetzt noch nicht ge­spro­chen. Grund­sätz­lich wür­de ich es be­grü­ßen, wenn ei­ner von den drei­en noch mal in sich geht, sei­ne Ent­schei­dung über­denkt und zu dem Er­geb­nis kommt, dass der Schritt ein gro­ßer Feh­ler war und dann doch in der Frak­ti­on bleibt, um wei­ter für die Zie­le und Idea­le der AfD zu

kämp­fen. Die­se Tür soll­ten wir je­den­falls of­fen hal­ten.

Es heißt, Sie sei­en dem of­fi­zi­ell auf­ge­lös­ten, völ­ki­sch­na­tio­na­lis­ti­schen „Flü­gel“zu­zu­rech­nen. Der Kreis­vor­stand in Os­na­brück ist be­reits ge­schlos­sen zu­rück­ge­tre­ten. Ein Grund lau­tet, dass „nie­der­säch­si­sche füh­ren­de Köp­fe des auf­ge­lös­ten Flü­gels nun die Rich­tung des Lan­des­ver­ban­des“vor­gä­ben – ei­ne kla­re Kri­tik an Ih­rer Per­son.

Es gibt ja kei­nen „Flü­gel“mehr, al­so braucht man da­von auch nicht zu spre­chen. Ich war auch nie Mit­glied die­ses „Flü­gels“. Ich ha­be über ei­nen An­walt beim In­nen­mi­nis­te­ri­um hier in Nie­der­sach­sen ei­ne weit­rei­chen­de Selbst­aus­kunft ein­ge­holt. In der Ant­wort stand

ganz klar, dass kei­ne Ak­te über mich ge­führt wird und ich auch nicht be­ob­ach­tet wer­de und so­mit auch nicht dem „Flü­gel“zu­ge­rech­net wer­de. Die Ar­gu­men­ta­ti­on ent­behrt folg­lich jeg­li­cher Grund­la­ge.

Ih­re Nä­he zu den als rechts­ex­trem gel­ten­den und einst dem „Flü­gel“zu­ge­hö­ri­gen Po­li­ti­kern Björn Hö­cke und Andre­as Kal­bitz ist al­ler­dings of­fen­kun­dig.

Ja, ich se­he mich durch­aus in der Nä­he die­ser bei­den Her­ren, schon al­lei­ne des­halb, weil sie er­folg­rei­che Par­tei­funk­tio­nä­re sind be­zie­hungs­wei­se wa­ren.

Wo se­hen Sie sich in­ner­halb der AfD, wür­den Sie sich als rechts­ex­trem be­zeich­nen?

Nein, das wür­de ich nicht. Ich be­zeich­ne mich als bür­ger­lich, kon­ser­va­tiv und pa­trio­tisch.

Wie passt da­zu, dass Sie bei ei­ner AfD-De­mons­tra­ti­on im Au­gust ver­gan­ge­nen Jah­res in Hannover vom dro­hen­den Ver­lust un­se­rer Hei­mat und des „Ei­ge­nen“auf­grund des Entar­tens un­se­rer Ge­sell­schaft durch Ein­wan­de­rung ge­spro­chen ha­ben?

In Re­den wird man­ches über­spitzt. Das mit dem „Entar­ten der Ge­sell­schaft“hat­te ich üb­ri­gens dem So­zi­al­de­mo­kra­ten Hel­mut Schmidt ent­lie­hen und das mit dem „Ver­tei­di­gen des Ei­ge­nen“stammt von dem CSU-Po­li­ti­ker Franz Jo­sef Strauß. Kei­ner der bei­den steht in dem Ver­dacht, völ­kisch oder rechts­ex­trem ge­we­sen zu sein. Ich ha­be al­so po­li­ti­sche Aus­sa­gen auf­ge­grif­fen, die es von de­mo­kra­ti­schen Par­tei­en in Deutsch­land be­reits gab und die nach wie vor rich­tig sind.

Wel­ches Pro­fil wol­len Sie der AfD Nie­der­sach­sen in den kom­men­den zwei Jah­ren Ih­rer Amts­zeit ge­ben?

Wir wa­ren und sind ei­ne zu­tiefst bür­ger­li­che Par­tei, auch wenn ei­ni­ge von au­ßen nun ver­su­chen, uns das ab­zu­spre­chen. Wir sind kon­ser­va­tiv und pa­trio­tisch, und das müs­sen wir deut­li­cher zei­gen. Wir sind die na­tür­li­che Nach­fol­ge­par­tei der CDU, die ih­re Wer­te ver­ra­ten hat. Sonst wür­de es uns ja gar nicht ge­ben. Die CDU ist so weit nach links ge­rückt, dass sie für uns als AfD Platz ge­macht hat. Dar­über hin­aus se­hen wir uns auch als Par­tei der klei­nen Leu­te, die sich von der SPD nicht mehr aus­rei­chend ver­tre­ten füh­len kön­nen.

Weht in Nie­der­sach­sen künf­tig ein an­de­rer AfDWind?

Es wird nach der lau­en Bri­se auf je­den Fall ein fri­scher Wind we­hen. Wir müs­sen prä­sen­ter und hör­ba­rer wer­den, und da­für ste­he ich. Wir wer­den al­so un­se­re Zie­le ver­mehrt bei Kund­ge­bun­gen und De­mons­tra­tio­nen auf die Stra­ße tra­gen und auch Saal­ver­an­stal­tun­gen ma­chen.

Wie wol­len Sie ver­hin­dern, für Na­zis at­trak­tiv und von Rechts­ra­di­ka­len un­ter­wan­dert zu wer­den?

Es gibt kei­nen Rechts­ruck in der AfD in Nie­der­sach­sen. Wir sind und blei­ben bür­ger­lich-kon­ser­va­tiv und pa­trio­tisch, und das wer­de ich künf­tig noch stär­ker her­aus­ar­bei­ten. Das be­deu­tet gleich­zei­tig, dass wir nicht dul­den wer­den, wenn Na­zis zu uns kom­men. Die ha­ben auch wei­ter kei­nen Platz in der AfD.

Bei der Land­tags­wahl 2017 hat­te die AfD 6,2 Pro­zent der Stim­men er­reicht. Wie lau­tet Ihr Ziel für die Land­tags­wahl 2022?

Mein Ziel ist es, in Nie­der­sach­sen ein zwei­stel­li­ges Er­geb­nis zu er­zie­len, und da bin ich gu­ter Din­ge.

Das gan­ze In­ter­view

Fo­to: dpa/Swen Pförtner

Kein Rechts­ruck: Jens Kest­ner, AfD-Lan­des­chef in Nie­der­sach­sen, sieht sei­ne Par­tei als bür­ger­lich-kon­ser­va­tiv und pa­trio­tisch.

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