Wie soll das Asyl­pa­ket der EU funk­tio­nie­ren?

ANA­LY­SE Kon­se­quen­te­re Ab­schie­bun­gen vor­ge­se­hen – doch wer bei den Plä­nen mit­macht, ist un­klar

Bersenbrucker Kreisblatt - - POLITIK - Von Detlef Drewes und To­bi­as Schmidt

BRÜSSEL/BERLIN Kann die­ses neue Asyl­pa­ket ei­nen Neu­an­fang des Um­gangs mit Schutz­su­chen­den brin­gen? Das ist der An­spruch, den die EU-Kom­mis­si­on er­hebt. Hier die wich­tigs­ten Fra­gen und Ant­wor­ten da­zu.

Wie will die EU die ho­he Zahl der Mi­gran­ten ver­rin­gern? Ge­plant ist ei­ne Of­fen­si­ve, um zu Ver­ein­ba­run­gen mit den Nicht-EU-Län­dern in der Nach­bar­schaft zu kom­men. Das be­trifft vor al­lem Staa­ten im nord­afri­ka­ni­schen und ara­bi­schen Raum. Sie sol­len zum ei­nen Flucht­ur­sa­chen be­sei­ti­gen und zum an­de­ren ab­ge­wie­se­ne Asyl­be­wer­ber aus ih­ren Staa­ten zu­rück­neh­men. Das In­stru­ment da­für heißt Part­ner­schafts­hil­fen. Die Uni­on bie­tet Geld ge­gen in­ne­re Re­for­men an.

In Mo­ria herrsch­ten schreck­li­che Zu­stän­de. Wie sol­len Auf­nah­me­zen­tren künf­tig aus­se­hen? Die EU will ih­re ei­ge­ne Asyl-Ex­per­ten und Spe­zia­lis­ten stär­ker ein­be­zie­hen und die Zen­tren ma­na­gen las­sen, da­mit nicht er­neut sol­che über­lau­fe­nen La­ger ent­ste­hen. Me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung, or­dent­li­che Ver­pfle­gung, rechts­staat­lich sau­be­re Asyl­ver­fah­ren mit Ein­zel­fall­prü­fung und Rechts­in­stru­men­ten des Ein­spruchs ge­gen ei­nen Be

scheid – das soll al­les si­cher­ge­stellt wer­den.

Wie soll ein Asyl­ver­fah­ren künf­tig ab­lau­fen? In den ers­ten fünf Ta­gen nach der An­kunft wer­den Hil­fe­su­chen­de me­di­zi­nisch be­treut, iden­ti­fi­ziert und müs­sen sich ei­nem Si­cher­heits­check un­ter­zie­hen. Die Da­ten wer­den in der Eu­ro­dac-Fin­ger­ab­druckDa­tei er­fasst. Wer da­bei auf­fällt, weil er schon ein­mal ei­ne Ein­rei­se in die EU ver­sucht hat, wird kon­se­quent ab­ge­scho­ben. Dann sol­len die ei­gent­li­chen Asyl­ver­fah­ren in­ner­halb von zwölf Wo­chen ab­ge­wi­ckelt wer­den. An­schlie­ßend kön­nen an­er­kann­te Asyl­be­wer­ber in das EU-Land wei­ter­rei­sen, das ih­nen zu­ge­wie­sen wird.

Es gibt kei­ne freie Wahl. Al­ler­dings sol­len Fa­mi­li­en­ban­de be­rück­sich­tigt wer­den.

Wie sieht die neue So­li­da­ri­tät aus? Al­le Mit­glied­staa­ten ver­pflich­ten sich zur Mit­ver­ant­wor­tung. In nor­ma­len Zei­ten kön­nen die EU-Staa­ten ein­an­der frei­wil­lig hel­fen. Ge­rät ein Land un­ter Druck, kann es je­doch ei­nen so­ge­nann­ten Mecha­nis­mus für ver­pflich­ten­de So­li­da­ri­tät aus­lö­sen. Die EU-Län­der müss­ten dann ent­we­der Mi­gran­ten auf­neh­men oder an­der­wei­tig hel­fen, et­wa durch Ab­schie­bun­gen. Tritt ei­ne Kri­se wie 2015 ein, greift ein Kri­sen-Mecha­nis­mus. Dann wird die Aus­wahl der Hilfs­mög­lich­kei­ten ge­rin­ger: Ent­we­der es wer­den Mi­gran­ten

auf­ge­nom­men. Oder der Staat muss die Ab­schie­bung ei­ner be­stimm­ten An­zahl von ab­ge­lehn­ten Asyl­be­wer­bern ga­ran­tie­ren. Die­se Ab­schie­bung soll in­ner­halb von acht Mo­na­ten er­fol­gen. Ge­lingt das nicht, muss das Land sie selbst auf­neh­men.

Müs­sen al­le mit­ma­chen? Re­gie­run­gen kön­nen sich wei­ter der Auf­nah­me ver­wei­gern, müs­sen sich dann aber in an­de­rer Form ein­brin­gen. Das kann die Ent­sen­dung von Spe­zia­lis­ten zum Schutz der Au­ßen­gren­zen oder für die Ret­tungs­pa­trouil­len auf dem Mit­tel­meer sein. Denk­bar sind auch hö­he­re Zah­lun­gen für an­de­re Län­der, die mehr Asyl­be­wer­ber auf­neh­men.

Sind die EU-Staa­ten be­reit, sich so ein­bin­den zu las­sen? Das muss sich nun zei­gen. Rich­tig ist aber, dass die­ses In­stru­ment nur dann funk­tio­niert, wenn im Hin­ter­grund ei­ne aus­rei­chen­de Zahl von Län­dern steht, die Schutz­su­chen­de auf­neh­men. Die EU-Kom­mis­si­on hofft dies, weil sie dar­auf ver­traut, dass in die­sem neu­en Sys­tem die Asyl­be­rech­tig­ten frü­her von den il­le­ga­len Ein­wan­de­rern ge­trennt wer­den kön­nen – und dass de­ren Zu­rück­wei­sung und Heim­kehr sich auch wirk­lich or­ga­ni­sie­ren lässt.

Und was sa­gen Städ­te und Kom­mu­nen in Deutsch­land da­zu? Der Deut­sche Städ­te­und Ge­mein­de­bund (DStGB) hat den Vor­schlag für ei­ne Re­form der eu­ro­päi­schen Asyl- und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik als „gu­ten und trag­fä­hi­gen Kom­pro­miss“ge­lobt. Die Brüs­se­ler Plä­ne „sind ge­eig­net, die ak­tu­el­le Blo­cka­de für ein ge­mein­sa­mes Vor­ge­hen der Mit­glied­staa­ten in der Asyl- und Mi­gra­ti­ons­po­li­tik auf­zu­lö­sen“, sag­te DStGBHaupt­ge­schäfts­füh­rer Gerd Lands­berg im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. „Das gilt ins­be­son­de­re für die Stär­kung des EU-wei­ten Grenz­schut­zes, die Ein­rich­tung zen­tra­ler Asyl- und Rück­füh­rungs­zen­tren an den EUG­ren­zen, ei­ne ef­fek­ti­ve­re Rück­füh­rungs­po­li­tik so­wie die Re­form des Du­blin-Ver­fah­rens mit ei­nem Sys­tem der So­li­da­ri­tät.“

Lands­berg be­zeich­ne­te es als „es­sen­zi­ell und rich­tig“, dass die Iden­ti­täts- und Si­cher­heits­prü­fun­gen Ge­flüch­te­ter „in den EU- Grenz­staa­ten“vor­ge­nom­men wer­den sol­len, be­vor die Men­schen auf an­de­re Län­der und Kom­mu­nen wei­ter­ver­teilt wür­den. Mit aus­rei­chend Per­so­nal und Aus­stat­tung in den Auf­nah­me­zen­tren könn­ten die Asyl­ver­fah­ren im We­ge des so­ge­nann­ten Scree­nin­gVer­fah­rens „schnellst­mög­lich ab­ge­schlos­sen und bei Ab­leh­nung des Asyl­be­geh­rens die Rück­füh­rung durch­ge­führt wer­den“, sag­te er. „Das ent­schärft auch die mo­men­ta­ne Si­tua­ti­on in Grie­chen­land oder Ita­li­en.“

Karikatur: Ger­hard Mes­ter

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