An­griff der Su­per-Bu­bis

Bersenbrucker Kreisblatt - - SPORT - Von Udo Muras im In­ter­net nach­le­sen auf noz.de/muras

FRANKFURT Ist schon neue Sai­son oder noch al­te? Die Bay­ern wie­der vorn, da­hin­ter der BVB und Leip­zig, Wer­der und Schal­ke wie­der mal lä­cher­lich schlecht und im Kel­ler. Da­mit nicht ge­nug, es war ver­däch­tig viel Alt­be­kann­tes zu se­hen: 17 der 18 Klubs hat­ten den Trai­ner be­hal­ten, das gab es zu­letzt vor 16 Jah­ren, und in den Auf­stel­lun­gen fan­den sich, wenn’s hoch kam, zwei Neue, bei Bie­le­feld drei.

Als Auf­stei­ger müs­sen sie na­tür­lich auf­rüs­ten, denn ent­ge­gen oft be­müh­ter und sel­ten über­prüf­ter Weis­hei­ten ist das ers­te Jahr sehr wohl schwe­rer als das zwei­te. Dass die meis­ten Klubs kei­ne neu­en Ge­sich­ter prä­sen­tier­ten und des­halb auch kein neu­es Ge­sicht ha­ben, hängt na­tür­lich mit Co­ro­na zu­sam­men. Was war, war schon schlimm ge­nug, und weil kei­ner weiß, was noch kommt, blei­ben die Scha­tul­len eben zu. Die Fol­ge: von Auf­bruchs­stim­mung kei­ne Spur.

Wie war das doch in se­li­gen Zei­ten so schön, als Braun­schweig plötz­lich ei­nen Paul Breit­ner hol­te, der HSV Kevin Kee­gan und Köln mit Ro­ger van Gool sei­nen ers­ten Mil­lio­nen­trans­fer tä­tig­te. In mei­nen Kin­der­au­gen wa­ren sie nach den Som­mer­fe­ri­en plötz­lich ganz an­de­re Klubs ge­wor­den – und al­le woll­ten sie Meis­ter wer­den, denn das durf­te man sich da­mals noch zu sa­gen trau­en. Es fehlt der Don­ner­schlag in die­sem im­mer­hin noch zwei Wo­chen of­fe­nen Trans­fer­fens­ter. Dass Le­roy Sa­né aus den Su­per-Bay­ern die Hy­perBay­ern macht, ist kei­ner.

Wohl dem Klub, der in sei­nem haus­ei­ge­nen Kin­der­gar­ten ein paar Ta­len­te hat, die nicht nur mit den Gro­ßen spie­len wol­len, son­dern auch kön­nen. Das näm­lich ist doch neu in die­ser Sai­son: der An­griff der 17-Jäh­ri­gen! Der ge­schätz­te „Ki­cker“hat die Ka­der der Li­ga ge­scannt und

Zu­sam­men 34 Jah­re alt: die BVB-Jung­stars Gio­van­ni Reyna (r.) und Ju­de Bel­ling­ham. kam auf elf Spie­ler, die noch kein Au­to fah­ren und nicht wäh­len dür­fen.

Dass in Dort­mund ein Tor fiel, das ein 17-Jäh­ri­ger auf Vor­ar­beit ei­nes Gleich­alt­ri­gen er­ziel­te, gab es in der Bun­des­li­ga noch nie. Die Fach­welt schwärmt von Gio­van­ni Reyna und Ju­de Bel­ling­ham, nur der Bun­des­trai­ner seufzt still vor sich hin, denn Deut­sche sind sie nicht. Ju­li­an Brandt und Mar­co

Reus, die ih­ret­we­gen auf der Bank sit­zen, schon. Der dau­er­prä­sen­te TV-Ex­per­te Mar­cel Reif hat zwar schon ge­warnt, dass kei­ner nur mit 17Jäh­ri­gen Meis­ter wer­de, aber oh­ne sie wur­de Dort­mund auch nicht Meis­ter.

Was will ich sa­gen? Lasst sie spie­len, wenn sie es doch kön­nen. Ver­heizt sie nicht und las­tet ih­nen nicht gleich wie­der auf, Vor­bil­der zu sein. Auf je­dem Dorf­fest mit Al­ko­hol­aus­schank kön­nen wir se­hen, wie schwer das die­ser Al­ters­grup­pe fällt. Bloß weil sie Fuß­bal­ler sind, sol­len sie an­ders drauf sein? Ver­gesst es. Zu­mal die Mil­lio­nen­ge­häl­ter nicht un­be­dingt zur Er­dung bei­tra­gen, wie zahl­lo­se Bei­spie­le zei­gen. Über­frach­tet sie auch nicht mit Er­war­tun­gen. Der letz­te 17jäh­ri­ge „Wun­der­spie­ler“spielt seit ei­nem Jahr in der 3. Li­ga und wird selbst bei höchs­ter Per­so­nal­not nicht „oben“ran: Jan-Fie­te Arp, Held beim HSV, heu­te Lehr­ling bei den Bay­ern.

Bei de­nen durf­te üb­ri­gens einst ein ge­wis­ser Franz Be­cken­bau­er an­no 1964 noch mit 18 nicht mit­spie­len, weil der der Süd­deut­sche Fuß­ball­ver­band ge­mäß sei­nes Sta­tuts die Zu­stim­mung ver­wei­ger­te – ei­ne Form von Ju­gend­schutz. Da­mals war man ja auch erst mit 21 voll­jäh­rig. Aus­ge­rech­net der so sit­ten­stren­ge DFB war we­ni­ger für­sorg­lich, als die Bay­ern in die von ihm ver­an­stal­te­te Auf­stiegs­run­de ka­men, durf­te der jun­ge Kaiser end­lich los­wir­beln. Was aus ihm wur­de, ist hin­läng­lich be­kannt. Was wird wohl erst aus den neu­en Su­per­bu­bis wie all den BVBGra­na­ten, dem Le­ver­ku­se­ner Flo­ri­an Wirtz oder Main­zer Paul Ne­bel? Falls sie we­der Ge­sund­heits- noch Ju­gend­amt stop­pen, dür­fen wir es ge­spannt mit­an­se­hen – und das ist die schö­ne Ne­ben­wir­kung der Pan­de­mie.

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