Bersenbrucker Kreisblatt

Ra­di­oArt.Land sen­det aus Qua­ken­brück

Wie ein klei­ner Ra­dio­sen­der aus Qua­ken­brück Men­schen in Zei­ten von Co­ro­na ver­bin­den will

- Von Mir­ko Nord­mann Entertainment · Music · Quakenbruck · Spotify · Spotify · Apple Inc · Apple Music · Amsterdam · Osnabruck · Bocholt · Tibet · United States of America · Brooklyn · Staten Island · Iceland · Scala · Lastrup · Vechta · Woodstock, CT · Lohne · Jace Everett

QUA­KEN­BRÜCK Seit Au­gust ver­sorgt der In­ter­net-Ra­dio­sen­der Ra­di­oArt.Land Mu­sik­be­geis­ter­te mit ei­nem breit ge­fä­cher­ten Pro­gramm und trös­tet Dis­co­gän­ger so­wie Mu­sik­knei­pen­ro­man­ti­ker über die Fol­gen des Lock­downs hin­weg. Denn der gleich­na­mi­ge ge­mein­nüt­zi­ge Ver­ein, der hin­ter dem nicht kom­mer­zi­el­len Strea­m­ing­sen­der steht, hat es sich zur Auf­ga­be ge­macht, die Men­schen wäh­rend der Co­ro­naPan­de­mie zu ver­bin­den und die Kunst nicht voll­ends in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten zu las­sen. Zu­dem greift Ra­di­oArt.Land auch ak­tu­el­le The­men aus Po­li­tik und Ge­sell­schaft auf – wie in ei­ner Son­der­sen­dung zur US-Prä­si­den­ten­wahl oder mit der neu­en Sen­dung „Bits + Pie­ces“, in der sich der Os­na­brü­cker Mu­sik­wis­sen­schaf­ter Hol­ger Sch­wet­ter mit den Gen­de­ras­pek­ten in Rock- und Pop­songs be­schäf­tigt.

QUA­KEN­BRÜCK Kei­ne Kon­zer­te, kei­ne Dis­cos, kei­ne Kn­ei­pen – im Co­ro­na-Lock­down herrscht Stil­le, un­ter der nicht nur die Kul­tur­schaf­fen­den lei­den, son­dern auch die vie­len Mu­si­ken­thu­si­as­ten. In Zei­ten der ge­sell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Iso­la­ti­on hat sich ein klei­ner In­ter­net-Ra­dio­sen­der aus Qua­ken­brück auf die Fah­ne ge­schrie­ben, mit Mu­sik ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen den Men­schen zu schaf­fen – das ist Ra­di­oArt.Land!

„ Art“-Land – die­ser Be­griff lässt Bob Gid­dens schon seit 40 Jah­ren, die der ge­bür­ti­ge Bri­te nun in Qua­ken­brück lebt, nicht mehr los. Er hät­te wohl kei­nen pas­sen­de­ren Ort fin­den kön­nen als das Art­land – das Kunst­land (eng­lisch: art = Kunst). „Das war für mich im­mer ein Auf­hän­ger“, sagt Gid­dens, ei­nes der Vor­stands­mit­glie­der des ge­mein­nüt­zi­gen Ver­eins Ra­di­oArt.Land, der hin­ter dem Strea­m­ing-Sen­der steht. „Es gab hier im­mer viel gu­te Mu­sik“, er­in­nert Gid­dens an le­gen­dä­re Tanz­schup­pen in der nä­he­ren Um­ge­bung wie das Fiz Oblon in Bip­pen, das Sca­la in Las­trup, die Neue Hei­mat in Thü­le oder den Cir­cus Mu­si­cus in Mär­schen­dorf zwi­schen Loh­ne und Vech­ta.

„Man ist da­mals raus­ge­gan­gen, um neue Mu­sik zu hö­ren“, er­zählt Gid­dens – wohl wis­send, dass sei­ne Wor­te Te­enager und jun­ge Er­wach­se­ne, die die neu­es­ten Hits heu­te per Spo­ti­fy oder App­le Mu­sic rund um die Uhr strea­men kön­nen, ver­wun­dern dürf­ten. Vor 40 Jah­ren war das un­denk­bar. Da ist man auch schon mal mit dem Au­to nach Ams­ter­dam ge­fah­ren, um die neu­es­ten Mu­si­kal­ben zu kau­fen, die dann in den Dis­ko­the­ken auf den Plat­ten­tel­lern lan­de­ten.

Auch wenn die­se Zei­ten längst pas­sé sind, kam bei Gid­dens und ein paar Gleich­ge­sinn­ten die Fra­ge auf, was man in ei­ner Pan­de­mie tun kann, um die Kn­ei­pen- und Bar­kul­tur auf­recht­zu­er­hal­ten, sie zu den Leu­ten zu trans­por­tie­ren. Die Idee von Ra­di­oArt.Land war ge­bo­ren. „Mu­sik ist ein gu­tes Me­di­um, um ei­ne Ver­bin­dung zu schaf­fen“, er­klärt Gid­dens, für den Mu­sik auch im­mer po­li­tisch war. Es war die Zeit von Wood­stock, Hip­pie-Träu­men und dem Viet­nam­krieg, als Gid­dens an­fing, sich für Mu­sik zu in­ter­es­sie­ren.

Ge­schlech­ter­rol­len

Po­li­tik und hoch­ak­tu­ell ist auch das Ge­sell­schafts­the­ma der Sen­dung „Bits & Pie­ces“, die erst­mals am heu­ti­gen Don­ners­tag, 26. No­vem­ber, um 21.15 Uhr aus­ge­strahlt wird. In sei­nem Ra­dio­cast be­leuch­tet der Mu­sik­wis­sen­schaft­ler Hol­ger Sch­wet­ter aus Os­na­brück die Ge­schlech­ter­de­bat­te aus mu­si­ka­li­scher Sicht. An­hand von vie­len hö­rens­wer­ten Songs von in­ter­es­san­ten In­ter­pre­ten zeigt Sch­wet­ter, wie es mit der Rol­len­ver­tei­lung in Pop- und Rock­songs so aus­sieht.

In der ers­ten Fol­ge, die erst­mals am Don­ners­tag, 26. No­vem­ber 2020, um 21.15 Uhr zu hö­ren sein wird, geht es bei­spiels­wei­se um das The­ma „ Aus­ge­hen“. Da hält Sch­wet­ter dem vor Tes­to­ste­ron trie­fen­den Rock-Song „Bad Things“von Jace Ever­ett das un­si­che­re „Thin Li­ne“von Ho­ney­ho­ney ent­ge­gen und geht an­schlie­ßend in sei­ner Ana­ly­se mu­sik­wis­sen­schaft­lich durch­aus in die Tie­fe.

Sch­wet­ter scheut auch nicht da­vor zu­rück, die Rol­len­kli­schees der Schla­ger­bran­che zu be­leuch­ten. Da tritt Ni­co­le mit ih­rem Gran­dP­rix-Song „Ein biss­chen Frie­den“ge­gen Gun­ter Ga­bri­el mit „Hey Boss, ich brauch mehr Geld an“– der Wunsch nach Welt­frie­den ge­gen die plum­pe For­de­rung nach mehr Geld. Klingt nach deut­li­cher Sa­che zu­guns­ten der Sän­ge­rin. Weit ge­fehlt – Sch­wet­ter gibt al­lein an die­sem Bei­spiel ei­nen Ein­blick in die Mu­sik­bran­che der frü­hen 1980er-Jah­re und er­klärt für den lai­en­haf­ten Zu­hö­rer nach­voll­zieh­bar, wie sich das kli­schee­haf­te Rol­len­bild auch in den Lie­dern ma­ni­fes­tiert. Schon die ers­ten 80 Mi­nu­ten las­sen er­ah­nen, dass

Sch­wet­ters „Bits & Pie­ces“zum Gen­der in Rock- und Pop­songs durch­aus Kult­po­ten­zi­al hat.

Ver­bin­dung schaf­fen

Die­se Sen­dung ist für Bob Gid­dens nur ein Be­leg da­für, dass Mu­sik auch heu­te noch po­li­tisch sei, sagt er. „Kunst hat die Mög­lich­keit, Din­ge zu ver­än­dern. Aber in Zei­ten von Co­ro­na gibt es kei­ne Kunst.“Da­her hof­fen die Ma­cher von Ra­di­oArt.Land, mit ih­rem Pro­gramm Ver­bin­dung zwi­schen den Men­schen zu schaf­fen. „Die Leu­te seh­nen sich nach Kul­tur und Be­geg­nung“, sagt Gid­dens.

Gro­ße Reich­wei­ten und Hö­rer­zah­len sei­en nicht das Ziel des Ver­eins. „Wir wol­len den Leu­ten ei­nen op­ti­mis­ti­schen Aus­blick ge­ben“, sagt Gid­dens, „wir wer­den wie­der zu­sam­men­kom­men. Aber es wird noch lan­ge dau­ern, bis es wie­der so wird, wie es war.“

Da­mit das War­ten nicht so lan­ge dau­ert, bie­tet Gid­dens pas­sen­de Mu­sik in sei­ner Sen­dung „Dan­ce Er­satz“. Da sei manch­mal schon schrä­ge Mu­sik da­bei, „aber ich ste­he da­zu“. In den Sen­dun­gen, die haupt­säch­lich mitt­wochs bis sams­tags live auf https://ra­dio­art­land.org ge­streamt wer­den, gibt es die ver­schie­dens­ten Mu­sik­rich­tun­gen zu hö­ren. Här­te­re Klän­ge ser­viert Har­ry V. in sei­ner Sen­dung „Me­tal Is Re­li­gi­on“. Bei Gis­bert We­ge­ners „Hot Tu­nes“steht hin­ge­gen Pro­gres­si­ve Rock im Mit­tel­punkt.

Wie Wegener, der frü­her schon im Fiz Oblon auf­ge­legt hat und auch als DJ der Mu­si­cland-Par­ty in Res­trup be­kannt ist, ha­ben auch an­de­re DJs aus dem Ra­di­oArt.Lan­dTeam weit­rei­chen­de Er­fah­rung und sind si­cher­lich kei­ne Un­be­kann­ten: DJ Fi­di, DJ Schu­by oder DJ Trixa ha­ben schon et­li­che Par­tys in der

Re­gi­on an­ge­heizt. Nun ste­hen sie re­gel­mä­ßig im Ra­dio­stu­dio in der Used-Fa­b­rik­hal­le am Qua­ken­brü­cker Bahn­hof und schi­cken ih­re Mu­sik raus in die Welt. Dass sie mit Spaß bei der Sa­che sind, se­hen die Zu­hö­rer im Live-Vi­deo aus dem Stu­dio.

Aber wie­so Ra­dio, wenn es oh­ne Vi­deo nicht geht?! Ist Ra­dio nicht von ges­tern? Dem stimmt Bob Gid­dens nur be­dingt zu. „Ra­dio hat sei­nen Platz in der Ge­sell­schaft – es ist nur ent­täu­schend, wie es da­steht.“Es ge­be nicht mehr vie­le gu­te Ra­dio­sen­der. Die meis­ten Pro­gram­me wid­men sich dem Main­stream, um ei­ne mög­lichst gro­ße Hö­rer­schaft zu ge­win­nen. „Da bleibt die Kunst an sich au­ßen vor“, fällt Gid­dens ein har­tes Ur­teil. Er ist aber über­zeugt da­von, dass man mit ei­nem gu­ten Ra­dio­for­mat wich­ti­ge Denk­an­stö­ße zu vie­len The­men ge­ben kann.

Für Bob Gid­dens ist es da­her auch wich­tig, dass in den Sen­dun­gen auf Ra­di­oArt.Land nicht ein­fach Lied nach Lied ab­ge­spielt wird. „ Je­de Show soll ei­ne Ge­schich­te er­zäh­len“, sagt Gid­dens, der an­ge­tan da­von ist, wie vie­le gu­te DJs mit­ma­chen. „Qua­ken­brück hat un­glaub­lich vie­le Leu­te, die was kön­nen. Das ist ei­ne klei­ne Groß­stadt“, schwärmt Gid­dens, der als Sän­ger der Band „Cliff Bar­nes and the Fe­ar of Win­ning“so­wie als Or­ga­ni­sa­tor des Be­ne­fiz-Fes­ti­vals „Rock für Ti­bet“in der Mu­sik­sze­ne na­tür­lich gut ver­netzt ist. Apro­pos „Rock für Ti­bet“: Auf­grund der Co­ro­naPan­de­mie konn­te das Fes­ti­val am Qua­ken­brü­cker Bahn­hof 2020 nicht statt­fin­den. Doch die mehr als sechs St­un­den lan­ge Son­der­sen­dung auf Ra­di­oArt.Land brach­te im­mer­hin gut 3000 Eu­ro an Spen­den­gel­dern ein.

Die meis­ten DJs sen­den di­rekt aus dem Qua­ken­brü­cker Stu­dio. Das ist für Gast-DJ Ga­ry nicht mög­lich – das ist Bob Gid­dens’ Bru­der, der in den USA lebt und sei­ne „Sounds from Gu­wa­nus“aus Brook­lyn schickt. Ga­ry Gid­dens hat auch bei dem nicht kom­mer­zi­el­len Ra­dio­sen­der Ma­ker Part Ra­dio aus Sta­ten Is­land ei­ne re­gel­mä­ßi­ge Sen­dung und ist da­mit an der Ent­ste­hung von Ra­di­oArt.Land nicht ganz un­schul­dig. „Er war der Aus­lö­ser“, sagt Bru­der Bob. In der Nacht der US-Prä­si­dent­schafts­wahl wa­ren die Gid­dens-Brü­der üb­ri­gens in ei­ner Son­der­sen­dung im Wech­sel zu hö­ren.

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Fo­to: Mir­ko Nord­mann Seit Au­gust sen­det Ra­di­oArt.Land mit Bob Gid­dens aus der Used-Fa­b­rik­hal­le am Qua­ken­brü­cker Bahn­hof.

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