Bersenbrucker Kreisblatt

Pip­pi Langs­trumpf als Vor­bild

Klas­si­ker er­schien vor 75 Jah­ren: Was ha­ben heu­ti­ge be­kann­te Frau­en mit Lind­grens wil­der Fi­gur ge­mein?

- Billie Eilish · Caribbean · Andrea Nahles · Bundestag · Bundestag of Germany · Christian Social Union · Angela Merkel · Venice · Eva Mattes · Berlin · Charlotte Roche · Kiepenheuer & Witsch · Robbie Williams · Astrid Lindgren

OS­NA­BRÜCK Vor 75 Jah­ren er­schien der Kin­der­buch­klas­si­ker „Pip­pi Langs­trumpf “von As­trid Lind­gren. Die Fi­gur ist bis heu­te ein Vor­bild für das freie Le­ben. Aber wer sind die un­an­ge­pass­ten Frau­en, die heu­te Pip­pi Langs­trumpf nach­ei­fern?

Von Da­ni­el Be­ne­dict, Ste­fan Lüd­de­mann, Fried­rich Nie­mey­er, Kat­ha­ri­na Rit­zer, Me­la­nie Hei­ke Schmidt und Joa­chim Schmitz

OS­NA­BRÜCK Sie ist frech, un­an­ge­passt und stär­ker als je­der Mann: Pip­pi Langs­trumpf. Vor 75 Jah­ren er­schien der Kin­der­buch­klas­si­ker von As­trid Lind­gren. Das Mäd­chen mit den feu­er­ro­ten Zöp­fen ist bis heu­te ein Vor­bild für das freie Le­ben. Aber wer sind die un­an­ge­pass­ten Frau­en, die heu­te Pip­pi Langs­trumpf nach­ei­fern? Hier sind un­se­re sechs Kan­di­da­tin­nen.

Bil­lie Ei­lish: Al­so, beim Na­men kann Bil­lie Ei­lish (19) schon mal lo­cker mit­hal­ten mit Pip­pi­lot­ta Vik­tua­lia Roll­gar­di­na Pfef­fer­minz Efraim­s­toch­ter Langs­trumpf, ih­rer re­vo­lu­tio­nä­ren Schwes­ter im Geis­te: Wer mit vol­lem Na­men Bil­lie Ei­lish Pi­ra­te Baird O’Con­nell heißt, der ver­sprüht min­des­tens so viel Ge­ruch der Ka­ri­bik wie Pip­pi, die Toch­ter des Kö­nigs ei­ner Süd­see­insel ist.

Auch bei der Haar­far­be steht Bil­lies Gift­grün-Schwarz dem Rost­rot von Pip­pi in nichts nach. Wo Pip­pi bei al­ler Re­bel­li­on ge­gen die Er­wach­se­nen­welt aber noch ih­re al­ten Zöp­fe trägt, da sind al­le al­ten Zöp­fe bei Bil­lie Ei­lish ab­ge­schnit­ten: Sie ging nicht zur öf­fent­li­chen Schu­le, son­dern wur­de zu Hau­se un­ter­rich­tet. Kein Plat­ten­mo­gul quatscht ihr rein bei der Ar­beit, wenn sie zu­sam­men mit ih­rem Bru­der Welt­hits im Kin­der­zim­mer kom­po­niert, kein Sty­leBe­ra­ter sucht ih­re Schlab­ber­kla­mot­ten aus.

Wo Pip­pi mit zwei Nach­bars­kin­dern, ei­nem Äff­chen und ei­nem Pferd aber ei­ne doch eher schma­le Fan­ba­se be­dient, da kann Bil­lie Ei­lish al­lein im ver­gan­ge­nen Jahr auf mehr als ei­ne Mil­li­ar­de Streams für ihr De­büt­al­bum ver­wei­sen. War noch was? Ach ja, Pip­pi träl­lert ihr „Ich hab ein Haus, ein kun­ter­bun­tes Haus“nur Tom­my und An­ni­ka vor, wäh­rend Bil­lie Ei­lish ihr „Not Ti­me To Die“für nie­mand Ge­rin­ge­ren singt als für Bond, Ja­mes Bond. Noch Fragen?

Andrea Nah­les: „Ich mach mir die Welt, wid­de wid­de, wie sie mir ge­fällt!“, singt Andrea Nah­les am 3. Sep­tem­ber 2013 im Deut­schen Bun­des­tag. „Wir sind nicht in der Vil­la Kun­ter­bunt“, ruft Ste­fan Mül­ler (CSU) ihr zu. Da­bei will Nah­les nur Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel kri­ti­sie­ren. Für ih­re der­ben Sprü­che ern­tet die SPD-Po­li­ti­ke­rin oft Spott und Hä­me. Manch­mal löst sie so­gar Ent­set­zen aus. Et­wa als sie nach der Bun­des­tags­wahl 2017 Rich­tung CDU sagt: „ Ab mor­gen krie­gen Sie in die Fres­se!“

„Haus­frau oder Bun­des­kanz­le­rin“, schreibt Nah­les als Be­rufs­wunsch in die Abi­zei­tung. Schon mit 18 weiß die Rhein­län­de­rin, wo sie hin­will. Mit 19 grün­det sie in ih­rem Hei­mat­ort Wei­ler ei­nen SPD

Orts­ver­band, mit 25 wird sie Ju­so-Che­fin. 2002, mit 32, der ers­te Dämp­fer: Nah­les fliegt aus dem Bun­des­tag. Die stu­dier­te Ger­ma­nis­tin wid­met sich ei­ner Dok­tor­ar­beit. Fer­tig schreibt sie sie nie. Die po­li­ti­sche Kar­rie­re ruft. 2005 geht es zu­rück in den Bun­des­tag. 13 Jah­re spä­ter steht sie an der Spit­ze der SPD. Aber hef­ti­ge par­tei­in­ter­ne Kri­tik be­las­tet Nah­les. Als ih­re Par­tei bei der Eu­ro­pa­wahl 2019 ab­stürzt, nimmt sie den Schleu­der­sitz. In­ner­halb we­ni­ger Ta­ge tritt die heu­te 50-Jäh­ri­ge vom Frak­ti­ons- und Par­tei­vor­sitz zu­rück, legt ihr Bun­des­tags­man­dat nie­der. Bis heu­te lebt sie auf ei­nem Bau­ern­hof im Rhein­land.

Pip­pi­lot­ti Rist: Wer die­se vier Mi­nu­ten und 32 Se­kun­den ge­se­hen hat, be­kommt sie nicht wie­der aus dem Kopf. Ei­ne jun­ge Frau in blau­em Kleid und ro­ten Schu­hen geht in Zeit­lu­pe ei­ne Stra­ße ent­lang. Sie schwingt ei­ne Feu­er­li­lie, schlägt mit ihr Sei­ten­schei­ben par­ken­der Au­tos ein. Die Po­li­tes­se grüßt freund­lich da­zu. „Ever is over all“: Das Vi­deo von 1997 gibt Pip­pi­lot­ti Rist das Mar­ken­zei­chen. Sie ist die sanf­te An­ar­chis­tin der zeit­ge­nös­si­schen Kunst.

Rist heißt ganz bür­ger­lich Eli­sa­beth Char­lot­te. Pip­pi­lot­ti nennt sie sich nach As­trid Lind­grens Kin­der­buch­fi­gur Pip­pi Langs­trumpf. Na­men sind bei ihr Pro­gramm. Ihr Sohn heißt Hi­ma­la­ya. Kon­ven­tio­nen, Gren­zen? Rist will wei­ter. Sie macht Rock­mu­sik, lehrt an Hoch­schu­len, wird mit ih­ren Vi­de­os welt­be­rühmt. „Vi­deo ist wie ei­ne kom­pak­te Hand­ta­sche, da ist von Li­te­ra­tur über Ma­le­rei bis zur Mu­sik al­les drin“, sagt die Künst­le­rin. Gro­ße Kunst kann so prag­ma­tisch sein und so di­rekt. Sie ver­wan­delt Rie­sen­räu­me in Vi­deo­land­schaf­ten, et­wa auf der Bi­en­na­le von Ve­ne­dig. Nicht ste­hen blei­ben, das ganz an­de­re träu­men – das ist ih­re Le­bens­phi­lo­so­phie. Zeich­net nicht ge­nau das auch Pip­pi Langs­trumpf aus?

Eva Mat­tes: Thea­ter­star, Fass­bin­der-Schau­spie­le­rin, Tat­or­tKom­mis­sa­rin – mit Eva Mat­tes, die am 14. De­zem­ber ih­ren 66. Ge­burts­tag fei­ert, ver­bin­den sich vie­le At­tri­bu­te. Doch sie hat­te schon viel frü­her, als 14-jäh­ri­ge Schü­le­rin, ein Mil­lio­nen­pu­bli­kum. Denn Mat­tes

war nicht nur die deut­sche Syn­chron­stim­me des Jun­gen Tim­my Mar­tin in der welt­weit po­pu­lä­ren US-Fern­seh­se­rie „Las­sie“, son­dern syn­chro­ni­sier­te auch Pip­pi Langs­trumpf. In der 21-tei­li­gen TV­Se­rie wur­de sie zur deut­schen Stim­me von Pip­pi-Darstel­le­rin In­ger Nils­son, in den vier Ki­no­fil­men lieh sie ih­re Stim­me wie­der­um Pär Sund­berg, der da­mals den Tom­mi spiel­te. „Über­haupt ha­be ich häu­fig Jungs syn­chro­ni­siert, weil ich so ei­ne brü­chi­ge Stimm­bruch­stim­me hat­te“, be­rich­te­te Mat­tes vor Jah­ren im Ge­spräch mit un­se­rer Re­dak­ti­on. „Das war für mich ein gro­ßer Spaß, ein rie­si­ges Ver­gnü­gen.“Schon mit zwölf ha­be sie „seit ein paar Jah­ren“ge­wusst, dass sie Schau­spie­le­rin wer­den wol­le.

Pip­pi Langs­trumpf war da zwar nicht der ers­te, aber ein äu­ßerst wich­ti­ger Schritt für das Mäd­chen, das nach ei­ge­nen Wor­ten als Kind wild, em­pa­thisch und mit ei­nem aus­ge­präg­ten Ge­rech­tig­keits­sinn aus­ge­stat­tet war. Denn für die Fern­seh­se­rie hat­te sie da­mals auch den Ti­tel­song „Hey Pip­pi Langs­trumpf“ge­sun­gen, den sie „ein­fach be­son­ders schön“fin­det.

Au­to­rin As­trid Lind­gren be­glei­tet Eva Mat­tes üb­ri­gens bis heu­te. Bei Lie­der­aben­den las die Schau­spie­le­rin noch im ver­gan­ge­nen Jahr aus den Ta­ge­bü­chern Lind­grens, die wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs ent­stan­den wa­ren. Von der Schrift­stel­le­rin, ist Mat­tes über­zeugt, kön­ne man sich in Sa­chen Em­pa­thie, Cou­ra­ge, Mut und Hu­mor so ei­ni­ges ab­gu­cken: „Sie war schon auch

ei­ne Pip­pi Langs­trumpf, die ge­kämpft hat für ih­re Welt.“

Lu­cy van Org: Man­che Frau­en hau­en ei­nen schlicht­weg um. Konn­te man dies bei dem Mäd­chen Pip­pi Langs­trumpf in ei­ni­gen Ge­schich­ten ganz wört­lich verstehen, liegt die Stärke von Lu­cy van Org auf so vie­len Ebe­nen, dass es den Rah­men sprengt, sie al­le auf­zu­zäh­len. Sie selbst löst das Pro­blem, in­dem sie sich be­schei­den „Mehr­zwe­cken­ter­tai­ne­rin“nennt. Aber greift das al­les? Schließ­lich ist van Org, 1971 in Ber­lin ge­bo­ren, nicht nur Sän­ge­rin, Buch­au­to­rin, Dreh­buch­schrei­be­rin, Schau­spie­le­rin, Mo­de­ra­to­rin oder Vo­cal­coach, son­dern hat sich auch in ei­ner im­mer noch von Män­nern do­mi­nier­ten Bran­che durch­ge­setzt: Sie be­sitzt ein ei­ge­nes Ton­stu­dio und sorgt als Mu­sik­pro­du­zen­tin für den bes­ten Sound. Sie ist al­so nicht nur selbst Künst­le­rin, die – wä­re nicht Co­ro­na – mit ih­ren mu­si­ka­li­schen Le­sun­gen Sä­le füllt, son­dern auch noch „die an den Reg­lern“.

Wer hät­te das 1994 ge­dacht, als Lu­ci mit ih­rer Band Lu­cilectric den Über-Hit „Mäd­chen“her­aus­brach­te, da­mit

Charts und Her­zen er­ober­te und plötz­lich ein Pop­star war? Das Lied ha­be ihr „Glück ge­bracht“, hat Lu­ci in ei­nem In­ter­view mit un­se­rer Re­dak­ti­on ein­mal ge­sagt. Doch das Mäd­chen von da­mals ist längst er­wach­sen, ver­hei­ra­tet und Mut­ter ei­nes Soh­nes. „Ich bin ger­ne Frau“, sagt Lu­ci van Org des­halb auch. „ Aber ich ha­be im­mer ei­nen Kampf ge­kämpft, mich da­durch nicht ein­schrän­ken zu las­sen, ge­ra­de in mei­nem Be­ruf.“Ein Satz zum Ein­rah­men – und ei­ner mo­der­nen Pip­pi Langs­trumpf wür­dig.

Char­lot­te Ro­che: Ist Char­lot­te Ro­che die neue Pip­pi Langs­trumpf? Zu le­sen ist das oft. „Pip­pi Langs­trumpf der Prok­to­lo­gie“hieß ei­ne „Feucht­ge­bie­te“-Film­kri­tik. Die As­so­zia­ti­on geht auf Ro­che selbst zu­rück. Dass Kie­pen­heu­er & Witsch ih­ren Best­sel­ler ab­ge­lehnt hat­te, er­klär­te sie näm­lich so: „Ich ha­be de­nen ge­sagt, ich ma­che so et­was wie ei­ne por­no­gra­fi­sche Pip­pi Langs­trumpf – aber das war de­nen dann wohl zu hef­tig.“

Die fröh­li­che Uner­schro­cken­heit, mit der Ro­che die Welt her­aus­for­dert, ist pip­piesk. Aber wen die ech­te Pip­pi auch über­rum­pelt – Räu­ber, Po­li­zis­ten, das Fräu­lein Prys­se­li­us –, im Kern ist es im­mer der­sel­be Trick: ei­ne Kin­der­lo­gik, die er­wach­se­ne Kon­ven­tio­nen bla­miert. Und Char­lot­te Ro­che ist nicht kind­lich: Mit 15 soll sie sich Blut ins Ge­sicht ge­schmiert ha­ben, um die Er­wach­se­nen zu scho­cken. Robbie Wil­li­ams ver­schreck­te sie spä­ter mit Sper­ma-Wit­zen. „Feucht­ge­bie­te“han­delt von in­ti­men Selbst­ver­let­zun­gen. Das ei­ge­ne In­tim­le­ben macht ihr Pod­cast öf­fent­lich. Und für ei­ne Show von Jo­ko und Klaas hat Ro­che sich den Rü­cken ge­pierct – um an den Rin­gen Bun­gee zu sprin­gen.

Pip­pi Langs­trumpfs kind­li­che Über­le­gen­heit hat viel da­mit zu tun, dass ihr zwei Din­ge völ­lig fremd sind: Schmerz und Se­xua­li­tät. Ge­nau das al­so, wo­mit Ro­che uns kon­fron­tiert. Was den Markt­wert ih­rer Bü­cher an­geht, hat Kie­pen­heu­er & Witsch sich bit­ter ver­schätzt. Beim Ver­gleich mit As­trid Lind­gren stimmt es aber: Für ei­ne mo­der­ne Pip­pi ist Char­lot­te Ro­che wohl – zu hef­tig.

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Fo­tos: dpa/epa Scan­pix Swe­den, Ar­ne De­dert, Hannibal Hanschke, En­nio Le­an­za, Britta Pedersen, Ge­org Wendt; ima­go images/APress
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