Bersenbrucker Kreisblatt

Ab­zug aus ei­nem sym­bol­träch­ti­gen Ort

Wo die Trup­pe erst­mals kämp­fen muss­te: Nach fast 18 Jah­ren ver­lässt die Bun­des­wehr das af­gha­ni­sche Kun­dus

- Von Isa­bel­le Da­ni­el und Micha­el Fi­scher Military · Terrorism · Politics · Warfare and Conflicts · World Politics · Kunduz · German Defence Force · Taliban · Afghanistan · NATO · Potsdam · Kabul · German Ministry of Defence · al-Qaeda · Tajikistan · Berlin · Donald Trump · Trump family · United States of America · Baghlan · Mazar-e Sharif · Thomas de Maizière · George Klein · Franz Josef Jung

BER­LIN/KA­BUL Kun­dus gilt als Schick­sals­ort der Bun­des­wehr. Vor zehn Jah­ren wur­den in der nord­af­gha­ni­schen Pro­vinz erst­mals seit dem En­de des Zwei­ten Welt­kriegs deut­sche Sol­da­ten wie­der in stun­den­lan­ge Ge­fech­te ver­wi­ckelt. Drei von ih­nen ka­men im Be­schuss durch die ra­di­kal-is­la­mi­schen Ta­li­ban ums Le­ben. Ins­ge­samt star­ben in dem in­zwi­schen fast 19 Jah­re an­dau­ern­den Af­gha­nis­tan-Ein­satz der Bun­des­wehr bis­lang 59 Sol­da­ten. Die meis­ten bei An­schlä­gen oder in Schuss­wech­seln – und nir­gend­wo wa­ren es mehr als in Kun­dus und der Nach­bar­pro­vinz Bagh­lan.

Jetzt ver­lässt die Trup­pe den Ort – und das be­reits zum zwei­ten Mal. In den nächs­ten Wo­chen sol­len die et­wa 100 bis­lang fest in Kun­dus sta­tio­nier­ten Sol­da­ten in das nörd­li­che Haupt­quar­tier der Na­to-Aus­bil­dungs­mis­si­on „Re­so­lu­te Sup­port“ins et­wa 170 Ki­lo­me­ter west­lich ge­le­ge­ne Ma­sar-i-Scha­rif ver­legt wer­den. Das be­stä­tig­te das Ein­satz­füh­rungs­kom­man­do in Gel­tow bei Pots­dam. Ins­ge­samt sind noch 1250 Bun­des­wehr­sol­da­ten in Af­gha­nis­tan sta­tio­niert, der größ­te Teil da­von oh­ne­hin be­reits in Ma­sar-i-Scha­rif. Der drit­te Stand­ort ist die Haupt­stadt Ka­bul.

Der be­son­ders ge­si­cher­te Bun­des­wehr-Stütz­punkt im „Camp Pa­mir“der af­gha­ni­schen Ar­mee in Kun­dus soll trotz­dem be­ste­hen blei­ben. Dort wa­ren die Deut­schen seit März 2018 im Rah­men der Na­to-Mis­si­on „Train, Ad­vi­se, As­sist“(TAA) prä­sent. Das klei­ne Kon­tin­gent ist für die Aus­bil­dung und Be­ra­tung des 217. Korps der af­gha­ni­schen Streit­kräf­te zu­stän­dig. Je nach Be­darf sol­len künf­tig Be­ra­ter­teams nach Kun­dus ge­flo­gen wer­den, um die­sem Auf­trag wei­ter nach­zu­kom­men. Ei­ne stän­di­ge Bun­des­wehr­prä­senz vor Ort wird es aber nicht mehr ge­ben.

„Zä­sur für die Ge­sell­schaft“

Als die Bun­des­wehr 2013 zum ers­ten Mal aus der nord­af­gha­ni­schen Pro­vinz ab­zog und nach zehn Jah­ren ihr Feld­la­ger dicht­mach­te, in dem da­mals rund 900 Sol­da­ten sta­tio­niert wa­ren, da sag­te der da­ma­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Tho­mas de Mai­ziè­re: „Kun­dus, das ist für uns der Ort, an dem die Bun­des­wehr zum ers­ten Mal ge­kämpft hat, ler­nen muss­te zu

kämp­fen. Das war ei­ne Zä­sur – nicht nur für die Bun­des­wehr, son­dern auch für die deut­sche Ge­sell­schaft.“

Die deut­sche Ar­mee ist seit 2002 in Af­gha­nis­tan prä­sent. Ziel war nach den An­schlä­gen vom 11. Sep­tem­ber 2001 der Sturz der Ta­li­ban-Re­gie­rung, der vor­ge­wor­fen wur­de, Ter­ror­or­ga­ni­sa­tio­nen wie Al-Kai­da Rück­zugs­mög­lich­kei­ten ge­bo­ten zu ha­ben. Zu­nächst be­schränk­te sich das Ein­satz­ge­biet auf die Haupt­stadt­re­gi­on Ka­bul. Nach der Aus­wei­tung des Man­dats der In­ter­na­tio­na­len Schutz­trup­pe (Isaf ) im Herbst 2003 be­gann dann der Bun­des­wehr­ein­satz in Kun­dus.

In den Fo­kus der deut­schen Öf­fent­lich­keit rück­te die Pro­vinz­haupt­stadt an der Gren­ze zu Tad­schi­kis­tan aber erst im Sep­tem­ber 2009. Seit­dem ist der Na­me Kun­dus wohl für im­mer mit dem ver­hee­ren­den Na­to-Luft­an­griff ver­bun­den, den der deut­sche Oberst Ge­org Klein an­ge­ord­net hat­te. Zwei Tank­las­ter wa­ren da­mals na­he dem deut­schen Feld­la­ger von Ta­li­ban-Kämp­fern ge­ka­pert wor­den. Klein be­fürch­te­te, dass die Lkw als rol­len­de Bom­ben ge­gen das La­ger ein­ge­setzt wer­den könn­ten.

Auf An­for­de­rung der Bun­des­wehr grif­fen US-Kampf­flug­zeu­ge die Tank­las­ter an. In de­ren Um­kreis hiel­ten sich je­doch zahl­rei­che Zi­vi­lis­ten auf. Wie vie­le Men­schen bei dem Bom­bar­de­ment ge­nau ge­tö­tet wur­den, ist bis heu­te un­ge­klärt. Of­fi­zi­ell ist von 91 To­ten und elf Ver­letz­ten die Re­de; un­ab­hän­gi­ge Zäh­lun­gen ge­hen von 142 To

ten aus. Der Luft­an­griff führ­te zu ei­ner Re­gie­rungs­kri­se in Ber­lin. Der da­ma­li­ge Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter Franz Jo­sef Jung (CDU) trat En­de 2009 von sei­nem neu­en Amt als Ar­beits­mi­nis­ter zu­rück. Ihm wur­de die Ver­tu­schung bri­san­ter In­for­ma­tio­nen vor­ge­wor­fen.

Dass das Ka­pi­tel Kun­dus für die Bun­des­wehr nun end­gül­tig be­en­det ist, war laut Ein­satz­füh­rungs­kom­man­do seit Mo­na­ten ge­plant. Schon im Spät­som­mer ha­be die mi­li­tä­ri­sche Füh­rung des Na­toEin­sat­zes in Ka­bul die­se Ent­schei­dung ge­trof­fen. Mit der von US-Prä­si­dent Do­nald Trump ver­gan­ge­ne Wo­che be­schlos­se­nen Be­schleu­ni­gung des Ab­zugs der ame­ri­ka­ni­schen Trup­pen aus Af

gha­nis­tan ha­be sie nichts zu tun. Die schei­den­de US-Re­gie­rung hat­te an­ge­kün­digt, wei­te­re 2000 Sol­da­ten ab­zu­zie­hen. Bis Mit­te Ja­nu­ar soll die US-Trup­pen­stär­ke in dem Land am Hin­du­kusch dem­nach auf 2500 re­du­ziert wer­den. Bei den Na­to-Ver­bün­de­ten lö­sen die Plä­ne gro­ße Sor­gen aus – sie be­fürch­ten ein Wie­der­er­star­ken der Ta­li­ban oder ein Aus­brei­ten der Dschi­ha­dis­ten­mi­liz Is­la­mi­scher Staat (IS).

Sze­na­ri­en für ei­nen kom­plet­ten Rück­zug aus Af­gha­nis­tan hat die Bun­des­wehr aber schon vor Mo­na­ten ent­wi­ckelt. Das Ab­kom­men zwi­schen den USA und den Ta­li­ban be­sagt, dass die in­ter­na­tio­na­len Trup­pen bis April kom­men­den Jah­res schritt­wei­se ab­zie­hen. Da­zu müs­sen die Ta­li­ban aber zu­nächst da­für sor­gen, dass die Ge­walt im Land ab­nimmt.

Völ­lig un­klar ist je­doch, ob Trumps Plä­ne nun ei­nen be­schleu­nig­ten Ab­zug auch der Bun­des­wehr nö­tig ma­chen. Ein Spre­cher des Bun­des­ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­ums sag­te vo­ri­ge Wo­che, zur Vor­be­rei­tung sei­en be­reits rund 100 wei­te­re Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten im Stütz­punkt bei Ma­sar-i-Scha­rif.

 ?? Fo­to: dpa/Micha­el Kappeler ?? Ab­schied vom Feld­la­ger: 2013 zo­gen die deut­schen Sol­da­ten schon ein­mal aus Kun­dus ab – jetzt ge­ben sie den Stand­ort er­neut auf.
Fo­to: dpa/Micha­el Kappeler Ab­schied vom Feld­la­ger: 2013 zo­gen die deut­schen Sol­da­ten schon ein­mal aus Kun­dus ab – jetzt ge­ben sie den Stand­ort er­neut auf.

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