Bersenbrucker Kreisblatt

Lie­ber re­pa­rie­ren statt weg­wer­fen

EU-Par­la­ment for­dert nach­hal­ti­gen Bin­nen­markt / Her­stel­ler sol­len an­ge­ben, wie lan­ge ein Pro­dukt hält

- Von Detlef Drewes Consumer Goods · Parliament of Georgia · European Parliament · European Union · European People's Party group · European People's Party · Evelyne Gebhardt

BRÜS­SEL Kühl­schrän­ke, Mo­bil­te­le­fo­ne, To­as­ter und Fo­to­vol­ta­ik-An­la­gen – 53 Mil­lio­nen Ton­nen Elek­tro­schrott lan­den je­des Jahr auf dem Müll. 23 Ki­lo pro­du­ziert je­der Bun­des­bür­ger im Jahr – von ei­nem nach­hal­ti­gen Bin­nen­markt kann er­kenn­bar kei­ne Re­de sein. Das Eu­ro­päi­sche Par­la­ment hat ges­tern ei­nen neu­en Weg ge­wie­sen: Mit gro­ßer Mehr­heit vo­tier­ten die Ab­ge­ord­ne­ten für die Wie­de­r­und Wei­ter­ver­wer­tung. „Das Han­dy zu re­pa­rie­ren, statt es weg­zu­wer­fen, schont Kli­ma, Res­sour­cen und den Geld­beu­tel“, sag­te die Grü­nen-Eu­ro­pa­po­li­ti­ke­rin An­na Ca­vaz­zi­ni.

Was den Volks­ver­tre­tern vor­schwebt, ist nichts we­ni­ger als ei­ne klei­ne Re­vo­lu­ti­on auf dem Markt der Elek­tro­ge­rä­te. So soll der Kun­de schon beim Kauf um­fas­sen­de In­for­ma­tio­nen über die Le­bens­dau­er ei­nes Pro­duk­tes so­wie über die Mög­lich­kei­ten, es spä­ter zu re­cy­celn, be­kom­men. Die War­tungs­an­lei­tung müss­te aus­führ­li­che In­for­ma­tio­nen über mög­li­che Re­pa­ra­tu­ren ent­hal­ten. Er­satz­tei­le zu fai­ren Prei­sen sol­len die Her­stel­ler für den ge­sam­ten Zei­t­raum der ge­schätz­ten Halt­bar­keit vor­hal­ten und in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Frist auch lie­fern. Und muss­te ein Ge­rät re­pa­riert wer­den, soll die Ga­ran­tie wie­der neu be­gin­nen.

So­ge­nann­te Soll­bruch­stel­len, die ein Un­ter­neh­men bei sei­nen Pro­duk­ten ein­baut, da­mit es spä­tes­tens nach ei­ner be­stimm­ten Nut­zungs­dau­er nicht mehr funk­tio­niert (Ob­so­le­s­zenz), wol­len die Ab­ge

Sol­len leich­ter und güns­ti­ger re­pa­riert wer­den kön­nen: al­te Elek­tro­ge­rä­te.

ord­ne­ten un­ter Stra­fe stel­len. „Be­trü­ge­ri­sche Prak­ti­ken wie die be­ab­sich­tig­te Ab­nut­zung oder Al­te­rung von Pro­duk­ten scha­den nicht nur den Ver­brau­chern, son­dern auch der Um­welt“, be­ton­te die Bin­nen­markt-Ex­per­tin der So­zi­al­de­mo­kra­ten im EU-Par­la­ment, Eve­ly­ne Geb­hardt. Das ist die Li­nie der neu­en Vor­schlä­ge für ei­nen nach­hal­ti­gen Bin­nen­markt: Die Her­stel­ler-Haf­tung wird aus­ge­wei­tet und ver­schärft. Die Ab­ge­ord­ne­ten se

hen die Bür­ger bei die­sem Vor­stoß hin­ter sich. Bei ei­ner Eu­ro­s­tat-Um­fra­ge ga­ben 77 Pro­zent der Be­frag­ten an, dass sie ger­ne und häu­fi­ger ein Ge­rät re­pa­rie­ren las­sen wür­den, an­statt es zu ent­sor­gen – vor­aus­ge­setzt, die Kos­ten für ei­ne Wie­der­her­stel­lung sei­en fair und ver­tret­bar.

Doch so nach­voll­zieh­bar die Ent­schlie­ßung auch klingt, die Kri­tik fiel hef­tig aus. Christ­de­mo­kra­ten und Li­be­ra­le wei­ger­ten sich, den

Vor­schlag, mit dem die EU­Kom­mis­si­on zu ei­nem ent­spre­chen­den Ge­set­zes­vor­schlag auf­ge­for­dert wer­den soll, mit­zu­tra­gen. Andre­as Schwab (CDU), Spre­cher der EVP-Frak­ti­on in der eu­ro­päi­schen Ab­ge­ord­ne­ten­ver­tre­tung, wehr­te sich vor al­lem ge­gen hand­werk­li­che Feh­ler so­wie ei­ne Über­for­de­rung der Un­ter­neh­men – bei­spiels­wei­se durch die ver­pflich­ten­de An­ga­be „über die ver­mu­te­te Le­bens­dau­er ei­nes Pro­duk

tes“. Au­ßer­dem sei­en so­ge­nann­te „ge­plan­te De­fek­te“be­reits vor zwei Jah­ren als un­lau­te­re Ge­schäfts­pra­xis un­ter­sagt wor­den. Schwab ha­be sich „bes­se­re Vor­schlä­ge“ge­wünscht.

Doch die Be­reit­schaft der meis­ten Ab­ge­ord­ne­ten, der Wirt­schaft ei­ne wei­te­re Schon­frist ein­zu­räu­men, ist nach der Ran­ge­lei um ein­heit­li­che La­de­ka­bel für Mo­bil­te­le­fo­ne und an­de­re elek­tro­ni­sche Ge­rä­te kaum noch vor

han­den. Schon vor zehn Jah­ren hat­ten Par­la­ment und Kom­mis­si­on die Her­stel­ler auf­ge­for­dert, den stän­di­gen Wech­sel von Ste­ckern zu be­en­den, so­dass die La­de­ge­rä­te auch für Nach­fol­ge­pro­duk­te nutz­bar sind. Ge­bracht hat das we­nig bis gar nichts. Nun soll die EU-Be­hör­de ent­spre­chen­de Ge­set­ze er­las­sen. Im ers­ten Halb­jahr 2021 sind neue Vor­schrif­ten an­ge­kün­digt, die dann 2022 in Kraft tre­ten wür­den.

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Fo­to: dpa/Chris­ti­an Charisius

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