Oh, là, là:

G20-Gip­fel Die Kanz­le­rin will die größ­ten In­dus­trie- und Schwel­len­län­der auf ei­nen Kon­sens zu Kli­ma­schutz, Frei­han­del und Ent­wick­lungs­hil­fe ver­pflich­ten. Das kann auch schief­ge­hen. Von Gun­ther Hart­wig

Bietigheimer Zeitung - - Vorderseite - Fo­tos: Get­ty Images

So ku­sche­lig sieht deutsch-fran­zö­si­sche Freund­schaft aus. Frank­reichs Prä­si­dent Emmanuel Macron und Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ha­ben sich herz­lich be­grüßt. Mit ih­rem Tref­fen läu­te­ten die bei­den die Vor­be­rei­tung der EU-Staa­ten auf den G20-Gip­fel ein. Ne­ben Macron weil­ten The­re­sa May aus Groß­bri­tan­ni­en und Pao­lo Gen­ti­lo­ni aus Ita­li­en in Ber­lin.

An­ge­la Mer­kel macht sich nichts vor. „Es wer­den schwie­ri­ge Ge­sprä­che“, weiß die Kanz­le­rin ei­ne Wo­che vor dem G20-Gip­fel in Ham­burg. Wäh­rend An­ge­la Mer­kel ges­tern im Bun­des­tag ih­ren Aus­blick auf die Kon­fe­renz gab, lie­fen hin­ter den Ku­lis­sen die Ver­hand­lun­gen über die Ab­schluss­er­klä­rung der Staats- und Re­gie­rungs­chefs wei­ter auf Hoch­tou­ren. Schon im­mer wa­ren Kom­pro­mis­se in die­sem Kreis kom­pli­ziert, die­ses Mal er­schei­nen ge­mein­sa­me Po­si­tio­nen der gro­ßen Wirt­schafts­na­tio­nen zu den wich­tigs­ten Her­aus­for­de­run­gen der Zeit noch frag­li­cher als bis­her.

Schon ei­ni­ge Ta­ge vor Be­ginn des Gip­fels kom­men die „Sher­pas“un­ter Lei­tung des Mer­kel-Be­ra­ters Lars-Hen­drik Röl­ler am Kon­gres­sort zu­sam­men, um die Be­ra­tun­gen der Chefs an den bei­den Gip­fel­ta­gen (7. und 8. Ju­li) mög­lichst zu er­leich­tern. Seit Mo­na­ten be­müht sich der Wirt­schafts­pro­fes­sor aus dem Kanz­ler­amt um ei­ne Ver­stän­di­gung mit sei­nen 19 Kol­le­gen, bis­lang aber sind die meis­ten Streit­the­men un­ge­löst. Of­fen be­nann­te SPD-Frak­ti­ons­chef Tho­mas Op­per­mann den Schul­di­gen da­für, dass „der Wes­ten zum ers­ten Mal bei ei­nem sol­chen Gip­fel nicht ei­nig ist: US-Prä­si­dent Do­nald Trump spal­tet“.

Die­ser Be­fund gilt auch nach An­sicht von Ex­per­ten min­des­tens für zwei der zen­tra­len Ge­sprächs­the­men von Ham­burg: den Kli­ma­schutz und den Welt­han­del, we­ni­ger für an­de­re von der Bun­des­re­gie­rung auf die Ta­ges­ord­nung ge­setz­te Punk­te wie die Afri­ka-Hil­fe, ei­ne bes­se­re Ge­sund­heits­ver­sor­gung und die ge­sell­schaft­li­che Stär­kung der Frau­en. Wäh­rend Op­per­mann im Ein­klang mit der Op­po­si­ti­on von Mer­kel ver­lang­te, not­falls ei­ne „19:1-Al­li­anz ge­gen Trump“zu schmie­den, will die Kanz­le­rin bis zu­letzt ver­su­chen, den „of­fen­kun­di­gen Dis­sens“mit dem US-Prä­si­den­ten zu über­win­den. Ei­ne ro­te Li­nie aber mar­kier­te sie sehr wohl: „Das Kli­ma­ab­kom­men von Pa­ris ist un­um­kehr­bar und nicht ver­han­del­bar.“

Um sich zu­min­dest im Kreis der Eu­ro­pä­er ge­gen­sei­ti­ger Un­ter­stüt­zung auf dem Gip­fel zu ver­si­chern, emp­fing die Bun­des­kanz­le­rin ges­tern nach­ein­an­der ih­re Kol­le­gen aus den EU-Teil­neh­mer­staa­ten, dar­un­ter Frank­reichs neu­en Staats­prä­si­den­ten Emmanuel Macron, die bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­te­rin Te­re­sa May und EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­dent Je­an-Clau­de Juncker. Frei­lich wer­den es die Eu­ro­pä­er im Kreis der G20 nicht nur mit Do­nald Trump als ei­gen­wil­li­gem Kon­tra­hen­ten zu tun be­kom­men, son­dern auch mit Russ­lands Staats­ober­haupt Wla­di­mir Pu­tin und dem tür­ki­schen Prä­si­den­ten Re­cep Tay­yip Er­do­gan.

Ge­gen­über „die­sen drei Her­ren“, be­fand in der Par­la­ments­de­bat­te To­ni Ho­frei­ter von den Grü­nen, sei es für An­ge­la Mer­kel „ziem­lich ein­fach, ver­nünf­tig zu wir­ken“. Das dür­fe aber nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass die vor­ma­li­ge „Kli­ma­kanz­le­rin“in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ih­re Haus­auf­ga­ben im ei­ge­nen Land nicht ge­macht ha­be. Bei den Koh­len­di­oxid­emis­sio­nen ge­be es Still­stand seit dem Jahr 2009, der Aus­stieg aus der Braun­koh­le kom­me eben­so nicht vor­an wie die Ener­gie­wen­de im Ver­kehr und in der Land­wirt­schaft, klag­te Ho­frei­ter: „Wer füh­ren will in Eu­ro­pa und bei den G20, muss mit gu­tem Bei­spiel vor­an­ge­hen, Frau Mer­kel!“

Nicht nur beim Me­ga­the­ma Kli­ma­schutz dro­hen in Ham­burg die frü­her mal heh­ren Zie­le der Kanz­le­rin auf der Stre­cke zu blei­ben. We­der die Eu­ro­pä­er und schon gar nicht Do­nald Trump wer­den ih­re In­ves­ti­tio­nen in er­neu­er­ba­re Ener­gi­en ver­dop­peln, um die Er­der­wär­mung auf höchs­tens zwei Grad Cel­si­us zu be­gren­zen, wie es ei­ne ak­tu­el­le Stu­die ver­langt. Sehr weit lie­gen die Gip­fel­teil­neh­mer auch bei ih­ren Vor­stel­lun­gen über ei­nen frei­en Welt­han­delt aus­ein­an­der. Da klingt das Man­tra der Kanz­le­rin schon fast na­iv: „Pro­tek­tio­nis­mus und Ab­schot­tung sind der fal­sche Weg.“

Un­ver­dros­sen hält Mer­kel in­des­sen an dem Mot­to der Kon­fe­renz an der Als­ter fest: „Ei­ne ver­netz­te Welt ge­stal­ten.“Aber ob sich die mäch­tigs­ten Füh­rer die­ser Er­de ge­mein­sam auf den von der Kanz­le­rin ge­wünsch­ten Weg des Mul­ti­la­te­ra­lis­mus ma­chen, ist zwei­fel­haft. So­gar um ei­nen Mi­ni­mal­kon­sens dürf­te so hart wie nie zu­vor in die­sem il­lus­tren Zir­kel ge­run­gen wer­den.Und dass die an­ge­kün­dig­ten Pro­tes­te der Glo­ba­li­sie­rungs­kri­ti­ker fried­lich blei­ben, wie die Gast­ge­be­rin hofft, er­scheint eben­falls of­fen.

Das Mot­to des il­lus­tren Tref­fens in Ham­burg lau­tet: „Ei­ne ver­netz­te Welt ge­stal­ten.“

Fo­to: dpa

Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel ges­tern im Bun­des­tag: Beim G20-Gip­fel war­tet viel Über­zeu­gungs­ar­beit auf sie.

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